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Prinzregententheater:Gesungenes Gebet

Das Orchester Jakobsplatz mit dem Neujahrskonzert 5777

Von Rita Argauer

Wirklich alt ist das Orchester Jakobsplatz noch nicht. Doch auch in den gut zehn Jahren, die der Klangkörper, der 2005 von seinem Dirigenten Daniel Großmann gegründet wurde, nun schon existiert, entwickeln sich Traditionen. Nicht nur die ausgesucht spannenden Programme, die dieses Orchester regelmäßig in München aufführt, immer einen Bezug zum Judentum wahrend und diesen im Münchner Stadtleben präsent machend, sind mittlerweile eine Art Tradition geworden. Auch das Konzert zum jüdischen Neujahr bereichert das Kulturleben in München seit einigen Jahren. Und in diesem Jahr wird das Kantorenkonzert zu Rosch Haschana 5777 nun erstmals auch in Berlin stattfinden.

Für Daniel Grossmann ist es dabei ein "riesiger Unterschied", ob er symphonische Werke oder eben kantorale Musik dirigiert. Diese Musik, die in der Synagoge als Teil des Gottesdienstes meist a cappella oder in größeren Häusern auch von einem Chor gesungen wird, erklingt hier mit Orchesterbegleitung in einem Konzertsaal. Für den Dirigenten birgt das aber auch ein paar Schwierigkeiten: "Die Kantoren sind es in der Regel nicht gewohnt, notierte Musik zu singen", erklärt Grossmann, dementsprechend sind die melodischen Linien und die Rhythmik nicht so verbindlich, wie das bei einer klassischen Partitur der Fall ist. "Sie singen das, was sie fühlen, wenn sie zu Gott sprechen." Etwas, das den Dirigenten Grossmann hauptsächlich zum Organisator macht. Er bereitet dieses spontane musikalische Reagieren mit den Musikern zwar auch vor, aber anders als in der Symphonik sei hier auch nicht alles, was nicht ganz zusammen gespielt wird, ein Makel. Ganz im Gegenteil: "Diese Art, aus dem Moment heraus zu musizieren, ist auch ungemein mitreißend."

In München und zwei Tage später auch in Berlin treten nun zwei weltbekannte und in ihrer Herangehensweise völlig differente Kantoren auf: Netanel Hershtik gastierte schon öfter beim Orchester Jakobsplatz, er hat den kantoralen Gesang von Kind auf gelernt, sein Vater Naftali Hershtik ist einer der berühmtesten Kantoren und sang in den Hauptsynagogen von Tel Aviv und Jerusalem. Doch Hershtik löst sich auch ein wenig aus dieser ihm so vertrauten Tradition. "Man merkt, dass er in New York lebt", sagt Grossmann, er höre in den Arrangements von Hershtik sogar Einflüsse der Popmusik: "Er will diese Musik auf ein populäres Level bringen." Der zweite Kantor des Abends, Avraham Kirshenbaum aus Jerusalem, kommt hingegen aus einem ganz traditionellen Milieu. Wichtig ist Grossmann aber bei diesem Konzert insbesondere, dass auch das nichtjüdische Publikum versteht, dass das, was hier auf der Bühne orchestral gespielt wird, in der Synagoge der wichtigste Teil des Gebets ist.

Jüdisches Neujahrskonzert 5777, So., 30. Okt., 20 Uhr, Prinzregententheater, Prinzregentenpl. 12

© SZ vom 29.10.2016
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