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Theater:Vom "Jedermann" zum Kino-Star

Peter Simonischek  wird 70

Er ist längstgediente Jedermann in der Geschichte der Salzburger Festspiele: Peter Simonischek.

(Foto: dpa)

Seine Rolle in "Toni Erdmann" hat den Theaterschauspieler Peter Simonischek weltberühmt gemacht. Heute wird der Österreicher 70 Jahre alt. Eine Begegnung.

Golling ist ein beschaulicher kleiner Ort südlich von Salzburg, gelegen im schönen, von sattgrünen Gebirgszügen umhegten Tennengau. Das Dorf hat eine kantige Burg, auf der die Gollinger jeden Sommer Festspiele ausrichten. Einer, der mit Lesungen regelmäßig zum Programm beiträgt, ist der eigentlich bei den "großen" Festspielen drüben in Salzburg engagierte und von einer viel berühmteren "Burg", nämlich dem Burgtheater in Wien kommende Peter Simonischek. Der österreichische Theaterstar, gefeiert als langjähriger "Jedermann", begeistert derzeit auch im Kino das Publikum: in der Titelrolle von Maren Ades Film "Toni Erdmann".

Viele Interviews muss er seither geben. Um dem Trubel zu entgehen, hat sich Simonischek in diesem Salzburger Festspielsommer im ruhigen Golling einquartiert. An diesem Sonntag wird er dort gemeinsam mit seiner Frau, der österreichischen Schauspielerin Brigitte Karner, aus dem Briefwechsel zwischen Peter Tschaikowsky und dessen Seelenfreundin Nadesha von Meck lesen. "Kennen Sie das? Wunderschön!" Peter Simonischek macht es sich auf einem Retro-Sofa in der behaglichen Enothek seines kleinen Hotels gemütlich. Nicht, ohne sich vorher noch rührend um eine neue Batterie für das schwächelnde Aufnahmegerät seiner Besucherin zu kümmern. Hätte das Hotel keine parat gehabt, wollte Simonischek die Batterie aus seiner elektrischen Zahnbürste zur Verfügung stellen: "Hat genau die gleiche Größe."

"Fesches Mannsbild", "Weiberer" - die österreichischen Medien belegen Simonischek gerne mit Etiketten

Der Mann ist die Freundlichkeit in Person, zugewandt, gesprächig, auf Anhieb sympathisch. Simonischek lässt sein gutes Aussehen, um das er natürlich weiß - Kollegen attestieren ihm eine "Grundeitelkeit" -, mit einer betonten Bescheidenheit korrespondieren. Als wolle er auf keinen Fall mit irgendwelchen Klischees vom "feschen Mannsbild" oder "Weiberer" in Verbindung gebracht werden - Etiketten, mit denen der "Frauenschwarm" in den österreichischen Medien oft und gerne belegt wird. Siebzig wird er an diesem Samstag. Man sieht es ihm nicht an.

So groß und massiv Peter Simonischek ist - einsneunzig, stattlich gebaut, dazu diese aparte Silberhaarmähne -, strahlt er nichts Autoritäres, nichts Kraftmeierndes aus. Obwohl er das auf der Bühne schon auch kann. Man denke etwa an seinen mafiösen Hofreiter in Schnitzlers "Das weite Land" in der Regie von Alvis Hermanis. Oder an seinen vitalitätsstrotzenden Jedermann in Salzburg. Im Film und Theater ist er oft der Grandseigneur, spielt die gepflegte Herrenhaftigkeit seines Äußeren aus. Dabei kann Simonischek etwas sehr Treuherziges an den Tag legen, so wie jetzt auf dem Gollinger Hotelsofa, wo er ganz der Gemütsmensch ist. Mit Hang zur Anekdote und Teddybär-Blick. Sein warmer austriakischer Zungenschlag tut ein Übriges. Simonischek, Vater dreier Söhne, hat seine Wurzeln in der Oststeiermark. Wie es scheint, wurde er dort gut geerdet.

Es ist diese Warmherzigkeit, die auch seine Figur in "Toni Erdmann" auszeichnet, jener Filmkomödie, die in Cannes Begeisterungsstürme ausgelöst hat - ein tollkühn alle Mittelmaßnormen sprengendes Ausnahmewerk. Simonischek spielt den pensionierten Musiklehrer Winfried, der seiner vom Manager-Ehrgeiz zerfressenen Tochter Ines in deren Einsatzgebiet in Bukarest nachreist und sie dort von einer peinlichen Situation in die nächste bringt. Nicht um sie vor-, sondern um sie in die Menschlichkeit zurückzuführen.

Simonischek tut dies mit dem simpelsten Theatertrick: indem er sich verkleidet. Maskiert mit einer unmöglichen Neandertaler-Perücke und einem potthässlichen künstlichen Gebiss, verwandelt er sich in jenen Titelhelden Toni Erdmann, der seiner Tochter nur dadurch nahe kommen kann, dass er ihr als ein anderer, als eine Kunstfigur entgegentritt. Das ist zwischenmenschlich so traurig, wie es in den einzelnen Szenen situationskomisch ist.

Wie ungeniert und ungekünstelt Peter Simonischek und Sandra Hüller das spielen, ist ganz großes Theater. Der Steifheit seiner gepanzerten Tochter setzt Winfried als schluffiger Spaßterrorist die Möglichkeit des Spiels entgegen. Und so sieht man den sonst so attraktiven Herrn Simonischek schwitzend und schnaufend als freakigen alten Zausel mit schiefen Riesenhauern durch den Film tappen und die kuriosesten Übersprungshandlungen auslösen. Er tut das nie klamaukig, nie forciert - Ades Film zielt nicht auf Pointe -, sondern völlig beiläufig, unaufgeregt, als sei es das Normalste von der Welt. Letztlich ist dieser Winfried in seiner grotesken Maskerade unter all den Firmen- und Selbstoptimierern der einzig wahre Mensch. Als er sich gegen Ende in der Tradition der bulgarischen "Kukeri" ganz in ein Zottelmonster verwandelt, läuft die Tochter ihm in den Park nach. Es ist das einzige Mal, dass sie dem Vater in die Arme fällt: "Papa!" Papa ist in dieser Szene reines Ziegenfell.