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Presse vor dem Halbfinale:Rache gegen die Panzer

Das EM-Halbfinale zwischen Deutschland und Italien ist "nicht nur ein Fußballspiel", findet die italienische Presse. Auf dem Rasen sollen die Deutschen für ihren "arroganten Starrsinn" in der derzeitigen Euro-Debatte bezahlen. Selbst in Intellektuellenkreisen bleiben nationalpopuläre Sprüche nicht aus.

Henning Klüver

Italien gegen Deutschland 4:3. Mexiko am 17. Juni 1970, Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft. Als Gianni Rivera kurz vor Schluss der Verlängerung das Siegtor für die Azzurri schoss, blieb Ernst Huberty im Deutschen Fernsehen nach einem trockenen "Tor" erst einmal stumm. Dann fand er wieder in seine Rolle: "Rivera, Rivera, vier zu drei." In Italien ist das historische Spiel seither allgegenwärtig. Auf irgendeinem Privatkanal wird es immer mal wieder gezeigt. Nando Dalla Chiesa hatte 2001 "La partita del secolo", dem "Spiel des Jahrhunderts" bei Rizzoli ein kleines Buch gewidmet, das jetzt erneut in den Buchhandlungen liegt.

Der Autor, Sohn des von der Mafia ermordeten Carabinierigenerals Alberto Dalla Chiesa, ist Wirtschaftssoziologe und unterrichtet heute an der Universität Mailand. 1970 war er zwanzig Jahre alt und hatte wie viele seiner Kommilitonen nicht viel mit Fußball im Sinn. Aber als das Spiel (wegen der Zeitverschiebung) nachts um zwei Uhr zu Ende war, rannte er zusammen mit anderen siegestrunken auf die Piazza Duomo. "Es war eine Revanche", erzählt er heute. Keine fußballerische, "sondern eine zivile, eine kulturelle Revanche".

Deutschland, das war für die '68er in Italien der schnelle Wiederaufsteiger in Europa, der sich kaum für die Gräuel der Konzentrationslager geschämt hatte und sich bereits wieder als Klassenbester gerierte. Das war das Land, in das man emigrieren musste, um Arbeit zu finden. Und aus dem blonde Touristinnen nach Italien kamen, um den Italienern für einen Sommermonat den Kopf zu verdrehen und dann wieder zu verschwinden. Reich, historisch gedächtnislos und ein bisschen arrogant, so wirkte Deutschland (bereits) 1970.

Nach dem Wirtschaftsaufschwung der sechziger Jahre hatte fast jede Familie im Land einen Fernseher. Die Weltmeisterschaft in Mexiko wurde zum ersten nationalen TV-Erlebnis der Italiener. Alessandro Baricco, heute ein Erfolgsschriftsteller, war damals zwölf Jahre alt. Er wurde von seinem Großvater geweckt, als das Spiel in die Verlängerung ging. "Das letzte Mal dass mich jemand zuvor mitten in der Nacht geweckt hatte", so erinnerte sich Baricco, "das war, als der erste Mensch den Mond betrat."

Fußball ist Gefühlsache. Wenn Angela Merkel Mario Monti und dem Rest Europas die Eurobonds vorenthält und damit die Zinsspanne für die Gelder, die sich die Südländer auf den internationalen Märkten besorgen müssen, in verbotenen Höhen steigen, dann müssen die Deutschen zumindest auf dem Rasen für ihren "arroganten Starrsinn" bezahlen. Denn das Halbfinale sei "nicht nur ein Fußballspiel", kommentierte die Tageszeitung La Stampa. Die Deutschen wollten überall die Regeln diktieren, "wenn aber gespielt wurde, haben immer wir gewonnen."

Deutsche Kultur "merdionalisiert"

Das Turiner Blatt breitet auf zwei Seiten Zahlen aus. Aber es geht nicht um Spieler und Spiele, sondern um ökonomische Größenverhältnisse: Bevölkerung, Arbeitslose, Bruttoinlandsprodukt. Dazu wird der 87-jährige ehemalige Widerstandskämpfer und Wirtschaftsmanager von Olivetti und Fiat Gianluigi Gabetti interviewt. Tenor: Die Deutschen sollten sich endlich weniger deutsch und mehr europäischen fühlen. Resigniert stellt er fest: "Für die sind wir nur Südländer, die ihre Schulden nicht bezahlen."

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