Porträt Kante statt Liebreiz

Das Gegenteil von blond: Die Schauspielerin Ellen Schwiers gehört zu den Filmgesichtern der Nachkriegszeit. Jetzt, mit 84 Jahren, gibt sie ihren Bühnenabschied in der Komödie im Bayerischen Hof

Von Chistiane Lutz

Freitagmorgen, Vogelgezwitscher im Garten eines Hauses am Starnberger See. Eine rote Mappe voller loser Blätter liegt auf einem großen, dunklen Holztisch. "Mooreiche", sagt Ellen Schwiers und streicht mit der Hand über die Tischplatte, "aus England. Uralt". In der Mappe liegen handgeschriebene Notizen. Eine Nichte hat Ellen Schwiers gebeten, ihre Geschichte festzuhalten. Schwiers ist heute 84 Jahre alt. Von Montag an spielt sie die Martha in "Altweiberfrühling" in der Komödie im Bayerischen Hof. Ihre letzte Rolle am Theater.

"Alle fragen mich jetzt, wie es mir damit geht", sagt Schwiers, "dabei bleibe ich ja am Ball. Meine Tochter ist Schauspielerin, wohnt fünf Minuten von hier weg. Mein Bruder ist Schauspieler, wohnt fünf Minuten von hier weg. Meinen Freundeskreis habe ich auch über die Arbeit. Es ist ja nicht so, dass ich mich jetzt in eine Kammer einschließe!". Sie klingt etwas entrüstet, rührt energisch Cappuccino in einer Vogel-Tasse. "Es ist ja nicht zu Ende. Auch wenn ich nichts dagegen hätte, wenn es zu Ende wäre. Ich bin in gewisser Weise auch müde. Lebensmüde." Sie sieht kein bisschen müde aus. Gut sieht sie aus.

Schwiers in der Komödie "Altweiberfrühling", mit der sie ihren Bühnenabschied geben will.

(Foto: Rüdiger Neumann)

Ellen Schwiers, geboren 1930 in Stettin, das seit 70 polnisch ist, hat Leben dem Schauspiel gewidmet. Sie hat in unzähligen Theaterproduktionen gespielt, mehr als 200 Filme gedreht und 1982 mit ihrem Mann Peter Jacob und ihrer Tochter Katharina ihr eigenes Tourneetheater "Das Ensemble" gegründet, mit dem sie viel unterwegs war. Ihr Metier lernte sie von ihrem Vater, dem Schauspieler Lutz Schwiers. Er konnte seine beiden Kinder aber nur schwer von dem Beruf ernähren, die Familie zog häufig um und litt materielle Not. Nach ihrer Jungmädchenzeit beim BDM, dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Flucht in den Westen fing Ellen Schwiers 1949 am Theater Koblenz an. Mit 19 spielte sie ihre erste Filmrolle im "Heimlichen Rendezvous" in der Regie von Kurt Hoffmann. "Damals habe ich bei einem Faschingsball auf dem Gelände der Bavaria mit dem Schauspieler und Regisseur Helmut Käutner getanzt", erinnert sie sich. "Ich wusste gar nicht, wer mich da im Arm hielt. Da war ich noch so jung." Später sollte sie mit Käutner vor der Kamera stehen. Schnell erarbeitete sie sich einen gewissen Ruhm als dunkle femme fatale im heilen Stunde-Null-Kino der Nachkriegszeit. "Ich kannte viele berühmte Leute", sagt sie, "auch international berühmte. De Niro. Sutherland. Mein Leben war in der Hinsicht bunt und reich." Sie habe als Schauspielerin auch Regisseure gesammelt, die sie schnell und nur beim Nachnamen nennt: Bertolucci. Käutner. Staudte. De la Patellière.

Ein Stichwort löst eine Anekdote aus, sie erzählt gern von früher. Davon, wie sie 1968 in Zürich die wegen Streits mit dem Theater verschobene Uraufführung von Max Frischs Stück "Biografie, ein Spiel" möglich machte und Jahre später den Text für ihr Tourneetheater inszenieren ließ. Allerdings mit viel weniger Schauspielern als von Frisch vorgesehen. Sie rief ihn an, um das zu beichten: "Hier ist die Ellen Schwiers." Pause. Dann er: "Ellen! Weißt Du eigentlich, dass ich mal furchtbar in Dich verliebt gewesen bin?"

Ellen Schwiers 1960 in "Der letzte Zeuge".

(Foto: Imago)

Ellen Schwiers war eine schöne Frau. Markante Gesichtszüge, volle Lippen, Katzenaugen. Kante statt Liebreiz. Sie selbst sagt: "Ich sah immer schräg aus. Schräge Augen, keine Nase, dicke Lippen." Apart, so beschrieb man sie. Beim Film war das hinderlich. Sie spielt die Zigeunerin, die Spanierin, die Mutter Courage, die Buhlschaft und Frau Marthe, nie das Gretchen. Beim "Bund deutscher Mädel" wollten sie einen Nachweis über ihre arische Herkunft, weil sie nicht blond und blauäugig war. Rückblickend aber sagt sie heute, habe sie in ihrem Leben alle Rollen gespielt, die sie interessierten. "Für mein Alter gibt es jetzt keine Rollen mehr." Auch ein Grund, warum sie aufhört. Aber nicht der einzige. Der Körper macht nicht mehr mit, wie er soll, Schwiers wurde an Hüfte und Wirbelsäule operiert, das eigene Tourneetheater ist zu viel Arbeit. Ihr ganzes Leben sei sowieso entsetzlich viel Arbeit gewesen.

"Auch das Theater ist über mich hinweg gegangen", sagt Schwiers. "Die Zeit ist über mich hinweg. Diese Computer. Ich habe keine Lust mehr, mich damit auseinander zu setzen." Regietheater interessiert sie nicht sehr, lang ist sie nicht mehr in die Stadt gefahren, um sich eine Inszenierung anzuschauen. Ihren letzten Auftritt hat sie nun in "Altweiberfrühling", der Bühnenadaption des Films "Die Herbstzeitlosen" in der Regie ihrer Tochter Katerina Jacob. Deren Vater ist der Filmproduzent Peter Jacob, der früher mit Leni Riefenstahl verheiratet war. Ellen Schwiers spielt im Bayerischen Hof nun eine Frau, die nach dem Tod ihres Mannes im Dorf einen Dessous-Laden eröffnet. Das ist nett, unterhaltsam, harmlos. "Noch nie hat ein Theater, auch wenn es noch so politisch war, tatsächlich etwas verändert, keine Revolutionen ausgelöst", verteidigt sie den seichten Stoff. "Wir können der Zeit den Spiegel vorhalten, aber wir können bestimmt nichts verändern. Die Erfahrung hat schon mein Vater gemacht." Hat sie das denn für möglich gehalten? Früher? "Gehofft. Aber nicht geglaubt."

Mit Blacky Fuchsberger 1955 in "08/15".

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ellen Schwiers möchte jetzt Zeit für ihren Garten haben, ihre drei Hunde. Zeit, im eigenen Pool zu schwimmen, Bücher zu lesen. Es klingelt, Ellen Schwiers wird zur Probe abgeholt. Es gibt noch Einiges zu tun vorher.

Altweiberfrühling, Regie: Katerina Jacob, Komödie im Bayerischen Hof, Promenadepl. 6, Mo., 4. - Sa., 30. Mai