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Profil:Die Frau, der nichts peinlich ist

Sandra Hüller

Die thüringische Schauspielerin Sandra Hüller hat gute Chancen in Hollywood.

(Foto: Alfred Steffen)

Sandra Hüller gilt als tollkühn und radikal. Jetzt wurde sie als beste europäische Schauspielerin geehrt - und könnte dem Film "Toni Erdmann" zum Oscar verhelfen.

Sie gilt als die Tollkühne, die Radikale, der nichts peinlich ist. Aber was erklärt das? Erklärt es jene Szene, wie sie in Maren Ades Film "Toni Erdmann" vorkommt, aber sonst im deutschen Kino oder in Hollywood nur ganz selten? Eine Sex-Szene, in der es kaum Sex gibt, sondern einen bizarren Wettstreit unter Alphatieren. Sandra Hüller, die verkniffene, eisige, leidensbereite Unternehmensberaterin Ines, hält sich ihren liebeshungrigen Kollegen dabei in letzter Sekunde mit der Bemerkung vom Leib: Nee, lass mal, ich will meinen Biss nicht verlieren, dann lenkt sie seine Lust auf ein Petit Four, sodass der Zuschauer danach nie wieder ein Petit Four so unbefangen essen wird wie vorher, aber Sandra Hüller vergisst er nicht mehr.

Bei der Verleihung der Europäischen Filmpreise am Samstag in Wrocław (Breslau) wurde "Toni Erdmann" mit Preisen überschüttet und Hüller als beste europäische Schauspielerin geehrt. Im Februar könnte der Film den Oscar holen, und das wäre auch ihr zu verdanken, die mit Peter Simonischek einen zum Heulen komischen Generationentausch vollführt: hier der krawallige Alt-68er-Vater, der die Elternrolle verweigert, dort die Tochter, die vor lauter Biss und Pflicht innerlich stirbt.

Hüller: Nacktszenen sind keine große Leistung

Sandra Hüller wurde 1978 in Suhl geboren, hat die Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin besucht, lebt mit ihrer Tochter in Leipzig, und ihre Agentur führt unter Dialekt bis heute präzise auf: Thüringisch (Heimatdialekt), Sächsisch. Und, ja, sie ist ziemlich schmerzfrei. Nacktszenen sind keine große Leistung, hat sie mal gesagt. Man dürfe sein Aussehen nicht überbewerten: Wer beim Spielen an seine Wirkung denkt, hat schon verloren. Das Ideal ist die reine Anwesenheit, nicht die Handlung, die Möglichkeit, Räume zu füllen, nicht die Tricks der Verwandlung.

In "Requiem", dem Exorzismus-Drama von Hans-Christian Schmid, schien diese Kunst zum ersten Mal auf. Sie spielte die Epileptikerin Michaela Klingler, die von ihrer Umgebung zu einer tödlichen Teufelsaustreibung gedrängt wird, mit einer sachlichen Leidensfähigkeit, als gäbe es keinen Unterschied zwischen innen und außen, als habe man ihr die Haut abgezogen, und nun liegt alles so offen zutage, dass man es kaum erträgt, aber wegschauen kann man auch nicht.

Auf der Bühne ist sie ein Solitär. Unter Johan Simons war sie über Jahre an den Münchner Kammerspielen zu sehen, etwa in Elfriede Jelineks "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall", aber auch in weniger beachteten Produktionen wie Eugene O'Neills Seelengründelei "Seltsames Intermezzo". Um Sandra Hüller an die Wand zu spielen, braucht es schon einen so monströsen Gegenspieler wie die gigantische Kohlenmischanlage bei der Ruhrtriennale in Marl, wo sie im Sommer in "Die Fremden" zu sehen war. Da wirkte sie winzig und verloren. Der Mensch muss sich geben, auch wenn ihn niemand haben will, hat der russische Schriftsteller Wenedikt Jerofejew mal geschrieben. Dabei hat er sie nicht mal gekannt.