Als die Londoner Tate im letzten Dezember ankündigte, ihre ständige Ausstellung zur britischen Kunst der letzten 60 Jahre für ein Jahr lang ausschließlich mit Kunst von Frauen zu bestreiten, wurde dies von vielen Kritikern als richtiger Schritt im Bemühen um mehr Diversität gefeiert.
Den Gegenbeleg für die Trägheit der Kunstszene in Fragen der Vielfalt lieferte das soeben zu Ende gegangene Berliner Gallery Weekend: Mit einem Anteil von 30 Prozent gab es in diesem Jahr deutlich weniger Kunst von Frauen zu sehen als in den Vorjahren. In Zeiten mit undurchsichtiger bis schwieriger Marktlage scheint in den Galerien teilweise ein programmatischer Konservatismus durchzuschlagen - der Rückzug auf die Kunst von etablierten, meist männlichen Künstlern.
Von 350 Werken der Sammlung sind 45 zu sehen. Sie reichen zurück bis ins 17. Jahrhundert
Die aufkommende Kritik an so einer Schieflage bezeichnete Maike Cruse, die Direktorin des Gallery Weekends, gegenüber The Art Newspaper als "extrem wichtige Diskussion". Doch sie kann den teilnehmenden Galerien schwerlich das Programm diktieren. Ob und wie reformfähig der Markt in dieser Hinsicht tatsächlich ist, wird eine der großen Fragen der kommenden Zeit.
In diesem Rahmen wirkt die Initiative von Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE, auf den ersten Blick progressiv und zeitgemäß. Für die erste öffentliche Präsentation seiner Privatsammlung in Potsdam hat sich Döpfner entschieden, ausschließlich Kunst von Frauen zu zeigen. Als Ort für seine Ausstellung bot sich das Privatmuseum an der Glienicker Brücke in Potsdam an, dessen Miteigentümer und -betreiber er selbst ist.
Ein Sammler habe er nie werden wollen, sagt Döpfner, doch vor rund 20 Jahren wurde er es doch. Angefangen hatte alles mit Akten aus dem Atelier von Johannes Grützke. Die Villa Schöningen wurde 2009 als "Freiheitsmuseum" im Beisein von Angela Merkel eröffnet, in den letzten Jahren fanden dort Ausstellungen mit Kunst von Anselm Kiefer, Olaf Metzel, Georg Baselitz und Andreas Slominski statt.
Der Titel der von diesem Samstag an geöffneten neuen Schau ist programmatisch: "Nude: Female Bodies By Female Artists". Um die 350 Werke zählt die Sammlung Döpfners mittlerweile, rund 45 werden nun in Potsdam erstmals öffentlich gezeigt. Darunter findet sich Überraschendes, wie etwa das um 1665 entstandene Bild "Beauty Fending off Time" der italienischen Barockmalerin Elisabetta Sirani, die nur 28 Jahre alt wurde und als Gründerin einer der ersten Malereischulen für Frauen in die Kunstgeschichte einging; oder ein ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert stammendes "Lucretia"-Bild, welches der neapolitanischen Malerin Diana De Rosa (1601 - 1643) zugeschrieben wird.
Diesen alten Bildern stellen Döpfner und seine Co-Kuratorin Ina Grätz Kunst aus der neueren wie neuesten Produktion gegenüber: eine Art Selbstporträt der amerikanischen Experimentalkünstlerin Carolee Schneemann aus dem Jahr 1963 etwa, Fotografien einer Performance von Marina Abramović & Ulay von 1976/1977, eine Skulptur mit dem Titel "Waiting for a Friend" (2003) der international gefeierten pakistanisch-amerikanischen Bildhauerin Huma Bhabha oder die Digitalprojektion "Liquid Lust" der 1988 geborenen Amerikanerin Signe Pierce, die gerade eine Einzelausstellung bei Eigen + Art hat.
Störte es den Sammler, dass die Kunst komplexer ist als das Konzept seiner Ausstellung?
Schon nach ein paar Schritten durch die Schau wird klar, dass der kleinste gemeinsame Nenner, das Thema "Akt", der ausgestellten Kunst nicht gerecht wird. Zu verschieden sind die historischen und kulturellen Entstehungskontexte und zu eigenständig sind die jeweiligen Geschichten. Warum werden sie nicht erzählt?
Von Hannah Wilke etwa, 1993 an Krebs gestorben, ist aus Interviews bekannt, dass sie sich wünschte, die Formen ihrer kleinen gefalteten Skulpturen aus Gips, Lehm oder Terracotta mögen von Kritik und Publikum nicht ausschließlich nur als die abstrahierten Formen von Schamlippen gelesen werden. Aber es half wenig und es hilft auch in dieser Ausstellung nichts, denn genau diese Lesart wird hier perpetuiert.
Auch in dem ebenfalls in Potsdam gezeigten, zehnminütigen 16-Millimeter-Film "Hannah Wilke Through the Large Glass" von 1976 geht es möglicherweise um etwas ganz anderes als den nackten Körper der Künstlerin - obwohl Wilke im Philadelphia Museum of Art einen Striptease vollführte. Denn Wilke wechselt ihre Posen hinter Duchamps berühmtem "Großen Glas", das zur Sammlung des Museums gehört und dessen Ruhm sie sich auf diese Weise künstlerisch für ihr eigenes Werk aneignete.
Doch darüber erfährt das Publikum nichts, weil es an erklärenden Texten fehlt. Warum? Man könnte darüber spekulieren, dass es den Ausstellungsmacher und Sammler womöglich sogar stört, dass die Kunst teils viel tiefgründiger und schlauer ist, als es sein schmalspuriges, auf die Nacktheit verengtes Sammlungs- und Ausstellungskonzept erlaubt.
Kunst von Frauen liefert nicht automatisch eine feministische Perspektive
Über Gustave Courbets viel zitiertes Gemälde "L'Origine du monde" ("Der Ursprung der Welt") hat Döpfner 2011 einmal einen langen Zeitungsessay verfasst und das Bild als den "Inbegriff des Kunstskandals" beschrieben: "Seine Rezeptionsgeschichte ist eine Geschichte der Grenzüberschreitungen und Verklemmungen, der Provokation und der Prüderie."
In seiner Ausstellung hat er in einem Raum vier Bilder zusammengezogen, die sich alle auf Courbets Skandal-Akt beziehen, darunter die Collage "Replace Me" von Rosemarie Trockel aus dem Jahr 2009. Die Künstlerin montierte die Abbildung einer pelzigen Vogelspinne über eine Schwarz-Weiß-Reproduktion von Courbets Bild. Gleich daneben hängt eine Fotografie von Anna-Stina Treumund, einer 2017 gestorbenen Künstlerin aus Talinn, die als eine der Ersten in Estland offen lesbisch lebte. Treumunds Fotografie zitiert Courbet ebenfalls und zeigt einen vaginalen Faustverkehr.
Doch auch hier bleibt unklar, was der Sinn hinter der kuratorischen Geste ist. Hinzu kommen Gruseleffekte wie die Installation der Künstlerin Marion Fink, die sich eigentlich im virtuellen Raum abspielt. Fink hat die lebensgroße gerenderte Rundumansicht eines Körpers jedoch auf eine Folie gedruckt und an die Wand gehängt. Es wirkt, als habe man einem Menschen die Haut abgezogen.
Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen? Der kritische Einwurf des feministischen Künstlerinnenkollektivs Guerilla Girls findet sich in der Potsdamer Schau auf nahezu skurrile Art und Weise verdreht in die Wirklichkeit verwandelt. Wenn "Nude" eines zeigt, dann vor allem dies: Eine Ausstellung mit Kunst von Frauen liefert nicht automatisch eine feministische Perspektive.
Nude. Villa Schöningen, Potsdam. Bis 1. Oktober.
