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New York:Glück mit Stiften

Bei der "Sketch Night" der Society of Illustrators in New York darf jeder drauflos malen, inspiriert von Bourbon, Rotwein und Jazz.

Von Peter Richter

Wo anfangen? Manche sagen: Oben. Andere: Bei den Füßen, wie der Mensch selbst schließlich auch. Es gibt welche, die kreiseln tastend die Volumen ein, bevor sie konkreter werden, und manche gehen auch unverblümt auf die nackte Körpermitte los und sehen dann von dort aus weiter . . . Bei diesem Kampf ist jeder auf sich selbst gestellt und jede Taktik ist erlaubt. Die Jazzband spielt die ersten Takte, die Modelle lassen die Bademäntel fallen, und Entscheidungen müssen getroffen werden: den Mann oder die Frau, Rücken oder Flanke, Brust oder Po, Bleistift oder Kreide. Noch ein Schlückchen Bourbon und dann aber dalli, denn in ein paar Minuten ist schon wieder Posenwechsel. Der Eilmarsch des Stifts über das Schlachtfeld des Papiers ist das letzte große Abenteuer, das ein Mann oder eine Frau heute noch bestehen kann - jeden Dienstagabend ab halb sieben bei der Sketch Night der Society of Illustrators von New York.

Das Townhouse liegt in der East 63rd Street, Ecke Lexington Avenue, man kann schon Upper East Side dazu sagen, und gerade bei Nässe und Kälte wirkt es, als sei es selber die Erfindung eines Illustrators, der, sagen wir, ein leicht nostalgisch anmutendes Cover für den New Yorker zu gestalten hatte: so alt, so schmal, so sagenhaft gemütlich. Unten stromern die letzten Besucher durch das Museum, die steile Treppe knarrt, und von der Wand blickt die Ahnengalerie der Vereinspräsidenten. Der erste hieß W. T. Smedley, und mit seiner schmucken Barttracht könnte er auch heute gut irgendwo in Brooklyn mit der Milchkanne Herzchen auf 7-Dollar-Cappuccinos malen. Aber auf der Plakette steht "1901", und dass ein Norman Price das Porträt gezeichnet habe. Wer immer das gewesen sein mag, Bärte zeichnen konnte er. Viel länger als ein Jahr scheint keiner das Amt ausgehalten zu haben, aber alle machen einen irre entspannten Eindruck . Kann daran liegen, dass es eben keine Fotos sind, sondern Gespinste aus weichem Bleistift. Und daran, dass man aus dem zweiten Obergeschoss dann schon allmählich die Bar rauschen hört: stramm dosierte Cocktails, Nüsschen, Geplauder, darüber das Bild einer lustigen Kutschfahrt von der Hand des großen Norman Rockwell, der hier natürlich auch Mitglied war, und bevor die Illustratoren dieses Haus kauften, beherbergte es ein Fuhrunternehmen - daher das Motiv.

Nie gehört von dem Mann?

Außerhalb Amerikas mag der Name nicht viel sagen, in Amerika aber steht Rockwell für das superidyllische, bisschen kauzige, absolut liebenswerte Kleinstadt-Amerika, in dem die Milchbar noch an der Main Street liegt, aber die Weißen schon nett zu den Schwarzen sind, er ist praktisch der Mann, der es mit seinem Bleistift erfunden hat auf den Titelblättern der Saturday Evening Post; man müsste schon Spitzweg und Heinz Erhardt irgendwie zusammenkleben, um auf ein deutsches Äquivalent zu kommen. Wer ernsthaft wissen will, was US-Politiker in Wahlkampfreden in der Regel meinen, wenn sie "Amerika" sagen: bitte dringend Rockwell-Zeichnungen googeln, sonst versteht man es nicht. Aber das sagt ja auch was über die Macht und die Herrlichkeit des Zeichnens: Wie viele Leute sich in einer Illustration letztlich heimischer fühlen als in der sogenannten Wirklichkeit. Mit diesem Heilewelt-Bild über der Bar des Illustrators Club hat man auf jeden Fall das Gefühl, dass es völlig appropriate ist, sich mit einem kleinen Drink die Hand und die Wahrnehmung ein bisschen zu lockern, bevor es zur Sache geht.

Man kann das Zeichnen menschlicher Figuren ja auch als ein Streicheln betrachten nach dem Voodoo-Prinzip

Die ersten sind sogar immer schon eine halbe Stunde vorher da und sichern sich die Plätze mit der besten Sicht.

Da ist das Ehepaar von der UNO, er Norweger, sie aus Spanien, die immer in der ersten Reihe sitzen. Da ist der kleine, alte Herr, der einst aus Sibirien eingewandert war und seine Skizzenbücher Woche für Woche mit ganz eigenen Ornamenten füllt, abstrakt, wuchernd, mit vielen schwarz ausgemalten Flächen. Man fragt sich, wozu er die Aktmodelle braucht. Er kritzelt auch immer schon lange, bevor die überhaupt auftauchen. Es macht fast den Eindruck, als käme er vor allem, um sich von den amerikanischen Nackedeis da vorne nicht in seinem flackernden Sowjet-Pop beirren zu lassen.

Fotografieren wäre nicht angemessen auf den Sessions der Society of Illustrators in New York.

(Foto: Lynne Foster)

Und dann kann man sich darauf verlassen, dass David Forrest da sitzt, eine Fliege um den Hals und ein Glas mit gutem Rotwein vor sich, so dass man im ersten Moment immer denkt, er habe seinen Tuschepinsel da reingetunkt, denn David Forrest zeichnet meistens mit dem Pinsel. Der Mann ist Psychiater, Anfang siebzig und Mitglied in so einigen Clubs von New York. Aber der Club der Illustratoren sei einer der nettesten, sagt er - und am wenigsten exklusiv. Man kann schon für ein paar hundert Dollar im Jahr Mitglied werden, für Auswärtige ist es noch billiger. Und zu den Sketch Nights darf man auch als Nichtmitglied kommen. Man muss nur 20 Dollar bezahlen. Dafür gibt es ein bis zwei Modelle, ein kleines Buffet und eine Jazzband, die immer wechselt und meistens sehr, sehr gut ist, außer manchmal, dann ist sie schlicht fantastisch. Kann sein, dass es ein Frevel ist, die ganze Sache Aktzeichnen mit Jazzmusik zu nennen. Vielleicht wäre es richtiger, von einem Jazzkonzert zu sprechen, bei dem man zusätzlich die Möglichkeit hat, ein bisschen zu zeichnen. Auf jeden Fall gilt aber: Qualitätvoller und gleichzeitig günstiger kann man einen Abend in New York kaum verbringen.

Es soll nun sogar schon Leute gegeben haben, die das ganze als einen Strip-Club mit Musik begriffen haben. "Da kommt eines Tages so ein Männchen mit Windjacke rein und setzt sich, als ob gleich die Show losginge", sagt Lynne Foster. Dem musste sie erklären, dass er nur dann die nackten Frauen angucken darf, wenn er sie gleichzeitig auch zeichnet. "Ein alter Chinese. Der war völlig aus dem Häuschen."

Lynne Foster ist nämlich die Frau, die das alles organisiert, die die Musiker bucht und die Modelle. Zeichnen tut sie natürlich auch, professionell. Man trifft sie da, wo die wirklichen Profis sind, weiter hinten, bei der Bar. Während die eifrigen Laien weiter vorne wie ein Chor von Ja-Sagern im Sekundentakt die Köpfe heben und senken, Original und Abbild vergleichen, manchmal auch verärgert knurren, weil die Körper in der bockigen Wirklichkeit leider hartnäckig anders aussehen, als das, was da unter ihren Fingern auf dem Blatt Gestalt annimmt, während also weiter vorne das immer wieder epische Hin und Her zwischen Auge, Hirn und Hand tobt, stehen die Profis cool an der Bar und beplaudern Illustratoren-Klatsch. Manchmal skizzieren sie auch mit, dann aber oft die anderen Zeichnenden, die komplette Szenerie. Das Zeichnen sagt ja immer auch was über die Temperamente: Der eine fokussiert Grasbüschel, der andere Gebirgsketten. Manche beißen sich in anatomischen Details fest, andere ringen großgestisch mit den Gesamtproportionen, und wieder andere zeichnen eben das Aktzeichnen selbst und die Musiker gleich mit.

Das war vor ungefähr zehn Jahren, das mit dem Chinesen, sagt Lynne Foster, nachdem die New York Times einen hymnischen Bericht gebracht hatte. Sie hatten den Namen Fitzgerald ins Spiel gebracht damals, das Jazz Age, die Ära der Salons und Bordelle, es klang, als könnte man gleichzeitig der große Gatsby und der kleine Toulouse-Lautrec sein, wenn man hier Eintritt zahlt. Auch Kameras musste sie dauernd konfiszieren damals, sagt Foster, und Aufnahmen löschen. Denn es herrscht allerstrengster Ikonoklasmus in der Sketch Night, sofern die Bilder mit dem Fotoapparat gemacht werden sollen. Sehr offensichtlich hatte die Erfindung gleich mehrere Bedürfnisse bedient.

Wie es dazu kam? Lange Geschichte.

Zunächst einmal: Wer gut zeichnet, macht nicht selten auch ganz leidlich Musik. Die Society of Illustrators hatte eine Band. Im Zweiten Weltkrieg sollten von den Verwundeten in den Krankenhäusern lieber keine Fotos nach Hause geschickt werden, daher sandte man die Zeichner, deren Bilder waren, sagen wir mal: wärmer. Und die brachten den Jazz mit, um die Stimmung zu heben.

Die Sketch-Jazz-Sessions der Neuzeit, sagt Lynne Foster jedoch, gingen erst um 2004 los, immer noch, weil viele Zeichner selber musizierten. Als dann Profimusiker eingeladen wurden, hatten die oft den Berufsehrgeiz, die Modelle zum Mitwippen zu bringen. Gelingt auch manchmal. Ein ewiger kleiner Kampf zwischen den Performern ist das. Steh mal still wie eine römische Gipsfigur, wenn dich der Pianist mit Bassläufen durchkitzelt. Und klatsch mal Beifall, wenn es dir richtig, richtig, richtig gut gefallen hat, du aber einen Stift in der Hand hältst und eine völlig perverse Rückenverdrehung anatomisch glaubwürdig geschildert werden will. Die Modelle holt Foster meistens aus Burlesk-Theatern. Denn die können posieren, auch lange, und die sehen interessant aus. Dick. Dünn. Tätowiert. Lustig. Nicht wie Fotomodelle, sondern mehr so: wie Menschen.

Die Vorsitzende der Society of Illustrators, Lynne Foster, hat angefangen, deren Zusammenkünfte zu zeichnen.

(Foto: Lynne Foster)

David Forrest, der Psychiater, hat sich mit den meisten von ihnen mal unterhalten und will demnächst ein Buch über sie herausbringen. Seine These ist: Die haben beim Modellstehen wieder diesen Nacktheitsstolz, den Kinder haben, wenn sie fürs schiere So-wie-sie-sind-Sein von ihren Eltern vergöttert werden.

Und jeden Dienstagabend fahren dann nun fünfzig, sechzig Bleistifte, Kreidestücke, Pinsel oder Kugelschreiber ihre Hüften und Hintern und Schultern und Kniegelenke und Wirbelsäulen und Jochbeine ab; man kann das Zeichnen menschlicher Figuren immer auch als ein Streicheln nach dem Voodoo-Prinzip betrachten. Es ist ein Segen, dass das keine Kunst mit großem K sein muss. Man weiß ja, was "Illustration" für ein Schimpfwort geworden ist in der bildenden Kunst, und man spürt umgedreht, dass zu viel Wille zu "Kunst" dem Zeichnen meistens nicht besonders gut tut. Die beiden gehen getrennte Wege seit ziemlich exakt der Zeit, als die Society of Illustrators 1901 gegründet wurde. Zeichnenkönnen hat sich von der Kunst gelöst, ist in den Comic emigriert, in die Werbung, die Illustration, aber das Zeichnenwollen lebt und gedeiht, erstaunlicherweise.

Die New Yorker Sketch Night wird landauf, landab nachgeahmt. "Die nennen das dann 'Drink'n'Draw', wo wir ein bisschen feiner von ,Jazz Sketch' reden", sagt Foster. "Aber das wichtige ist: Die Leute wollen wieder zeichnen. Herrlich."

Warum eigentlich - wo man doch jederzeit von allem ganz einfach ein Foto machen kann? Lynne Foster, als wir sie anderentags zum Gespräch über all das mal in Harlem treffen, wo sie wohnt und auch Zeichenunterricht gibt, lehnt sich zurück und sagt: "Im Gegensatz zum Fotomachen ist Zeichnen eine Performance. Und Zeichnen ist Denken."

Das stimmt natürlich: Das Auge ist physiologisch eine Ausstülpung des Hirns, wenn man die Hand damit kurzschließt, wird der Stift automatisch zum Seismografen des Kopfs, und wenn die Bar verlangsamend wirken sollte, arbeitet der Jazz dagegen. "Deswegen glaube ich auch, dass jeder zeichnen kann. Nicht jeder ist ein Rembrandt. Aber jeder kann eine Zeichnung machen."

Herrliche Lynne Foster, herrliche Society of Illustrators: Wer dienstags in New York ist: hierher kommen! Ein beglückenderer Ort lässt sich in der Stadt meistens sowieso nicht finden.

© SZ vom 02.01.2016
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