Porträt Mach Witze

Humor voller Anspielungen: Fromme Künstler wie der Stand-up-Comedian Ashley Blaker umschiffen Tabus. Und immer bleibt der erzieherische Charakter hinter ihrer Ironie erkennbar.

(Foto: Steve Ullathorne)

Der Brite Ashley Blaker ist jüdisch-orthodox. Und Komiker. Er hält sich im Leben streng an den Talmud und auf der Bühne fromm an selbstgesetzte Grenzen - das kann ganz schön spaßig sein.

Von Cathrin Kahlweit

Ashley Blaker macht Witze über sinistre Männer, die Plastiktüten um ihre schwarzen Hüte wickeln. Er scherzt über Großfamilien, die ihre Vans mit den zwölf Kindern in zweiter Reihe parken, die Warnblinkanlage anschalten und dann in aller Seelenruhe ihre ausgedehnten Wochenendeinkäufe machen. Bei Auftritten holt er aus einer zerknüllten Tasche eine Gummihand heraus, mit der er Frauen im Publikum per Handschlag begrüßt. Ist das komisch?

Alles kann komisch sein, es kommt bekanntlich auf den Kontext an. Vor allem, wenn ein zarter Mann im weißen Hemd und schwarzem Anzug auf der Bühne steht, auf dem Haar eine Kippa, unter dem Hemd schauen die Zizit, die Schaufäden des Gebetsschals, heraus, und die Schläfenlocken hat er hinter die Ohren gesteckt. "Die meisten von Ihnen", sagt er seinem Publikum, "sehen uns orthodoxe Juden mit unseren Bärten, unseren Schläfenlocken und unseren lustigen Hüten und denken dann, wir sind ein bisschen merkwürdig". Aber, fügt er hinzu und macht dazu sein Clownsgesicht, "wenn Sie erst wissen, was da alles mit dranhängt, werden Sie denken, wir seien völlig verrückt".

Blaker, 43 Jahre alt, ist einer der wenigen, vielleicht sogar der einzige jüdisch-orthodoxe Stand-up-Comedian Europas. "Sie denken, dass fromme Juden nicht über sich selbst lachen können?", fragt der Brite. "Sie können es, und sie tun es: Wenn meine frommen Zuschauer lachen, dann ist das der erleichternde Effekt der Selbsterkenntnis. Es macht sie weicher." Und die anderen, die weniger frommen, die mache es verständnisvoller. "Warum soll ich nicht dazu beitragen, dass unser kleines, verfolgtes Volk weniger gespalten ist?"

Zu den Stars dieser Szene gehören überraschend viele Frauen

Der Joke mit den Hüten ist Teil einer Nummer darüber, dass der Zehn-Cent-Aufschlag auf Plastiktüten beim Einkauf antisemitisch sei, weil er besonders Juden treffe, die nun Geld für den Regenschutz zahlen müssten. Im Joke mit dem Auto und dem Großeinkauf ist dann alles drin - kinderreiche orthodoxe Familien, das Klischee, dass Strenggläubige besonders schlecht Auto fahren, und die Belustigung darüber, dass die Frommen immer glaubten, die Regeln der Gojim, der Nichtgläubigen, würden nicht für sie gelten.

Jüdischer Witz ist berühmt, vor allem dann, wenn Juden über sich selbst lachen. Die Unterhalter im osteuropäischen Schtetl, die aus Europa emigrierten Hollywood-Stars, die amerikanisch-jüdischen Heroen der Selbstironie wie Woody Allen und Jerry Seinfeld - das ist Weltkulturerbe. Jüdisch-orthodoxe Comedy aber, das klingt wie ein Widerspruch in sich: zu viele Regeln, zu viel Strenge, zu viele Codes, zu viele Tabus, zu viel Gottesfurcht.

Aber so ist das mit den Klischees - in Europa selten, in Deutschland praktisch noch unbekannt, breitet sich das Genre rasend schnell aus. Nicht nur in den USA, wo Stand-up zu Hause ist und wo es, wie die New York Times anmerkt, zum Glück auch die Ultraorthodoxen nicht immer ganz genau mit ihren Vorschriften nähmen. Sondern auch in Israel mit seiner rasant wachsenden Zahl strenggläubiger Juden. Die israelische Zeitung Haaretz schreibt in einem ausführlichen Report über das Phänomen staunend, jüdisch-orthodoxe Comedians stürmten die Bühnen und die Rabbiner hätten nichts dagegen. Unter den Stars der Szene sind natürlich Männer, aber auch überraschend viele Frauen.

Immer mehr Orthodoxe hätten, heißt es, ein unterhaltsames Privatleben, die Frauen gingen nach der Arbeit gemeinsam aus, machten Ferien, Sport - und gingen eben auch zu Shows, säßen dann aber dort natürlich nach Geschlechtern getrennt. "Wir Charedim (so nennen sich die Orthodoxen selbst) lachen gern über uns selbst", zitiert Haaretz die erfolgreiche Komikerin Hanni Berman, "am liebsten über Dinge, in denen wir uns erkennen: Partnersuche, Nahrungsmittel, Familienbeziehungen". Die Gojim glaubten immer, Orthodoxe seien Teil einer "toten Gesellschaft". Nein, auch dieses Leben dürfe lustig sein. Aber dann auch wieder nicht zu sehr.

Auf den ersten Blick sieht das, was auf der Bühne passiert, aus wie jede stinknormale, säkulare Stand-up-Comedy - ein Mensch vor Publikum, samt Gags, Timing, Mimik. Doch fromme Komiker halten selbstgesetzte Grenzen ein, sie präsentieren eine, wenn man so will, koschere Art von Humor. Er ist nie beleidigend, voller Anspielungen, Tabus werden umschifft, der erzieherische Charakter bleibt hinter der Ironie erkennbar.

Wenn Ashley Blaker über Sex redet, dann klingt das zum Beispiel so: Er dürfe ja nun mal als frommer Mann Frauen nicht die Hand schütteln - deshalb die Nummer mit der Gummihand. Er präsentiert sie gemeinsam mit dem Scherz, in Zeiten von "Me Too" gebe es offenbar immer noch Männer wie ihn, die Frauen nicht "handsy", nicht übergriffig genug seien. Und dass es schon eine besondere Ironie seiner Religion sei, selbst das banale Händeschütteln mit der impliziten Vermutung zu untersagen, dass Frauen dann sofort erotisiert seien. "Wie wahrscheinlich ist das, wenn sie mich sehen?"

Es folgt eine ausführliche Würdigung aller Tricks, wie ein strenggläubiger Jude es vermeiden kann, Frauen zu berühren, samt Aktentaschen in beiden Händen, Luftküsschen und anderen Verrenkungen. Seiner Frau schüttele er aber natürlich schon die Hand. Und wenn sie es sich zusammen besonders schön machen wollten, dann schüttelten sie manchmal auch die ganze Nacht lang. Was seine Frau nicht möge: wenn sein Handschlag "limp", zu weich sei. An dieser Stelle lachen immer alle wissend. Die Frommen weil er das alles so gewitzt umschreibt. Und die Nichtgläubigen, weil sie stolz darauf sind, dass sie durch die vielen Metaphern hindurch einen kurzen Blick in das Schlafzimmer des Ehepaars Ashley und Gemma Blaker erhascht haben.

Bevor er streng gläubig wurde, war er Fußballfan. Er schaute sich jedes Spiel des FC Liverpool an

Der Komiker macht diese Form der Comedy erst seit wenigen Jahren; und er ist selbst überrascht, wie gut es läuft. Blaker hat in Großbritannien eine Marktlücke entdeckt; in London spielte er wochenlang vor ausverkauftem Haus. Vorher verdiente er sein Geld als Produzent bei der BBC und erfand zum Beispiel die eminent populäre Serie "Little Britain". Aus der BBC-Zeit stammt im Übrigen seine Erkenntnis, man könne gut Fernsehen machen, ohne selbst einen Fernseher zu besitzen.

Blaker erzählt aus einer Welt, die vielen seiner Zuhörer ungeheuer fremd - und manchen nicht geheuer ist. Antisemitismus ist wieder allgegenwärtig in Europa, und das Risiko damit nicht von der Hand zu weisen, dass einer wie er nicht nur Irritation, sondern nackte Ablehnung erzeugt. Wie damit umgehen? Die ganze Comedy-Branche redet derzeit beispielsweise über die lesbische australische Komikerin Hannah Gadsby, die unter ihrem Künstlernamen Nanette auftritt und die ihr Programm völlig umgestellt hat. Sie hat den Ton gewechselt - von Selbstbezichtigung und Selbstironie über den ernsthaften Versuch der Selbsterklärung hinein in den Angriffsmodus. Sie habe es satt, sagt Nanette, sich als Homosexuelle in ihren Auftritten ständig selbst zu demütigen - und nichts anderes sei Stand-up-Comedy, in der sich eine Lesbe von sich selbst distanziere, indem sie sich über den Blick auf Lesben - und damit über sich selbst - lustig mache.

Blaker versteht diesen Zugang, der auf orthodoxe Comedy durchaus übertragbar wäre, aber er teilt ihn nicht. In seinen Programmen nehme er sich selbst - und seine Leute - liebevoll auf den Arm, findet er und hofft, dass er damit nur mehr Verständnis für diese fremde Welt wecke. Politisches lässt er deshalb lieber weg.

Seine Eltern haben den Werdegang ihres Sohnes mit einigem Erstaunen verfolgt. Blaker ist in einer durchschnittlich gläubigen jüdischen Familie aufgewachsen, am Schabbat ging man morgens in die Synagoge, aber nachmittags zum Einkaufen. Strenggläubig ist er erst als Erwachsener geworden, weil er, wie er scherzt, immer alles ganz und gar richtig machen wolle. Früher, als er noch nicht versuchte, alle im Talmud enthaltenen 613 Regeln einzuhalten, sei er ein großer Fußballfan gewesen. Sein Team war Liverpool. "Und so wie ich manisch zu jedem Heim-, jedem Auswärts- und sogar zu jedem Freundschaftsspiel gegangen bin, bis meine Frau glaubte, ich betrüge sie, so habe ich auch meinen Glauben entdeckt. Bei mir besteht immer Suchtgefahr."

"Mein Mobiltelefon ist so koscher, dass es nicht einmal Anrufe entgegennimmt."

Auch deshalb hat er als Comedian vielleicht sein Thema gesucht und gefunden. Weil er sich selbst überzeugen will, dass er die richtige Entscheidung im Leben getroffen hat. "Comedy führt dazu, dass Menschen sich öffnen. Nachdem sie über eine Sache gelacht haben, sehen sie diese nie wieder ganz genau so wie zuvor." Und vielleicht auch, weil Lachen als Brücke funktioniert, wo guter Wille und Pädagogik nicht ausreichen. Nicht zuletzt deshalb haben in Deutschland zuletzt so viele muslimische Comedians mit ihrer Kunst Fremden- und Islamfeindlichkeit thematisiert, dass der Münchner Theaterwissenschaftler Christopher Kloë zu Recht von "Komik als Kommunikation der Kulturen" spricht.

Der jüdische Komiker aus England kommt jedenfalls gut an - nicht nur dort, wo er neue Türen öffnet, sondern auch dort, wo jüdisch-orthodoxe Stand-up-Comedy schon lange eingeführt ist. Zuletzt ist er wochenlang mit seiner Show "Meshugah Frum" (irre fromm) auf dem New Yorker Broadway aufgetreten, davor mit "Strictly Unorthodox" (Streng unorthodox) durch Israel und Südafrika getourt. "Man muss aber gewaltig aufpassen", sagt er, "die amerikanischen Juden mögen es nicht, wenn ich Mobile Phone oder Buggy sage, und nicht Cell Phone oder Stroller. Da verstehen sie keinen Spaß".

Sein Gag zu den portablen Telefongeräten funktioniert aber überall. Juden, sagt er, überträfen sich gern darin, zu betonen, wie hinterwäldlerisch ihre Technik sei; je älter, desto orthodoxer. Er gewinne diesen Wettstreit immer. "Mein Mobiltelefon ist nämlich so koscher, dass es nicht einmal Anrufe entgegennimmt."

Wenn er, wie in den kommenden Wochen, sein aktuelles Programm "Observant Jew" auf dem Edinburgh Festival zeigt, dann spielt er für Fromme und nicht Fromme, und manchmal sitzen alle im selben Saal. Wenn Bedarf ist, werden die Tickets für unterschiedliche Gruppen verkauft. Es gibt einen Block Frauen, einen Block gemischte Sitzreihen, einen Block für Männer. Geht auch. Manchmal redet er vor allem für die Ahnungslosen, so hatte er im Frühjahr eine eigene Serie im BBC-Radio, "Ashley Blaker's Goyish Guide to Judaism". Den Nicht-Juden erklärte er dann in seinem Bemühen, ultraorthodoxe Etikette zu erläutern, was man macht, wenn man an Schabbat vergessen hat, im Schlafzimmer das Licht auszuschalten, aber den Schalter nicht ausknipsen darf, weil das als Arbeit gilt. Und wenn es nicht so irre komisch wäre, dann wäre es wirklich irre, wie er vorspielt, dass er sich auf der Straße herumdrückt, um jemanden ins Haus zu locken, der für ihn in seinem Schlafzimmer das Licht ausmacht, ohne dabei wie ein Soziopath zu wirken.

Im wirklichen Leben haben Ashley Blaker und seine Frau sechs Kinder. Bei zwei Söhnen wurde Autismus festgestellt. Eine Tochter mit Downsyndrom hat das Ehepaar adoptiert. Aber um das zu verstehen, sagt Blaker und lächelt, müsse man nicht unbedingt jüdisch-orthodox sein. Sie hätten einfach "das Richtige tun wollen".