Porträt Spiegel Afrikas

Die karibische Autorin Maryse Condé bekommt am Sonntag den alternativen Literaturnobelpreis.

Von Joseph Hanimann

In ihrem Buch "Victoire" stellte Maryse Condé vor zwölf Jahren die Frage: "War der lange Weg aus der kolonialistischen Bevormundung und Ausbeutung letzten Endes all die Mühen wert?" Das Buch war ein Porträt ihrer Großmutter aus Guadeloupe, die weder schreiben noch lesen konnte, und dennoch hartnäckig für ein besseres Leben ihrer Nachkommen kämpfte. Wäre es nicht ebenso gut gewesen, eine rundliche, lachende Oma hätte sie auf den Knien gewiegt und ihr alte kreolische Mazurkas vorgesungen, statt als Dienstmagd ihren Sprösslingen den schwierigen Aufstieg ins Milieu der schwarzen Bourgeoisie zu bahnen? Diese Autorin hat keine Scheu vor heiklen Fragen. Vielleicht ist sie deshalb von der Jury des alternativen Literaturnobelpreises, der morgen in Stockholm vergeben wird, zur Gewinnerin gekürt worden.

Nach der Absage der offiziellen Literaturpreisvergabe in diesem Jahr wegen eines Strafverfahrens wegen Vergewaltigung, Vorwürfen der Nötigung und Vorteilsnahme hatte ein Intellektuellenkomitee im Sommer einen Ersatzpreis ausgelobt. Rund 200 schwedische Buchhändler stellten eine Liste von 47 Kandidaten auf, aus der das Publikum per Internet drei Favoriten aussuchen konnte. Eine Jury traf im Oktober dann die Schlussentscheidung für den aus Privatspenden finanzierten, mit knapp hunderttausend Euro dotierten Preis, einem Zehntel der sonst üblichen Summe. Geehrt wird eine große Erzählerin aus der Karibik.

Bekannt wurde die 1937 in Guadeloupe geborene Maryse Condé in den Achtzigerjahren mit ihrem zweiteiligen Roman "Ségou", der Geschichte vom Untergang des Bambara-Reichs im heutigen Mali. Von den Lebensverhältnissen in ihrem eigenen Land, Guadeloupe, wusste sie lange wenig. Sie war die Tochter einer in den schwarzen Mittelstand aufgerückten Großfamilie und sah das normale Leben vor allem durch das Fenster des kleinen Citroën, auf dem Weg ins Wochenendhäuschen.

Condé wurde rein französisch erzogen, die kreolische Sprache blieb ihr fremd. Ihr politisches Bewusstsein erwachte erst nach der Ankunft 1953 fürs Studium in Paris. Die "Rede über den Kolonialismus" vom martinikanischen Dichter Aimé Césaire und die Schriften Frantz Fanons setzten Denkprozesse für die künftigen Romane in Gang. Aufenthalte als französische Schullehrerin in diversen westafrikanischen Ländern und als Journalistin in London taten das Ihre.

Bei aller Weltläufigkeit, bald auch als Dozentin an amerikanischen Universitäten, blieb die Autorin in ihren Büchern aber der Welt der Antillen verbunden. Der Roman "Ich, Tituba, die schwarze Hexe von Salem" erzählte 1986 die Geschichte von der Tochter einer vergewaltigten Sklavin, die im puritanischen Amerika 1692 wegen Zauberei verurteilt wurde. In "Unter den Mangroven" wird in einem abgelegenen Dorf Guadeloupes ein Fremder beerdigt, von dessen Herkunft man wenig weiß, in den aber jeder seine eigene Geschichte hineinprojiziert.

Afrika als imaginäre Wurzel des afro-amerikanischen Erbes ist ein Zentralthema bei Maryse Condé. Geglaubt hat sie nie wirklich daran. Ihre Ankunft 1959 in Abidjan war für sie ernüchternd und in ihrem 2012 erschienenen Lebensrückblick "La vie sans fards" (Leben ohne Schminke) erinnert sie sich an einen Ausflug zusammen mit schwarzen, amerikanischen Touristen ins ehemalige Reich Dahomey im heutigen Benin. "Ihre Bewunderung für die Pracht der alten Könige konnte ich nicht teilen", schreibt sie, denn jenes angebliche Mutterland Afrika sei für sie immer nur ein innerer Konfliktherd der persönlichen Identität gewesen.

Die Unabhängigkeitsbewegungen der karibischen Intellektuellen gegenüber Frankreich sah die Schriftstellerin mit zwiespältigen Gefühlen. Sie kamen ihr oft zu dogmatisch vor. Auf die Frage, warum sie nicht auf Kreolisch schreibe, antwortet sie manchmal etwas gereizt: Sie schreibe weder kreolisch, noch französisch, sondern "in der Sprache Maryse Condé". Mit ihr sei "der afrikanische Spiegel zerbrochen, in dem viele Intellektuelle der Antillen sich gern betrachteten", erklärten die Schriftsteller Patrick Chamoiseau und Raphaël Confiant anerkennend über ihre ältere Kollegin.

In ihrem Roman "Geschichte der Kannibalenfrau" aus dem Jahr 2003 wird die Heldin Rosélie nach der Ermordung ihres Lebensgefährten gefragt, warum sie nicht einfach nach Hause zurückkehre. "Wenn ich nur wüsste, wo mein Zuhause ist", antwortet sie, denn zufällig sei sie in Guadeloupe geboren, habe danach in Frankreich gelebt, sei einem Mann nach Afrika gefolgt, einem anderen dann nach Amerika und schließlich nach Südafrika.

Die Schwierigkeiten dieses Landes der Hoffnung nach der Apartheid werden im Buch vorbehaltlos offen geschildert. "Wie traurig, dass die Opfer von ihren früheren Peinigern so schnell gelernt haben", klagt eine weiße Nachbarin Rosélies. Nichts hätten sie zu lernen gehabt, entgegnet diese, denn sie seien auch nur Menschen und nicht die lieben Engelskinder, die man aus ihnen gern gemacht habe.

Die heute zurückgezogen in Südfrankreich lebende Autorin ist in den letzten Jahren hie und da schon auf der Liste offizieller Nobelpreisanwärter aufgetaucht. Dass durch eine alternative Jury aus der Ehrung nun Wirklichkeit wurde, bezeugt eine breite Empfänglichkeit fürs nach wie vor schwierige postkoloniale Erbe, zugleich aber den Wunsch, diese Fragen vorurteilslos, unpolitisch und auf Augenhöhe konkreter Menschenschicksale behandelt zu sehen.