bedeckt München 11°
vgwortpixel

Propaganda zum Dschihad:Keine Fotos von Osama bin Laden mit Katze

Wie also kommen die zeitgenössischen Kämpfer des Dschihad zu den Katzen? Und vor allem - was wollen sie damit sagen? Die Mode ist jedenfalls brandneu. Fotos, die Osama bin Laden mit Katze zeigen, sind nicht überliefert. Weil die noch lebenden Foto- und Videokünstler auf Mail- und Facebook-Anfragen nicht antworten, bleibt nur die Spekulation.

Der Schlüssel könnte durchaus beim von Goethe angeführten Abu Huraira liegen. Denn er war nicht nur Katzenbesitzer und Kampfgefährte des Propheten, sondern auch ein viel zitierter Überlieferer des Hadith, also der Sprüche Mohammeds, neben dem Koran die zweite Quelle des Islam.

Posen mit Katze als sektiererisches Statement

In dieser Funktion ist Abu Huraira nicht unumstritten. Während die Sunniten ihn als besonders glaubwürdigen Überlieferer der Prophetensprüche einstufen, distanzieren sich die Schiiten von ihm. Sie bezeichnen ihn sogar als Lügner, weil er dem Propheten Aussagen in den Mund gelegt haben soll, die Ali, den aus Sicht der Schiiten rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds, in schlechtem Licht erscheinen ließen.

In der modernen Wirklichkeit eines sich zuspitzenden innerislamischen Religionskrieges zwischen Sunniten und Schiiten, der den gesamten Nahen Osten erfasst, ist da vieles denkbar. Da kann der Zwist um eine wichtige Figur der islamischen Heilsgeschichte seltsame Blüten treiben.

Der Hauptfeind des "Islamischen Staates" ist nämlich nicht, wie einige der amerikanischen und europäischen Sicherheitspolitiker gern glauben machen möchten, der Westen. Die radikale Sunnitentruppe richtet sich in erster Linie gegen die "schiitischen" Regierungen in Damaskus und zunehmend in Bagdad. In der Diktion der Dschihadisten heißt der Machtapparat des irakischen Präsidenten Nuri al-Maliki "die Regierung der Madschus".

"Madschus" ist ein uraltes Schimpfwort für Perser und die Religion des Zarathustra. Die radikalen Sunniten, die den heutigen Persern unterstellen, in Bagdad und Damaskus die Zügel der Macht zu lenken, haben die Bedeutung des Schmähbegriffs semantisch auf die Schiiten ausgeweitet.

Katzen sind mit frühislamischen Herrschern assoziiert

In den Kriegsgebieten des "Fruchtbaren Halbmonds" kann das Posieren mit Katze deswegen ein sektiererisches Statement darstellen. Denn das süße Tier ist mit einem frühislamischen Herrchen assoziiert, das den Machtanspruch der Schiiten mit Verachtung strafte. Eine Verachtung, die auf den Schlachtfeldern von Syrien und Irak grausame Folgen haben kann.

Man kann nur hoffen, dass die Isis-Kämpfer des "Islamischen Staates" niemals Dschahiz lesen werden. Denn der schreibt im Bagdad des neunten Jahrhunderts, dass nach dem Glauben der "Madschus", also der soeben besiegten Anhänger Zarathustras, die Katze das Geschöpf des Teufels (Ahriman) sei. Dieses Wissen würde den Fotokünstlern der dschihadistischen Moderne zusätzliche ikonografische Munition liefern.

© SZ vom 02.08.2014
Zur SZ-Startseite