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Pracht des Mittelalters:Heiliges Blitzen

Adam, Eva aus Gold und die Holzschüssel-Vegetarier: In Basel präsentiert eine großartige Ausstellung "Kunst und Macht unter Kaiser Heinrich II."

Der großzügig inszenierte Parcours dieser einzigartig instrumentierten Ausstellung frühmittelalterlicher Kunst im Neubau des Basler Kunstmuseums führt so elegant wie zwingend auf das prächtigste Exponat zu: das Antependium, das Kaiser Heinrich II. 1019 dem Basler Münster für den Altar nebst etlichen anderen Kostbarkeiten schenkte. Die Altartafel wird heute im Pariser Musée de Cluny aufbewahrt. Sonst hat im Basler Münsterschatz nur das sogenannte Heinrichskreuz überlebt.

Nicht nur der Vorhang aus Gold, der jeden mit seinem Glanz blendet, auch die anderen Stücke, aus aller Welt hier versammelt, lösen Staunen aus über jene Zeit Heinrichs II., des letzten ottonischen Kaisers. Einst ruhmreiche Kulturzentren wie das Hildesheim des Bischofs Bernward oder Paderborn sind mit einmaligen Kunstwerken vertreten. Da zeigt die kleine Krümme von Abt Erkanbald, wie Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen und Gott dem Adam in der Krümmung gegenübertritt. Die kalligrafische Schönheit der illuminierten Handschriften mit ihren Miniaturen, die unglaubliche Qualität der Elfenbeinschnitzereien, die mit Edelsteinen geschmückten, in Gold gefassten Buchdeckel und -kästen, die Pracht von Kreuzreliquiaren und Monstranzen, die Raffinesse byzantinischer Seidenbeutel zur Aufbewahrung von Reliquien und die Ehrwürdigkeit der kaiserlichen Siegel an den imposanten Urkunden - das alles zeugt von der zivilisatorischen Höhe und Vielfalt jener Epoche, in der Kaiser Heinrich II. für den Aufstieg des Bistums Basel sorgte. Dabei dienten künstlerische Produktionen dem Lobe Gottes, aber auch der Demonstration kaiserlicher Macht und Herrlichkeit.

"Gold und Ruhm" im Kunstmuseum Basel. Goldene Altartafel; vor 1019

Kostbar bis in alle Ewigkeit – das goldene Antependium, das Heinrich II. im Jahr 1019 dem Basler Münster schenkte.

(Foto: RMN-Grand Palais - Michel Urtado)

Das Team um Kurator Michael Matzke hat jene nicht vergessen, die kaum in die Nähe von Kaiser und Bischof, deren Reichtum und üppig mit Wildbret und Tafelgeschirr gedeckten Tischen kamen. Die sich verfestigende Dreiständeordnung wurde in Schriften als gottgegeben definiert, geteilt in "Betende, Arbeitende und Kämpfende", die aufeinander angewiesen seien. Es dauerte letztlich bis zur Französischen Revolution, damit diese angeblich von Gott gesetzten Standesschranken eingerissen wurden. Aus Holzgeschirr aßen die meisten vegetarisch: Getreidebrei, Mus und Eintopf. Haustiere wurden geschlachtet, wenn sie alt waren und als Milchgeberin oder Zugtier ausgedient hatten. Die Alltagsutensilien, vom Weben bis zu Tierknochen, einfachen Keramikgefäßen und hölzernem Essgeschirr zeigen ein hartes, armes, glanzloses Leben der "Arbeitenden".

So ist der Rundgang durch die Ausstellungskapitel gut geerdet: von "Europa vor 1000 Jahren" über "Basel von Burgund zu Heinrich II." weiter zu "Kirche und König" hin zu den "Geschenken für die Ewigkeit" und "1019 - Eine Sternstunde Basels" zum Ausklang mit "Basel und der Kult um das Kaiserpaar". Allein die Elfenbeintafeln lohnen die Reise nach Basel.

"Gold und Ruhm" im Kunstmuseum Basel.Reliquienbüsten Heinrichs II. und Kunigundes; um 1430/40

Verehrtes Paar: Reliquienbüsten Heinrichs II. und Kunigundes, entstanden um 1430/40.

(Foto: Paderborn, Erzbischöfliches Diözesanmuseum und Domschatzkammer / Thomas Obermeier)

Ungeheuer lebendig hat zum Beispiel der Schnitzer um 990 zwei Bibelszenen dramatisch ins Relief gesetzt: Auf der einen Diptychontafel erhält Moses die zehn Gebote, das bärtige Gesicht angestrengt nach oben gerichtet, fasst er mit beiden Händen nach den Tafeln, die Gottes eine Riesenhand hält. Die gedrehten Säulen links und rechts erhöhen die Erregtheit der Szene. Auf der anderen Platte bedrängt der ungläubige Thomas ungeniert Jesus, der auf einem kleinen Podest steht, den rechten Arm über den Kopf winkelnd, damit der zudringliche Zweifler den Zeigefinger in die Wunde bohren kann. Oder das Relief mit der Taufe Christi, wo rechts ein personifizierter Jordan aus dem Krug den Fluss gießt und links eine geheimnisvolle Frauenfigur mit Fisch und Schlange zu Füßen des Jesusjünglings sitzen, den von links Johannes tauft und dem sich von rechts ehrerbietig ein Engel nähert.

Christus und die Erzengel sind barfuß - Benedikt trägt auf dem goldenen Vorhang Schuhe

Doch auch wenn bei einer Kreuzabnahme das Material aus Birnenholz ist, erreicht der Schnitzer eine Beweglichkeit und Ausdrucksstärke, die den Elfenbeinstücken fast ebenbürtig ist. Die Szene, etwa um 1050 am Mittel- oder Niederrhein entstanden, ist in ihren sehr aktiv mit der Abnahme des Leibes Christi beschäftigten Figuren fast vollplastisch geschnitzt. Einer legt mit großem Ausfallschritt die Zange an die Nägel in den Füßen, der andere löst oben am Kreuz die zweite Hand, während Maria unten links die schon befreite Hand küsst. Von oben aus dem Rundbogen schießt ein Engel mit schwingendem Weihrauchfass herab. Holzschnitzarbeiten aus so früher Zeit haben sich nur selten erhalten.

"Gold und Ruhm" im Kunstmuseum Basel. Kreuz mit den grossen Senkschmelzen; um 1000/1020

Leuchtendstes Mittelalter - ein Kreuz mit den großen Senkschmelzen (um 1000/1020).

(Foto: Domschatz Essen / Christian Diehl)

Gegen die Vitalität dieser Holz- und Elfenbeinszenen, wirken die Leuchter, Buchdeckel und Miniaturaltäre aus Gold stets feierlich-festlich in ihrer statuarischen Aura. Dass Heinrich II. und seine Gattin Kunigunde ein reiches Nachleben der Verehrung auch in der Kunst hatten, zeigen eindringlich die beiden hölzernen sanftfarbigen Idealporträt- und Reliquienbüsten aus dem 15. Jahrhundert: der Kaiser und seine schöne Frau in unbedingter Andachtshaltung. 1146 wurde Heinrich, 1200 Kunigunde heilig gesprochen.

All das überstrahlt der Altarvorhang aus Gold, auf dem sich Christus in der Mitte, links von ihm aus gesehen zwei Erzengel, rechts von ihm ein Erzengel und außen der Ordensgründer Benedikt von Nursia unter feinen Rundbogenarkaden präsentieren. Kaum ein Besucher mag sich von dieser heiligen Parade trennen, so detailreich und achtunggebietend stehen die fünf im bewunderungswürdig ausgeformten Goldrelief da. Christus und die Erzengel haben nackte Füße, Benedikt trägt Schuhe. Um die Häupter blitzen die Heiligenscheine vielfarbig mit eingelassenen Edelsteinen, kein Gesicht gleicht dem anderen, dazu tragen sie Insignien ihrer Funktionen.

Doch etwas berührt besonders: Es sind die kleinen Stifterfiguren zu Füßen des Heilands, sie schmiegen sich kindlich ans Gewölbe, auf dem Christus steht, ohne seine Füße zu berühren.

Gold + Ruhm. Geschenke für die Ewigkeit. Kunstmuseum Basel, Neubau. Bis 19. Januar. www.kunstmuseumbasel.ch. Katalog (Hirmer Verlag, München, 384 Seiten) 49,90 Euro.

© SZ vom 03.12.2019

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