Süddeutsche Zeitung

"Proeme":Wildes Gemüse

In Friederike Mayröckers neuem Buch: "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" geht es um den Knall den Knall ...

Von Tobias Lehmkuhl

Wovon handelt das Buch? Eine Frage, auf die in der Regel eine mehr oder weniger komplizierte, mehr oder weniger absehbare, mehr oder weniger ermüdende Handlung referiert werden muss. Friederike Mayröckers Erwiderung dagegen ist sehr einfach, überraschend und dürfte noch den schläfrigsten Leser sofort hellwach machen: "es geht um den Knall den Knall der Verliebtheiten, Vergeblichkeiten, Phantasien, Tagträume".

Der Knall trägt hier statt eines störenden Kommas gleich seinen eigenen Nachhall mit sich. Doch eigentlich dürfte jeder Buchfreund schon beim Betrachten des Titels ganz Ohr gewesen sein: "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" - was ist das bloß für eine herrliche syntaktische Unverschämtheit?! So kühn wie die bald 96-jährige Mayröcker dichtet niemand sonst. Sie tut es freilich nicht erst seit gestern.

Mayröcker letztes, 2018 erschienenes Buch "Pathos und Schwalbe" endet mit dem Satz: "in zwei Wochen wird meine Freundin gebären schreibt Lucien Freud es wird ein Lamm sein", und auch im ersten Eintrag von "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" taucht ein Lamm auf, ganz als sei das eine Buch aus dem anderen hervorgegangen. Tatsächlich arbeitet Mayröcker seit vielen Jahren, spätestens seit "études" von 2013, an einem chronologisch fortlaufenden Schreibprojekt. Mit jedem Buch allerdings verschieben sich die Akzente. Im aktuellen sind die tagebuchartigen Einträge kürzer, umfassen meist eineinhalb Seiten, und nicht zuletzt deswegen tragen sie stärker lyrischen Charakter. Mayröcker selbst spricht von "Proemen": "ich schreibe Prosa mit einem lyrischen touch, usw." Naturgemäß finden sich viele vertraute Elemente aus dem Mayröcker-Universum: Eiben, Leberblümchen, Tränen über Tränen, alte Fotografien, auf denen die Dichterin sich als Dreijährige betrachtet, Bad Ischl, Marcel Duchamp, Antoni Tapiès und Fernando Botero. Auch der Mayröcker-Lesern bekannte Schneider aus ihrer Nachbarschaft hat wieder einen Auftritt: "ach zipfelte wirbelte wildes Augengemüse in einem Schaufenster im Schaufenster des Schneiders Aslan Gültekin".

Mit jedem neuen Buch von ihr fühlt man sich literarisch frisch durchlüftet

Zugleich ist die gesellschaftlich-mediale Gegenwart sehr präsent. Da kauert ein "Vögelchen im browser", da wird das österreichische Wort des Jahres 2017 von der Dichterin zum Unwort des Jahres erklärt ("Vollholler"), da wird Instagram erwähnt, und über die eigenen Schuhe heißt es ganz modisch: "meine sneakers wie ich euch liebe". Auf Instagram übrigens findet man Fotos, die Mayröcker zusammen mit "Twintowas" zeigt, einem sechzig Jahre jüngeren Musiker-Zwillingspaar, das unter anderem mit dem Hip-Hopper RAF Camora auftritt.

Natürlich hört Mayröcker auch gerne Franz Schubert, aber ihre Literatur ähnelt eher einem Open Air-Konzert voller Pyrotechnik. Nur sind es bei ihr statt markerschütternder Bässe "diese Lanzen wie sie mich durchbohren, ich meine v.Frühling".

Auch wenn Mayröcker schon in den Sechzigerjahren U und E vermischt hat, auch wenn Hölderlin und Heavy Metal nie einen Gegensatz für sie darstellten, mit jedem neuen Buch von ihr fühlt man sich literarisch frisch durchlüftet: "corona, sagte ich, es gefiel ihm dasz ich corona sagte dasz ich corona in unser Gespräch einschleuste dasz ich corona thematisierte, ein fieberhaftes Leben!" (26.11.18)

Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 208 Seiten, 22 Euro.

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Quelle:
SZ vom 10.10.2020
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