Preis der Leipziger Buchmesse:Der Blick der Anderen

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Preis der Leipziger Buchmesse

Schriftstellerin Iris Hanika bedankt sich in einer Videokonferenz für den Preis der Leipziger Buchmesse unter anderem bei den Mitgliedern der Jury Tobias Lehmkuhl, Andreas Platthaus, Marc Reichwein und Katrin Schumacher (v.l.).

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Der Preis der Leipziger Buchmesse geht in diesem Jahr an die Übersetzerin Timea Tanko, die Ethnologin Heike Behrend und die Schriftstellerin Iris Hanika.

Von Felix Stephan

Am Freitag wurden die Preise der Leipziger Buchmesse in gewohnt ungewohnter Atmosphäre verliehen. In präpandemischen Zeiten fand diese bedachtsam-förmliche Zeremonie mitten auf dem Messegelände statt, was jedes Jahr einen sehenswerten Kontrast ergab zum jahrmarkthaften großen Hallo drumherum, von dem es allein durch ein schwarzes Absperrband abgetrennt ist. Das war dieses Jahr anders: In der Leipziger Kongresshalle war eine Bühne aufgebaut, die Verleihung wurde gestreamt, die Juroren hielten Abstand. Die Messe findet zum zweiten Mal in Folge nur in Spurenelementen statt. Vor der Verleihung erwähnte Messechef Oliver Zille Veranstaltungen "an 80 Orten in der Stadt".

Der Preis für die beste Übersetzung ging an die deutsch-ungarische Übersetzerin Timea Tanko, die den Roman "Apropos Casanova - Das Brevier des heiligen Orpheus" des ungarischen Schriftstellers Miklós Szentkuthy ins Deutsche übertragen hatte. Der Roman ist erstmals 1939 erschienen, wurde vom präfaschistischen Horthy-Regime allerdings umgehend zensiert. Den Kommunisten galt Szentkuthy dann als Bourgeois, erst 1973 konnte das Buch vollständig erscheinen, 15 Jahre vor dem Tod des Autors.

Juror Tobias Lehmkuhl bezeichnete das Brevier als "ein unmögliches Buch", von dem kaum zu sagen sei, wovon es eigentlich handele. Am ehesten sei es mit Formbegriffen aus der Musik zu fassen, eine Barkarole vielleicht, oder eine Fantasie. Wie nebenbei erzähle es gleichzeitig vom 18. Jahrhundert und von den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts in all ihren Widersprüchen. Es habe etwas Quecksilbriges, aber zugleich messerscharf Argumentierendes, und die deutsche Fassung, so Lehmkuhl, werde der intellektuellen Beweglichkeit dieses Autors gerecht.

"Nur wer sich selbst für die Welt öffnet, wird auch in ihr heimisch werden"

Den Preis für das beste Sachbuch ging an die Ethnologin Heike Behrend für "Die Menschwerdung eines Affen - Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung", erschienen bei Matthes & Seitz. Behrend ist seit vier Jahrzehnten Ethnologin, in dem Buch blickt sie zurück auf die Geschichte ihrer Disziplin und ihre eigene Rolle darin. Die Entstehung der Ethnologie, der ehemaligen Völkerkunde, ist vom Kolonialismus kaum zu trennen. Im 20. Jahrhundert musste sie sich deshalb im Grunde komplett neu erfinden.

Es sei ein großes Glück, am Ende des Berufslebens noch einmal so über die eigene Disziplin nachdenken zu können, sagte Behrend in Leipzig. Sie danke vor allem jenen Frauen und Männern in Afrika, die ihr Vertrauen geschenkt und ihr Wissen mit ihr geteilt hätten.

Preis der Leipziger Buchmesse

Die ausgezeichneten Bücher von Miklós Szentkuthy, Heike Behrend und Iris Hanika

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Das Buch sei viel unbescheidener, als der Untertitel suggeriere, sagte der Juror und FAZ-Redakteur Andreas Platthaus. Es gehe immer wieder aufs Ganze und erzähle von Aufenthalten in Uganda über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten, in denen sich nicht nur das Land und die Ethnologie verändert haben, sondern zwangsläufig auch die Autorin selbst.

Die in Stralsund geborene und in West-Berlin ausgebildete Ethnologin betrachtet nicht nur die Afrikaner, sie studiert auch den Blick, mit dem sie ihrerseits betrachtet wird. Der Titel des Buches bezieht sich darauf, dass sie 1978 in Afrika selbst "Affe" genannt wurde. Die Betrachtung der Betrachter öffne eine neue Selbstwahrnehmung. Behrend provoziere einen Blick, der intellektuell statt visuell agiert, sagte Platthaus und ergänzte: "Nur wer sich selbst für die Welt öffnet, wird auch in ihr heimisch werden."

Den Preis in der Kategorie Belletristik, für den in Christian Kracht, Judith Hermann und Helga Schubert drei der meistdiskutierten Autoren der Saison nominiert waren, ging an die Schriftstellerin Iris Hanika für ihren Roman "Echos Kammern", erschienen im Droschl Verlag. Die Autorin ermächtige sich, den Mann mit den Mitteln des männlichen Blicks zu betrachten, sagte Jurorin Katrin Schumacher. Mit frischem Blick und frischer Artikulation wickele der Roman die Stadt New York aus ihrem Mythos.

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