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Postkoloniales Singapur:Chrysanthemen sind keine Liebesgaben

Jeremy Tiangs Roman "Das Gewicht der Zeit" erzählt mit großer Empathie von einer Familie in Singapur, vom Ausgeliefertsein an politische Verhältnisse, vom Widerstand und der Vererbung von Traumata.

Das Sterbebett könnte für den, der es erlebt, eine letzte Gelegenheit sein, von den Liebsten Abschied zu nehmen, Streitigkeiten beizulegen und Feindschaften zu beenden. Aber es bedeutet auch, Bilanz ziehen zu müssen und das kann zum irdischen Fegefeuer werden.

Jason, einer der sechs Erzähler in Jeremy Tiangs Roman "Das Gewicht der Zeit", blickt verbittert auf sein Leben zurück. Wen hat er nicht alles verloren? Seine Schwester Mollie, die als junge Frau durch einen Terroranschlag ums Leben kam, 1965 während der Konfrontation zwischen Indonesien und Malaysia. Seine Frau Siew Li, die kurz zuvor verschwand und ihn und ihre dreijährigen Zwillinge zurückließ. Aktiv im linken Widerstand flüchtete sie vor staatlicher Verfolgung, um sich einer Gruppe kommunistischer Guerillakämpfer im Dschungel anzuschließen. Seinen Sohn Henry, der nach London ausgewandert ist, um dort an einer Universität Geschichte zu unterrichten. Und seine Tochter Janet, der es selbst an seinem Sterbebett schwerfällt, Zuneigung zu zeigen. Jason war seinen Kindern kein guter Vater. Er hat sie alleine groß gezogen, geschlagen und nie erzählt, wohin ihre Mutter ging. Als Henry alte Briefe von Siew Li entdeckt, fängt er aber an, nachzuforschen und folgt den Spuren der unbekannten Mutter.

Der aus Singapur stammende und in New York lebende Schriftsteller Jeremy Tiang erzählt in sechs Kapiteln, aus je einer anderen Perspektive die Geschichte einer singapurischen Familie seit den fünfziger Jahren. Seine Figuren sprechen von linkem Widerstand und staatlicher Unterdrückung. "Das Gewicht der Zeit" wurde 2018 mit dem renommierten Singapore Literature Prize ausgezeichnet.

Es ist ein Buch über das Ausgeliefertsein an politische Umstände, über das Gefühl der Machtlosigkeit, und insofern sehr zeitgenössisch, so sehr es ein Kapitel postkolonialer Geschichte wiedergibt. Je nachdem, aus welcher Perspektive gerade erzählt wird, lässt einen der Roman resigniert, zuversichtlich, kämpferisch und versöhnlich zurück.

Jeremy Tiang

Der Schriftsteller Jeremy Tiang, Jahrgang 1977.

(Foto: Oliver Rockwell)

Der englische Originaltitel "State of Emergency", ist der Bessere, denn er lässt sich mit Notstandsgesetz oder Ausnahmezustand übersetzen, aber das "state" kann man auch als "Staat" deuten, sodass sich der Notstand eben auch auf das Land bezieht, in dem der Roman spielt. Denn Jeremy Tiang porträtiert Singapur als einen Staat, in dem der Notstand System hat.

In den fünfziger Jahren, Malaysia war noch englische Kolonie, wird der Ausnahmezustand zum ersten Mal verhängt. Die Regierung fürchtet, der Kommunismus aus China könnte übergreifen. Bürgerrechte werden eingeschränkt und die Polizei kann auf einmal Verdächtige ohne Anklage willkürlich wegsperren. So wird Siew Li noch als Schülerin inhaftiert. Der Abzug der Briten 1963 ändert daran wenig. Auch Stella, Siew Lis Nichte, wird unschuldig Opfer polizeilicher Willkür. Sie erfährt keine Unterstützung und die Presse berichtet einseitig. Bekannte und selbst Familienmitglieder haben Angst und sind bedacht auf den eigenen Vorteil. Die Geschichte wiederholt sich.

Tiang beschreibt ein Land, das nicht nur auf politischer Ebene von seiner kolonialen Vergangenheit geprägt ist. Die Singapurer chinesischer Abstammung, die größte ethnische Gruppe des Landes, sind gespalten. Die Oberschicht will sein wie die Briten, selbst die chinesische Sprache haben sie verlernt. Tiang zeigt ihre kulturelle Entfremdung am Beispiel unpassender Geschenke: Chrysanthemen symbolisieren nach chinesischem Brauch den Tod und werden für Beerdigungen besorgt. Jason überreicht Siew Li einen ganzen Strauß, als er ihr als Jugendlicher Avancen macht. Der nach England ausgewanderte Henry schenkt sie später seiner Schwester.

Jeremy Tiang: Das Gewicht der Zeit. Roman. Aus dem Englischen von Susann Urban. Residenz Verlag, Salzburg 2020. 302 Seiten, 24 Euro.

Siew Lis Mutter besteht darauf, deren künftigen Schwiegereltern Schweinefüße zu schicken, obwohl die Schwiegerfamilie zur englischsprachigen Elite Singapurs gehört und diese Tradition nicht kennt: "So viele Möglichkeiten, ein Mensch zu sein, und die meisten Leute waren überzeugt, ihr Weg sei der einzig richtige", denkt Siew Li. Ein bemerkenswerter Relativismus, denn obwohl sie einen Jungen aus der Oberschicht geheiratet hat, wird sie sich den Ma Gong anschließen, einer Gruppe kommunistischer Widerstandskämpfer, bereit für die Sache zu töten.

Womöglich ist es die Geisteshaltung des Autors, die aus dieser Zeile spricht. Denn in "Das Gewicht der Zeit" zeigt er Sympathie für all seine so unterschiedlichen Figuren, lässt verschiedene Sichten auf das Land, in dem sie leben, gleichberechtigt stattfinden. Jede seiner Figuren hat ihre Motive und so zeigt der Roman, mit welchen Traumata postkoloniale Staaten noch heute zu kämpfen haben, ohne vorwurfsvoll zu sein. Eine große Übung in Empathie.

© SZ vom 13.08.2020

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