"Prisoners" im Kino Eishauch des Unbehagens

Er dreht keine teuren Filme mit Robotern und Monstern, sondern eher bescheidene Dramen, die auf ganz altmodische Weise großartig sind. In seinem neuen Werk "Prisoners" lässt Regisseur Denis Villeneuve Unbehagen am menschlichen Widerspruch entstehen. Gefangen sind hier am Ende alle.

Von Anke Sterneborg

Stimmt sie wirklich, die populäre Klage der amerikanischen Filmemacher - dass es heute leichter sei, einen teuren Film mit Robotern und Monstern finanziert zu bekommen als ein bescheidenes Drama über menschliche Beziehungen? Nicht für den Frankokanadier Denis Villeneuve. Sein "Prisoners" ist auf ganz altmodische Weise großartig, weil er einfach von Menschen erzählt, die unter Druck geraten und den großen Fragen gegenüberstehen.

Keller Dover (Hugh Jackman) zum Beispiel. Er ist ein Naturbursche in Holzfällerjacke und Jeans, der an Gott glaubt und seine Familie beschützt, im Notfall auch mit gebunkerten Vorräten im Keller. "Wenn es brenzlig wird", lässt er seinen Sohn wissen, "dann bist du selbst das Einzige, was zwischen dir und deinem Tod steht."

Dann wird er auf eine harte Probe gestellt. Das Thanksgiving-Idyll mit zwei benachbarten Familien zerbricht, als die Eltern merken, dass ihre beiden kleinen Töchter spurlos verschwunden sind.

Villeneuve nimmt sich viel Zeit, um die verzweifelte Suche nach den Mädchen in Gang zu bringen, um all die menschlichen Verstrickungen auszuloten, um die schon seine vorausgegangenen Filme kreisten. Betäubender Kummer, nach innen gerichteter Schmerz. Nur Jackmans Keller wird zum wütenden Berserker, der einen schnell gefundenen und mangels Beweisen bald wieder freigelassenen Verdächtigen brachial in die Mangel nimmt. Paul Dano spielt diesen brüchigen Kindmann, in dessen verschrecktem Gebaren eine diffuse Bedrohung mitschwingt.

Wenn Keller gegen die moralischen Richtlinien seines Glaubens agiert, wirft er auch all die Fragen auf, die seit 9/11 durch die amerikanische Gesellschaft spuken.

Unbequeme Fragen

Dabei setzt Villeneuve nicht auf oberflächliche Thriller-Effekte, sondern eher auf gärendes Unbehagen. Die tief wurzelnden menschlichen Widersprüche, die er dabei zutage fördert, zwingen auch den Zuschauer bald dazu, sich einige unbequeme Fragen zu stellen.

Gefangen sind hier am Ende alle. Das gilt auch für den getriebenen Polizisten Loki, den Jake Gyllenhaal mit irrlichterndem Blick, dunklen Augenringen und einem nervösen Liderzucken spielt. Er steht für die altmodische Beharrlichkeit, mit der Villeneuve an das Thrillergenre herangeht, die dem schmutzigen New Hollywood näher ist als dem CGI-Blendwerk des modernen Eventkinos.

Im Kern knüpft "Prisoners" an die Rachethriller der Siebzigerjahre an - doch statt nur einem Mann zu folgen, der rot sieht, entfaltet er ein weitläufiges Mosaik der Wechselwirkungen. Mit dem Blick des Fremden schaut Villeneuve auf das ländlichen Amerika, und der grandiose Kameramann Roger Deakins überzieht seine unterkühlten Bilder mit einem winterlichen Eishauch, lädt sie mit Gefahren auf, die hier hinter jedem Baum im Vorgarten lauern, aber auch im Innern jedes Menschen.

Prisoners, USA 2013 - Regie: Denis Villeneuve. Buch: Aron Guzikowski. Kamera: Roger Deakins. Musik: Johann Johannsson. Mit Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Viola Davis. Verleih: Tobis, 153 Min.