Privatsammlung Weil sie es kann

Julia Stoschek, die Düsseldorfer Sammlerin, hat eine Dependance in Berlin eröffnet. Doch ihre legendäre Smartness hat sichtlich gelitten.

Von Catrin Lorch

Die Konstruktion hat etwas von einem mächtigen Gefährt - wer einsteigt, findet sich vor einer Reihe Schalthebel wieder. Da wo sonst die Armaturen eingebaut sind, ist allerdings ein Monitor eingelassen, auf dem man Video-Clips sehen kann. Und eine Kamera: Das Gesicht der Schwarzhaarigen, die gerade auf dem Fahrersitz Platz nimmt, erscheint wie in einer Fensterluke auf einem flimmernden Schwarz-Weiß-Screen.

Die Frau, die wirkt wie ein Model bei der Präsentation eines Neuwagens, ist Julia Stoschek, Sammlerin aus Düsseldorf, und sie sieht konzentriert aus und fröhlich. Die Installation "Jaguacuzzi" (2015) des Künstlers Neil Beloufa ist ja auch ein großer Mitmach-Spaß. Vor allem für die, die sich auskennen und beim Spielen darüber reflektieren, ob das - Achtung, Jargon! - jetzt eine Closed-Circuit-Installation ist oder doch eher eine Assemblage, schließlich stecken im Cockpit auch künstliche Zigarettenstummel.

Julia Stoschek hat darüber sicher schon nachgedacht, ihr gehört das Ding. Und beim Fototermin am Eröffnungstag ihrer Dependance in Berlin scheint es, als könne so ein Werk ein schützender Panzer sein - einer von diesen Humvees, mit denen Soldaten ins Kriegsgebiet brettern.

"Welt am Draht" ist Stoscheks erste Ausstellung in Berlin betitelt, ein Querschnitt durch eine Kollektion "temporärer Bilder": Medienkunst, Werke der Post-Internet-Generation, wie es im Pressetext heißt, eine "künstlerische Formensprache, die erst durch die Digitalisierung möglich geworden ist". Der Titel bezieht sich auf einen zweiteiligen Fernsehfilm von Rainer Werner Fassbinder, ein Science-Fiction-Experiment aus den Sechzigern, der von der Szene als Matrix-Vorläufer wieder entdeckt wurde. Es handelt sich also um eine anspielungsreiche Zeile, medienreflexiv und historisch.

Die 41-Jährige macht - wie immer - vieles richtig: Sie hat für Berlin 38 Werke von 20 Künstlern ausgewählt, viele davon sind neu produziert oder werden erstmals gezeigt. Zu ihrer Sammlung gehören 700 Werke von 200 Künstlern - da kann man auswählen und ein Thema kuratorisch durchspielen. Und die Kunstmetropole ist nicht eben verwöhnt mit guten Medienkunstausstellungen: Die einzige bedeutende Sammlung der Stadt - das Video Forum im Neuen Berliner Kunstverein - ist verwahrt wie ein Archiv. Solche Monitore, in strahlend weiße, leuchtende Kunststoffkuben eingelassen, hat man hier noch nicht gesehen, auch nicht die schwarzen Rohr-Konstruktionen, an denen die Monitore frei zu schweben scheinen.

Außerdem ist Julia Stoschek souverän genug, auf alle Anzeichen von Werthaltigkeit und Seniorität zu pfeifen: Die Location an der Leipziger Straße - das ehemalige tschechische Kulturzentrum, das zwischendurch als Club genutzt wurde - ist nur angemietet. Die zurzeit sehr angesagte Architektin Johanna Meyer-Grohbrügge hat es mit Rigips und weißen Vorhangwellen mehr hergerichtet als umgebaut.

Klar, sie will gerne bleiben, sagt Stoschek. Aber sie macht klar, dass sie es nicht nötig hat, auch noch in Immobilien und Gentrifizierungsprojekte zu investieren. Bunker und Industrie-Ruinen aufmotzen und mit Blue-Chip-Kunst füllen, mit Gemälden, Skulpturen, Fotografien, das sollen andere. Sie ist am Puls der Zeit, hat die Welt am Draht, sie leistet diesen Auftritt mal einfach.

Still aus Frances Starks Video "My Best Thing" (2011).

(Foto: Courtesy of the artist and Gavin Brown's enterprise, New York)

Diese Nonchalance hatte ihr schon geholfen, als sie einstieg in die Kunst. Damals versuchte sie, es renommierten Sammlerinnen wie der Münchnerin Ingvild Goetz gleichzutun, die erst einmal Galeristin war. Nach zwei Jahren machte Stoschek die Galerie dicht, weil ihr das Talent zum Verkaufen fehlte, wie sie zugab - und übernahm das gesamte Lager. Sie war dann so klug, den einflussreichen MoMA-Kurator Klaus Biesenbach als Berater zu verpflichten. Der nahm die damalige Partnerin des Künstlers Andreas Gursky gerne an die Hand. Andere lästerten damals noch, dass die ersten Medienbilder, die von der jungen Sammlerin herumgezeigt wurden, Aufnahmen ihrer Dressurpferde waren.

Julia Stoschek hatte sichtlich kein Problem damit, dass sie reich war und schön und jung. Und bald war klar, dass die studierte Betriebswirtschaftlerin in der Kunst bleiben würde, statt in die familieneigene Firma, den milliardenschweren Autozulieferer Brose, einzusteigen. Sie verließ Coburg, wo ihr Vater jahrelang dafür kämpfte, damit eine Straße weiterhin nach dem Großvater Max Brose benannt blieb, der im Krieg Zwangsarbeiter beschäftigte. Und firmierte im kunstsinnigen Rheinland, in Manhattan und London unter dem schlanken Kürzel "JSC". Ihr Logo ist ein schlichter Punkt, der wie ein Markenzeichen auf Baumwolltaschen prangt, auf deren Rückseite - wie eine Zutatenliste - Künstlernamen gereiht sind.

Darunter sind Namen wie Dara Birnbaum und Valie Export, Christian Marclay, Elaine Sturtevant und Katharina Sieverding, aber auch die aktuelle Generation: Ed Atkins, Trisha Donnelly oder Hito Steyerl. Früh setzte "JSC" auf Kunst, die feministisch, sperrig, kunsthistorisch, medienaffin und eben auch jung war. Das brachte ihr Anerkennung in der Szene, in der sie in bedeutenden Gremien und Boards mitregieren durfte: im Museum of Modern Art, in Jurys und Berufungskommissionen. Dass die gerade eröffnete Berlin Biennale ein so perfekter Rahmen für die erste JSC-Vernissage ist, liegt auch daran, dass Stoschek im Vorstand des Biennale-Veranstalters Kunst-Werke für die Berufung der Kuratoren mit verantwortlich ist.

Allerdings ist die Show "Welt am Draht" ein ganz anderes Unternehmen als die auf höchstem Niveau präsentierten, brillant kuratierten Ausstellungen der vergangenen zehn Jahre im Düsseldorfer Stammhaus, einer alten Fabrik, die zum perfekten Ausstellungsbau verwandelt wurde.

In Berlin darf es im holzgetäfelten Kinosaal noch muffig riechen, während sich da, wo einmal die Leinwand war, eine viele Meter breite Animation von Ian Cheng nach eigenen Algorithmen entfaltet. "Emissary Forks at Perfection" (2015) ist technisch und gedanklich avanciert, wirkt aber so, als seien die kulleräugigen Tierchen, die kurz aufblitzen, aus Disney's "Cap und Capper" entführt und in den Vorwaschgang eines Video-Wargames gespült worden.

Die nicht gerade subtil beworbene Berliner Filiale an der Leipziger Straße.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Auch die drei "Infomercials" von Britta Thie, die von Fragestellungen wie "Is Your Hair Lifeless?" ausgehen, knüpfen nicht eben an die Poesie eines Ed Atkins an, dessen Avatare über eine Wimper reflektieren, die nach der Liebesnacht noch unter der Vorhaut steckt. Die "Welt am Draht" ist die aufgesexte Version der klugen Setzungen in Düsseldorf. "Edgy", hieß es bei der Eröffnung, was lobender klingt, als es gemeint ist, mehr Partytalk als Diskurs.

Es gibt einen Subtext zu dem Projekt. Und der ist nicht von Rainer Werner Fassbinder. Seit einem Bericht des Manager Magazins in diesem Frühjahr ist es auch kein Geheimnis mehr: Julia Stoschek ist seit Langem liiert mit Mathias Döpfner, dem mächtigen CEO des Springer-Verlags. Dem Artikel konnte man entnehmen, dass die Verlegerwitwe Friede Springer, seit Jahren mit der fünfköpfigen Familie Döpfner auch als Nachbarin im Potsdamer Villenviertel eng verbunden, die Liaison nicht eben schätze.

Ganz anders als in Düsseldorf, wo nur ein winziges Schild auf Stoscheks Stammhaus verweist, prangt in Berlin jetzt ein viele Meter breites Transparent an der Fassade, auf dem "Julia Stoschek Collection Welt am Draht" in Versalien zu lesen ist - groß genug, um auch aus der Vorstandsetage des nahegelegenen Springer-Hochhauses lesbar zu sein.

JSC fährt in Berlin mit einem Getöse vor, als sei die Kunst eine Wundermaschine wie Tschitti Tschitti Bäng Bäng, um in der Sprache der Automobilisten zu bleiben. Dabei stand es Julia Stoschek gut, dass sie in den letzten zehn Jahren durch die Szene kurvte, als säße sie am Steuer eines Bond-Autos, das seine technischen Finessen, wo nötig, mit geräuschloser Perfektion in Gang setzt.