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Porträt:Im kunstvollen Ringen um Worte

Franz Rogowski ist Tänzer und Filmschauspieler. An den Kammerspielen stellt er sich Jelineks neuem Textmonstrum "Wut"

Von Sabine Leucht

Vor einigen Tagen ging ein Video von den "Wut"-Proben durch die sozialen Netzwerke, in dem sechs Schauspieler zu Musik über die Bühne hopsen. Sollten Elfriede Jelineks neueste Gedankenverknotungen zu den Anschlägen von Paris etwa wirklich vertanzt werden? Franz Rogowski, der erstens mitspielt bei deren Uraufführung an diesem Samstag in der Kammer 1 und zweitens eine Vergangenheit als Tänzer und Choreograf vorzuweisen hat - auch wenn er sich selbst lieber als "Filmschauspieler und Performer" bezeichnet - klärt auf: Bei besagter Szene handle es sich um die Karikatur eines Tanzes tausender Menschen zum Gypsy-Song "Kalashnikov". Die Waffe kommt in Jelineks Text vor. Und die Karikatur ist eines der Mittel, mit deren Hilfe sich die Crew um Regisseur Nicolas Stemann von dieser wortreichen "Schlacht von Zeichen, Symbolen, Figuren und Assoziationen" zu befreien sucht, um der darin verhandelten Wirklichkeit wieder näher zu kommen.

Eine Herausforderung selbst für Stemann, der mit "Wut" bereits die achte Jelinek-Inszenierung stemmt. Denn, so Rogowski: "Die Wirklichkeit formt sich ja selbst am besten." Wie ihr also beikommen, wenn es im Text zum Beispiel in Windeseile von der AfD über Afghanistan nach Ruanda geht - "und zwischendurch sitzt man bei Hans und Lisi auf dem Sofa"? "Die Reisegeschwindigkeit Jelineks ist viel größer als die Reisegeschwindigkeit des Theaters in Bildern." Das ist schön gesagt. Jelinek ist immer und für alle die totale Überforderung. Und deshalb ist Franz Rogowski womöglich genau der Richtige für diesen Abend. Er hat zwar schon für Falk Richter, Constanza Macras und in Stemanns "Faust I + II" auf großen Bühnen gestanden, aber stets "nur" als Tänzer. Seit Beginn der laufenden Spielzeit ist er Ensemblemitglied in Matthias Lilienthals Kammerspielen und - nachdem er sich zuletzt mit herzergreifendem Charme und fragendem Grundgestus durch Philippe Quesnes verunglückten "Kaspar Western Friedrich" gemurmelt hat - nun erstmals mit fett viel vorgefertigtem Text konfrontiert. Wie geht das mit einem Sprachfehler, den er seiner Lippenspalte verdankt - und mit einem tauben Ohr? "Es ist wie Tontaubenschießen mit einem Auge. Ich verliere die ganze Zeit meine Papiere und mich selbst im Raum. Und wenn ich dann einen dieser schreibwütigen Jelinek-Sätze wiederfinde, ist er für mich wie ein Rettungsanker". Weil er kein räumliches Hörvermögen hat, würde der 30-Jährige jene Hörbügel, die er sich als Zuschauer an der Garderobe leiht (und dann meist eine alte Dame findet, mit der er verschwörerische Blicke tauscht) gerne in seine Bühnenarbeit integrieren. "Auch, weil es ein toller Gegenstand ist. Aber damit experimentiere ich noch."

Franz Rogowski

"Ach, das Gute an einer Lippenspalte ist, dass man schon als Baby lernt, sie zu kompensieren, und dann sehr schöne Augen bekommt."

Die Papiere hingegen, ob herumfliegend oder nicht, sind mehr als ein Hilfsmittel für die Proben. Sie repräsentieren die Autorin, die sich stets selbst in ihre Texte schreibt. "Manche Themen sind so brutal aktuell, dass es sich falsch anfühlt, sie als Figur zu behaupten. Beim Vorlesen dagegen könnte eine gemeinsame Zeugenschaft entstehen." Rogowski ist kein klassischer Schauspieler mit anerkanntem Diplom im Gepäck. Er hat je ein Jahr anthroposophische Theaterpädagogik in Stuttgart, Bewegungstheater im Tessin und zeitgenössischen Tanz in Salzburg und Berlin studiert. Und er ist über eine Bewerbung als Fahrradkurier ans Theater gekommen. "An den großen Schulen hätte ich mich nie zu bewerben getraut", sagt der Mann, der auch experimentelle Musik macht. "Die klassische Form kann ich nirgendwo bedienen. Dabei stelle ich es mir als das höchste Glück vor. Aber man kann auch als Stachelschwein im Schlamm ganz famose Sachen machen."

Und ob! In Jakob Lass' Film "Love Steaks" zum Beispiel: Für die Rolle des sanften Masseurs Clemens wurde Rogowski auf dem Münchner Filmfest 2013 der Preis als bester Darsteller verliehen. Es folgte der deutsche Film des Jahres 2015, das One Take Wonder "Victoria", das wie "Love Steaks" ganz ohne schriftlich fixierte Dialoge auskam: Zweieinviertel Stunden nichts als Improvisation und mitreißende Lebensnähe. Dass Franz Rogowski dem gewachsen ist, zeigt sich auch im Gespräch, das in eine längere Diskussion über das deutsche Schulsystem ausfranst, das Menschen zu "Mängelexemplaren" mache. Schulabbrecher Rogowski wirkt heute dennoch im Reinen mit sich. Sitzt man ihm gegenüber, nimmt man binnen Sekunden kein Lispeln oder Nuscheln mehr wahr und muss an ein anderes Interview denken, in dem er auf die Frage, ob er es als Kind mit seiner Lippenspalte schwer hatte, lapidar bemerkte: "Ach, das Gute an einer Lippenspalte ist, dass man schon als Baby lernt, sie zu kompensieren, und dann sehr schöne Augen bekommt."

Durch die Blume wird in Elfriede Jelineks Stücken selten gesprochen: Franz Rogowski spielt in ihrem neuen Stück "Wut" eine Hauptrolle.

(Foto: Thomas Aurin)

Eine gewagte These, die aber augenscheinlich stimmt. Unbedingt sogar. Dazu die beachtlichen Oberarme und die sanfte Stimme . . . Aus der Nähe ist Franz Rogowski hinreißend. Und weil der kleine Raum sein Freund ist, fällt ihm das Drehen leicht: "Im Kino kommt alles zu mir. Die Kamera und der Zuschauer werden mir praktisch vor die Nase gestellt." Diese Komfortzone hat er freiwillig verlassen, wenn auch nicht endgültig: Die nächsten Filme unter Jan Stahlberg, dem "Muxmäuschenstill"-Regisseur und Daniel Wild sind bereits spruchreif. Er hat sich an die Kammerspiele mit all ihren Großmimen und akustischen Raumüberbrückungs-Virtuosen in eine Situation begeben, "in der ich verwundbar bin".

Doch er liebt das Risiko und vertraut in das Haus, dessen Ensemble gerade dabei sei, Diversität zuzulassen, ohne dass sich die Stimmen und Positionen gegenseitig entkräfteten. "Bei Jelinek", sagt Franz Rogowski, gebe es einen schönen Satz über das Paradies: "Jede Farbe darf dort spielen. Das wäre eine Gesellschaft, in der ich gerne leben würde."

© SZ vom 16.04.2016
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