Süddeutsche Zeitung

Portrait:Messerscharfe Positionen

Sie hat bei Joseph Beuys studiert, ihre Arbeiten provozieren starke Reaktionen: Zwei aktuelle Ausstellungen zeigen Werke von Katharina Sieverding. Eine Begegnung mit der Künstlerin

Fritz Kortner benötigte nur eine Frage, um das Potenzial von Katharina Sieverding zu erkennen. Sie saß während einer Stellprobe hinter dem berühmten Regisseur im Hamburger Schauspielhaus, hörte zu, wie die Bühnentechniker jede Anweisung Kortners ablehnten. Plötzlich drehte er sich zu ihr um und fragte: "Geht das?" Und die Kunststudentin antwortete: "Natürlich. Am Theater geht alles." Kortner engagierte sie auf der Stelle als Assistentin.

Sieverding amüsiert sich, als sie im Regensburger Kunstforum Ostdeutsche Galerie die Geschichte aus dem Jahr 1963 erzählt. 19 Jahre war sie alt, studierte an der Kunstakademie in Hamburg. "Aber da war es so langweilig, daher bin ich immer ins Theater gegangen", sagt sie und bleibt vor den Vitrinen stehen; darin liegen Briefe, in denen sich zahlreiche Gutmenschen 1993 über ihre Arbeit "Deutschland wird deutscher" ereiferten. Es zeigt Sieverdings verschleiertes Gesicht, einäugig, von Messern wie von einem Strahlenkranz umrahmt. Über den Mund zieht sich der Schriftzug, "Deutschland wird deutscher", ursprünglich die Überschrift eines Zeit-Artikels, in dem es um europakritische Tendenzen im wiedervereinigten Deutschland ging.

Sieverding wollte ein enigmatisches Bild schaffen, das die Stimmung im Land erfasst. Das ist ihr gelungen, bis heute hat es nichts an seiner Aktualität und Brisanz verloren. Bis heute ist es ihr bekanntestes Werk und zugleich jenes, das die meisten Auseinandersetzungen provozierte. Davon berichtet die Regensburger Ausstellung, die sich der Rezeptionsgeschichte widmet. Sich als lebende Zielscheibe an den Pranger zu stellen - ist das nicht ziemlich waghalsig? Ach, sagt Sieverding, das habe sich so ergeben. Wie das meiste in ihrem Leben. Inszeniertes, Arrangiertes oder gar ein White Cube - das sei nichts für sie. An die Auftritte bei der Schaustellertruppe in den Siebzigerjahren erinnert sie sich gern; die Messerwerferin warf auch gern mit verbundenen Augen auf ihre lebende Zielscheibe, ab Mitternacht war sie meist betrunken. "Du musst eben entspannt sein", sagt sie. Joseph Beuys sei gleich nach dem ersten Messer die Zigarette aus dem Mund gefallen.

Durch Kortner lernte sie übrigens den Bühnenbildner Teo Otto kennen; sie wechselte im Sommersemester 1964 in dessen Bühnenbildklasse an die Düsseldorfer Akademie. "Aber was heißt schon Studium." Sieverding, wie immer ganz in Schwarz gekleidet mit streng zurückgekämmten rotem Haar und Sonnenbrille, lacht wieder. "Er überließ mir die schwierigen Regisseure." Und Dirigenten. In sechs Inszenierungen arbeitete sie mit, unter anderem mit Bohumil Herlischka, Wolfgang Sawallisch und Herbert von Karajan. Ganz genau erinnert sie sich an den Moment, als sie sich von der Hochkultur verabschiedete. "2. Juni 1967", sagt sie. Sieverding kämpfte in einer Hauptprobe von Mozarts "Zauberflöte" in Salzburg gerade mit einer klemmenden Bühnentür, als plötzlich die Nachricht von Benno Ohnesorgs Tod durchsickerte. "Ich dachte, was mache ich hier?" Und wusste, dass sie keine großen Vorlagen neu interpretieren, sondern etwas Eigenes machen wollte. Sie wechselte zu Beuys und entdeckte das Fotografieren für sich.

Eigentlich sollte "Deutschland wird deutscher" im Sommer 1992 auf der Skulpturenausstellung "Platzverführung" in 18 Gemeinden im Stuttgarter Raum präsentiert werden. Aber die Kommunen fürchteten, das Plakat könne missverstanden werden und lehnten bis auf eine ab. Denn was könne "deutscher" werden schon bedeuten? Die meisten dachten negativ, verstanden es als Hinweis auf zunehmende Rechtsradikalität. Man hätte es auch positiv interpretieren können, sagt Sieverding: "Wir sind wiedervereint." Diese Lesart habe aber kaum einer wahrgenommen. Auch nicht als 1993 in Berlin 500 Großplakate des Motivs hingen.

Mit dem Regensburger Museum ist die gebürtige Pragerin seit 25 Jahren verbunden. Dauerhaft im Treppenhaus installiert ist ihr "Kontinentalkern XXXV"(1988/93), 400 Selbstporträts in den Farben Schwarz-Rot-Gold. Die politische Bedeutung habe sie nicht beabsichtigt, "das ergibt sich", sagt sie und sorgt sich um den Erhalt der Arbeit. Bei einem Siebdruck auf Metall sei die Farbe zwar widerständig, aber ob das gegen die UV-Strahlen genüge? Sieverding ist skeptisch, berichtet von "Kontinentalkern VI", jenem Werk, mit dem sie den Gedenkraum für Nazi-Opfer im Berliner Reichstag gestaltete: Eine Motivkombination aus lodernden Flammen und Röntgenaufnahmen, auf denen sich eine Krebsgeschwulst abzeichnet. Inzwischen ist die Arbeit verblasst, wie Sieverding feststellte, als sie in den Reichstag kam, um die Kuppel zu fotografieren. Dadurch würden aber andere Dinge besser ans Licht gebracht, findet sie. "Jetzt spiegelt das Werk die Klimapolitik der Bundesregierung wieder."

Diese Geschichte erzählt sie eine Woche später auch im Dachauer Schloss. "Am falschen Ort (II)" nennt sich die Ausstellung und kurz überlegt man unter der prunkvollen Holzdecke im Festsaal schon, ob Sieverdings Kunst, finanziert von der Dachauer Volksbank-Raiffeisenbank, hier am richtigen Ort ist. Aber Sieverding schafft auch hier einen gelungenen Dialog, setzt der Decke und dem umlaufenden Götterfries eine 30 Meter lange und vier Meter hohe Raumdiagonale gegenüber, präsentiert darauf plakatgroße Arbeiten. Darunter zwei neue Werke, die sich mit der Geschichte Dachaus beschäftigen. "Ich kann hier keine Kunstausstellung machen, ohne zur Vergangenheit der Stadt ein aktuelles Statement abzugeben." Die Kuppel des Reichstags verschmilzt in "O.T. I / 2019" mit einer historischen Luftaufnahme des Konzentrationslagers Dachau; in "O.T. II / 2019 wirkt die Kuppel wie eine zoomende Linse, fokussiert auf ein Bronzemodell des ekelhaft symmetrisch gebauten KZ Sachsenhausen. Vergessen ist so nicht möglich.

Verblüffend, welch feine Antennen, welch ungeheure Wachheit sich Sieverding seit 50 Jahren bewahrt. Seismografisch reagiert und hinterfragt sie individuelle und globale Prozesse, versteht ihre Kunst als "Übungen für alle". Eine Fotoschichtung zeigt das jordanische Flüchtlingslagers Zaatari nahe der syrischen Grenze, die Geflüchteten drängeln sich dicht an dicht. Darüber hat sie eine Aufnahme zweier russischer Soldaten gelegt, die ein Kampfflugzeug mit einem Sprengkörper beladen. Klarer kann man Ursache und Wirkung nicht verbinden. In einer anderen Arbeit legt sie Erde, Sonne, Sonnenfinsternis übereinander. Und stellt darüber die zwei Wörter, die ihr zum Treiben des Menschen zwischen Sonne und Erde noch einfallen: Die Pleite.

Katharina Sieverding: "Deutschland wird deutscher", bis 8. Sep., Di. bis So. 10-17 Uhr (Do. 20 Uhr), Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg; "Am falschen Ort II", bis 15. Sep., täglich 10-18 Uhr (Do. 20 Uhr), Schloss Dachau

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SZ vom 06.06.2019
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