Porträt Menschen

Zwei extreme Persönlichkeiten im Simons-Theater: Risto Kübar (links) und Benny Claessens stellen in "Spectacular Lightshows" ihre Körperlichkeit zur Schau.

(Foto: Conny Mirbach)

Ein Abschied von Benny Claessens, im fabelhaften Simons-Ensemble eine der anrührendsten Erscheinungen

Von Egbert Tholl

Es begann im Jahre 2010 mit einem Erlebnis, das für viele Zuschauer einem Schock nahe kam, von dem sie sich so schnell nicht erholten. In "Ruf der Wildnis", der ersten Premiere im Schauspielhaus unter der Intendanz von Johan Simons, befand sich auf der Bühne neben anderen tollen Schauspielern ein körperlich sehr präsenter Mensch, der deutsch mit einem flämischen Akzent sprach, einem Singsang gleich, bei dem man genau hinhören musste. Vor allem aber empfand dieser Mensch seinen Körper, von welchem er viel hatte, als gleichberechtigtes Ausdrucksmittel neben der Sprache. Das an sich war nicht neu, auch für das Münchner Publikum nicht, aber doch war die reine Präsenz von Benny Claessens für einige Zuschauer kaum zu verkraften. Was sie nicht sahen: die unendliche Zärtlichkeit, die diesem Schauspieler innewohnt, die Suche nach einem Ausdruck, der Innerlichkeit und Äußerliches zu einer Einheit der Wahrhaftigkeit verschmilzt. Sie sahen einen Dicken, der seltsames Deutsch sprach.

Nun, das mit dem Akzent hat sich bald gegeben, und auch die Anfeindungen ließen nach, auch wenn sie so lange währten, dass Benny Claessens schon alle Lust verlor, weiterhin sich vor dem Münchner Publikum aus die Bühne zu stellen. Wenn man selbst Zeuge dieser Anfeindungen wurde, dann konnte man schon erheblich an der Kultiviertheit dieser Kulturmenschen zweifeln; selbst unter den Fachleuten gab es zwei scharf getrennte Lager. Dann jedoch kam "Wassa", dann kam "Onkel Wanja", so dass Claessens die Schraube sich weiter anzuziehen getraute; dann entwarf er mit Risto Kübar zusammen die "Spectacular Lightshows of Which U Don't See the Effect" und spielte in Jan Decortes "Much Dance". Da ließ er dann die Sprache weg, wurde nur noch Körper, ein poetisches Nilpferd, grazil wie eine Fee, ein gutmütiges Reittier, so agil wie ein Derwisch; vor allem ein Körpermedium der Liebe.

Inzwischen hat Benny Claessens eine Wohnung in Gent, so wie etwa Marie Jung, Kristof Van Boven und ein paar andere eine in Hamburg haben. Das Ensemble, das unter Johan Simons das beste im deutschsprachigen Raum war, zerstreut sich zum Teil, zum Glück nur zum Teil, in alle Richtungen. Und für einige ist der Wechsel in der Intendanz ein krasserer Einschnitt als gemeinhin in diesem Beruf üblich.

Auf permanente Veränderungen sind ja alle Schauspieler eingestellt; hier nun überlegen einige, ganz mit dem Beruf aufzuhören. Einige machen eine Pause, andere arbeiten frei, wenige gehen direkt von den Kammerspielen ins nächste Festengagement. Man hat den Eindruck, als seien für alle, die auf der Bühne arbeiteten, diese fünf Jahre unter Simons etwas sehr Besonderes gewesen, etwas, das sich in dieser Konstellation kaum wiederholen wird.

Tatsächlich bestach das Ensemble ja durch lauter kleine, einzelne Wunder, ob die nun Van Boven, Jeroen Willems, Hans Kremer, Wolfgang Pregler, Jung, Puls, Telgenkämper, Hüller, Bürkle, Schmauser und wie auch immer hießen - alle kann man nicht nennen, sie bleiben ohnehin in Erinnerung. Das Tolle war nun, dass man hier an den Kammerspielen eine Ansammlung ganz außergewöhnlicher Individuen und Individualisten hatte, dass man aber von außen stets den Eindruck hatte, die wollen einfach miteinander spielen, Dinge ausprobieren, sehr weit gehen, wohin auch immer, aber gemeinsam.

Gut, Benny Claessens ist eine Diva. Aber Diva geht schon in Ordnung, wenn man auch was kann, was tut, sich selber am wenigsten schont. Claessens ist, neben Kübar vielleicht, das extremste Beispiel für die Menschenvielfalt, die bei Johan Simons herrschte. Dass Simons mit dieser Vielfalt nicht alles auslotete, was er sich selbst vorgenommen hatte, das ist vielleicht bei aller Konsequenz der fünf Jahre der Vorwurf, den er aus München mitnehmen muss. Aber es hat ihn ja keiner gezwungen zu gehen.

Doch der Grund hierfür führt einen zurück zu Claessens und seinen "Lightshows", einem Abend über die Liebe und die Nähe zweier Menschen und die Gefahr, den Schmerz und das Glück, alles, was mit der Nähe und der Liebe einhergehen kann. Da standen sich Kübar und Claessens gegenüber, verwurschtelten ihre Arme ineinander, wischten mit den Händen, mit den Ellenbogen am Gesicht des anderen vorbei, suchten Nähe und wehrten sie gleichzeitig ab. Mal ruhte eine Hand kurz auf der Schulter des anderen, mal fuhren Finger kurz durch das Haar des Gegenübers. Eine Mühsal, ein Abarbeiten, eine Art Ringen, dem später ein ganz und gar ausgespieltes Ringen, ächzend, schwitzend, sehr körperlich folgte oder die lange Szene eines Kusses, scheu und so berückend zart wie der ganze Abend.

Das war so ein Moment, wie er noch lange für München mit dem Theater von Johan Simons verbunden bleiben wird. Ein Moment, in dem Schauspieler den Zuschauer teilhaben lassen an sich selbst, mit und über einen Text, einen Stoff, einen Vorgang hinaus, nackt und bloß.