"Prince Avalanche" in der SZ-Cinemathek:Im verwüsteten Land

"Prince Avalanche" in der SZ-Cinemathek: Into the Wilderness! Ordnung schaffen in apokalyptischer Landschaft: Emile Hirsch und Paul Rudd in "Prince Avalanche".

Into the Wilderness! Ordnung schaffen in apokalyptischer Landschaft: Emile Hirsch und Paul Rudd in "Prince Avalanche".

(Foto: Alamode)

Männer, die bereit sind, der gelben Linie zu folgen und aufrecht zu bleiben in - fast - jeder Situation: "Prince Avalanche" ist ein Meisterstück des Independent-Regisseurs David Gordon Green.

Von Fritz Göttler

Ein ziemlich dummes Missgeschick in einem jungen Heldenleben. Als Lance am Freitag nach Hause fährt, um das Wochenende voll durchzumachen mit seinem Mädchen, muss er unterwegs noch einen Reifen wechseln, eine mühselige, schmierige Angelegenheit, und als er dann zu Hause ist bei den Eltern, schläft er in der Küche sofort ein und der Abend ist damit gelaufen.

Lance ist der eine Held in diesem ungewöhnlichen Roadmovie, gemeinsam mit dem anderen, Alvin, ist er unterwegs auf den gewundenen, so gut wie gar nicht befahrenen Straßen des Hinterlands von Texas. Zwei letzte Pioniere, in blauen Latzhosen und die Arbeits-Ledertaschen umgegürtet. In einem kleinen roten Wagen plus Anhänger ist all ihr plastikbuntes Arbeitsgerät gestapelt, das aussieht wie Kinderspielzeug für den Sandkasten. Der Trail, den sie hinterlassen, ist scheußlich gelb - die durchbrochene Mittellinie auf den Straßen, die für Fahrsicherheit sorgen soll und eine Ordnung suggerieren im Straßenverkehr, und die so absurd erscheint in diesem Niemands-, diesem verwüsteten Land. Es ist 1988, riesige Brände - sie beschwören in ihrer Urgewalt den Anfang von "Apocalypse Now" - haben die Wälder zerstört, haben nichts als kahle Stämme, totes schwarzes Holz hinterlassen.

Straßenarbeiter, tätig in glorreicher Isolation, in völliger Unabhängigkeit. Nachts bauen sie ihr Zelt auf, bereiten das Abendessen, lesen ein wenig und reden miteinander, mehr noch aneinander vorbei. Sie tauschen die Einsamkeit unter den Menschen ein gegen die in der Natur. Ein Prozess der Versteinerung. "Ich begann mich wie einer der in Stein gehauenen Präsidentenköpfe in den Dakotas zu fühlen. Einsam unter all den Menschen, mit denen ich nicht sprechen konnte."

Ein Märchenfilm, eine Geistergeschichte

Ich möchte in meinen Filmen verschwinden, hat der Regisseur David Gordon Green bekundet. "Ich schaue auf meine Karriere wie ein kleiner Nebendarsteller. Ich will kein ,Ein Film von . . .' Das ist gespenstisch. Diesmal hatte ich zum ersten Mal meinen Namen auf dem Plakat - aber erst nach einigen Diskussionen. Ich mag die Anonymität des Regisseurs sehr. Andernfalls wäre ich ja ein Filmstar."

David Gordon Green lebt in Austin, Texas, ist Teil jener inspirierten Filmclique dort, die sich um Richard Linklater schart, zu denen auch Craig Zobel ("Compliance") und Jeff Nichols ("Taking Shelter", "Mud") gehören und deren Mentor, gleichfalls dort lebend und arbeitend, Terrence Malick ist. David Gordon Green hat kleine düster-komische Geschichten vom Kleinstadt- und Landleben in Texas gedreht, dann hat er Lust bekommen auf einen großen Hollywoodfilm. Durch seinen Freund Danny McBride ist Judd Apatow auf ihn aufmerksam geworden und hat ihm die Regie des bekifften "Ananas Express" anvertraut, mit Seth Rogen und James Franco. "Prince Avalanche" ist nun die Retour zu den Anfängen, klein und independent - mit zwei Akteuren und einem kleinen Team für zwei Wochen in den Wäldern verschwinden, keiner weiß, was man dort treibt -, und dann kehrt man mit einem kleinen Film zurück. Keep it quiet. Ein Märchenfilm, eine Geistergeschichte, die Vorlage lieferte ein isländischer Film, "Á Annan Veg", von Hafsteinn Gunnar Sigurdsson.

Paul Rudd ist Alvin, man kennt ihn aus den komplizierten Versagerfilmen, die Judd Apatow produziert und inszeniert, "Knocked Up/Beim ersten Mal" oder "This is 40". Alvin liebt eine Frau, Madison, er schreibt ihr lange Briefe im Wald, in denen er ihre Beziehung auf den Punkt bringen will, und lernt mit einem Sprachprogramm Deutsch, weil sie im Herbst Deutschland erkunden wollen. "Mit der wahren Liebe", radebrecht er in wackligem Deutsch, "ist es wie mit der Geistererscheinung, alle Welt spricht darüber, aber wenige haben etwas davon gesehen." Es ist alles sehr kompliziert, Alvins Abwesenheit und Unsicherheit, seine Bemühtheit, man weiß bald, sie wird ihn verlassen. Lance, gespielt von Emile Hirsch, dem Naturflüchtling von "Into the Wilderness", ist ihr Bruder, auch er hat Probleme mit den Frauen, und plötzlich, scheint es, gibt es sogar eine, die ein Kind von ihm erwartet.

Eine verrückte amerikanische land art

Dies ist ein Abenteuerfilm, und sein Abenteuer ist, wie zwei Männer sich in einem Rest von Landschaft bewegen, die völlig abstrakt ist, wie sie Distanzen schaffen und wieder abbauen, wie die Leere der Landschaft gefüllt wird mit Worten und Erinnerungen, und welchen Schmerz das hervorruft, welchen Frust und mordbereiten Hass. Zwei Apatow-Figuren, aber nicht gemildert durch lässige Westküsten-Melancholie. Harte Arbeit, an den Straßen, an den Beziehungen. Der Film ist mit ungeheurer Präzision inszeniert, man spürt, es geht nicht um den realen Raum, sondern um die Spannung zwischen ihm und dem imaginären, der sich darüber legt. Eine verrückte Art amerikanischer land art. So werden Träume vermessen im Kino, Lebensentwürfe. Am Ende bleibt nur die reine Linie, die Kontur. Auf der Berlinale im Jahr 2013 hat David Gordon Green den Regiepreis bekommen für seinen Film.

I like to disappear in my movies . . . Dies ist ein Film, der nicht die Muskeln spielen lässt wie das Hollywoodkino, demonstrativ und großspurig. Er zieht sich zusammen und verkriecht sich, und das ist eine der schönsten Erfahrungen, die man im Kino machen kann, in der Tradition von Keaton, Capra, Eastwood - David Gordon Green hat vor "Prince Avalanche" dessen berühmten Superbowl-Spot inszeniert.

Vielleicht machen sie mal einen Comic über uns, räsoniert Lance, die Abenteuer von Alvin und Lance. Paul Rudd ist - mit seinem zerfurchten Gesicht, den kurzsichtig müden Augen, dem kratzigen Schnauzer - durchaus ein kleiner Ritter trauriger Gestalt. Einem alten Lastwagenfahrer gegenüber präsentiert Lance den Kollegen gar als einen Prinzen. Der Laster kreuzt mehrfach ihren Weg, der einzige, der diese Straßen überhaupt zu befahren scheint, sein Fahrer hat stets die entsprechende Road-Philosophie parat und den nötigen Fusel. Auch Lance wahrt, bestätigt Alvin ihm, die Haltung eines Gentleman. An dem unglücklichen Freitag, da er nach Hause kam, ist er im Stehen eingeschlafen und blieb so die ganze Nacht.

Prince Avalanche, USA 2013 - Regie, Buch: David Gordon Green. Kamera: Tim Orr. Schnitt: Colin Patton. Musik: Explosions in the Sky, David Wingo. Mit: Paul Rudd, Emile Hirsch, Lance LeGault, Joyce Payne, Gina Grande. Kool Filmdistribution, 94 Min.

Diese Rezension ist zuerst am 26. September 2013 in der SZ erschienen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB