Porträt von Anna Netrebko "Du musst schlafen, junge Schönheit, mit wem auch immer."

Das Winken der Anna Netrebko hat etwas Magisches. In Salzburg winkte sie oft vom Balkon des Festspielhauses. Sie winkt, wenn sie bei der Präsentation der CD einen alten Bekannten erkennt - und alle Köpfe reißt es herum. Wer ist das? Anna winkt beim Applaus, Anna winkt, weil sie Menschen mag. Sie hat eine ungebremste Fröhlichkeit, unterfüttert von dem im Kern immer noch unerschütterlichen Glauben an das Gute.

"Glauben Sie, ich bin eine Person, die dazu neigt, Angst zu haben?" Nein, das glaubt man nicht. Manchmal brachte sie ihre Unverblümtheit, die auf einem naiven Vertrauen beruht, schon in die Bredouille. Als sie etwa für Putin Wahlkampf machte, einfach weil sie damals, vor Jahren, der Meinung war, der sei der beste Chef für Russland. Inzwischen vermeidet sie tunlichst, sich zu Politik zu äußern.

Kunst "N****mädchen"
Ausstellung in Bremen

"N****mädchen"

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Anfangs wollte das auch keiner von ihr hören. 2003 sang sie bei den Münchner Opernfestspielen ein Galakonzert und die Violetta in "La Traviata". Ein paar Monate später wurde sie im Münchner Gasteig zu einem öffentlichen Gespräch gebeten, damals noch mittels russischer Dolmetscherin. Es wurde geredet vom Beginn ihrer Karriere, als sie im Mariinsky-Theater die Bühne schrubbte und Valerie Gergiev sie entdeckte. Es wurde, damals schon, gesprochen über den Markt und dessen Anforderungen, die man nun ja an der Existenz der vorliegenden CD weiterverfolgen kann. Damals benutzte sie ein altes, russisches Sprichwort: "Willst du oder willst du nicht? Du musst schlafen, junge Schönheit, mit wem auch immer."

Die CD kann man ihr verzeihen, wird eh ein Riesenhit

Das ist der Humor, der manche irritiert an ihr. Auch wenn Anna Netrebko zur Marke wurde, als eine der wenigen Künstler dazu beiträgt, Major-Klassiklabels überhaupt am Leben zu erhalten, auch wenn sie Werbung machte und sich am Anfang ihrer Karriere immer wieder fragen lassen musste, wo sie einkauft, nicht, was sie von ihrer Rolle will, auch wenn es geraume Zeit dauerte, bis sich aus dem Schaum des Boulevards die Künstlerin herausschälen konnte - im Grunde ist sie einfach eine lebenskluge Sängerin, die sich nicht kaputtmacht oder vom Betrieb nervös machen lässt, auf ihrer Faulheit beharrt und vor allem in ihrem Bereich eine begnadete Sängerin und Darstellerin ist.

Und deshalb, weil sie auf der Bühne, selbst in der kargen "Aida" dieses Jahr in Salzburg, immer wieder mit der Verkörperung ihrer Figuren verblüfft, verzeiht man ihr halt auch eine CD wie "Romanza". Wird eh ein Riesenhit. Wieso nicht. Diesen Sommer in Salzburg wurden Karten für die "Aida" auf dem Schwarzmarkt angeblich mit Preisen bis zu 6000 Euro gehandelt, bestätigt sind immerhin 4200. Seltsam nur, dass sie die statuarische Veranstaltung so mitmachte. Als sie die Mimi in der Salzburger "Bohème" sang, war sie mit ihrem hübschen Kostüm unzufrieden und suchte sich im Fundus eine richtig olle Strickjacke, die sie gegen ihr Kleidchen eintauschte. Als sie 2011 in München die Adina im "Liebestrank" sang, entdeckte sie in der Kulisse ein Bündel rosa Luftballons. Ballons gab es reichlich in dieser Inszenierung, aber nicht bei ihrem Auftritt. Egal, sie gefallen ihr, sie nimmt sie mit. Und beim Charity-Dinner danach, bei welchem man wegen Annas Anwesenheit den Gästen auch Katzenfutter hätte aufwärmen können, sie wären begeistert gewesen, werden 60 000 Euro für das Jugendprogramm der Bayerischen Staatsoper eingenommen. Ein Mehrfaches ihrer Abendgage.

Sie ist eben doch ihr Geld wert.

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