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Porträt:Im guten Sinne quer

Van den Broeck, geboren 1991 in Turnhout, lebt in Antwerpen.

(Foto: Koen Broos)

Die junge flämische Lyrikerin Charlotte Van den Broeck hat erst einen einzigen Gedichtband veröffentlicht. Trotzdem wird sie bei der Frankfurter Buchmesse zusammen mit Arnon Grünberg die Eröffnungsrede halten.

Auf der Terrasse des Cafés bläst ein frischer Wind. Sie sei ein wenig erkältet, sagt Charlotte Van den Broeck. Trotzdem will sie hier draußen reden. Sie sitzt aufrecht, schaut ihrem Gegenüber intensiv und ernst in die Augen. Um die Ecke studiert sie, am königlichen Konservatorium, Teil des Kunst- und Kulturzentrums deSingel am Rand von Antwerpen. Fünfzig Kilometer weiter östlich, in Turnhout, ist sie aufgewachsen.

Erst einen einzigen Gedichtband hat die Flämin veröffentlicht, und doch wird sie am 18. Oktober die Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse halten. Sie teilt sich die Aufgabe mit einem arrivierten Kollegen, dem niederländischen Romancier Arnon Grünberg, passend zum Motto, unter dem sich die diesjährigen Gastländer, Flandern und die Niederlande, in Frankfurt präsentieren: "Dies ist, was wir teilen." Natürlich gäbe es noch andere literarische Talente aus Belgien, Lize Spit zum Beispiel, die mit "Das schmilzt" gerade ein Romandebüt hingelegt hat, das fast 100 000 Mal verkauft wurde, aber erst im kommenden Jahr in Deutschland auf den Markt kommt. Bart Moeyaert, der künstlerische Leiter des Gastland-Auftritts, hat sich jedoch für Van den Broeck entschieden, weil sie "so eigensinnig, so quer im guten Sinne" sei. Van den Broeck weiß, dass sie auch deshalb gewählt wurde, weil sie eine andere Sparte als Grünberg repräsentiert. "Und vielleicht bin ich nicht ganz so schlecht", fügt sie selbstbewusst an.

"Kameleon", ihr 2015 erschienener Erstling, wurde in allen großen flämischen und selbst in niederländischen Zeitungen positiv besprochen. Dennoch sei sie "weiß, grün und rot im Gesicht" geworden, als Moeyaert angerufen habe. "Ich dachte: Werfen die mir ein Plagiat vor? Wollen sie mein Buch verbrennen?" Kurz darauf meldete sie sich bei Grünberg. Man kannte sich nicht. "Ich wollte, dass wir das zusammen schreiben, nicht zusammenfügen." Es begann eine mehrwöchige, fast tägliche E-Mail-Korrespondenz, aus der schließlich die Rede hervorging. Ihr frei gewähltes Thema dreht sich um "das Andere und das Einzige", im Leben wie in der Literatur. 16 Minuten Zeit haben sie zusammen, ein Wechselspiel; wer beginnt, wurde ausgeknobelt. Beide werden den Text nicht einfach vorlesen, sondern eine Performance daraus machen. So wie immer, wenn Charlotte Van den Broeck auf der Bühne steht.

Wie bei vielen Lyrikern ihrer Generation, die sich mit Poetry Slams einen Namen gemacht haben, gehört das Vortragen zum Werk. Aber es ist nicht überbordende Expressivität oder Originalität, mit der Charlotte Van den Broeck das Publikum in Bann schlägt. Auf Youtube sind Videos ihrer Auftritte bei der Nacht der Poesie in Utrecht zu sehen. Als Debütantin kam sie 2015 als Letzte an die Reihe. Ihre dunkle Stimme, einige sparsame Gesten und die Kraft ihrer bilderreichen Sprache schufen eine Intimität, die selbst nachts um drei die Sinne von 1800 Zuhörern öffnete. Vielleicht auch, weil sie frei redete. "Ich will nicht ablesen, was ich zu Hause geschrieben habe." Ihre Poesie soll immer wieder neu aus ihr herausfließen.

Klang und Rhythmus ihrer Gedichte sind ihr so wichtig wie der Inhalt

In "Kameleon" ist Van den Broeck dem Weiblichen auf der Spur; sie zeichnet Wandlungen des Mädchens auf dem Weg zur Frau nach: die Entdeckung des sich verändernden Körpers, die Suche nach einem eigenen Platz in der Welt, der Wunsch, an den Ursprung zurückzukehren, in Mutters und Großmutters Schoß. Oder in die Arme des Liebenden, wie in "Felidae (I)": "Deine Finger drücken tiefer in den nassen Kalk / meiner Schulterblätter / Lass diesen Rücken die unbeschriebene Landschaft sein / die du später Heimat nennst."

Ihre Perspektive hat sie, recht wagemutig, Schiller entlehnt, in dessen Zitat aus "Über naive und sentimentalische Dichtung" sie ihre Position als Dichterin erkennt: "Nach nichts ringt die weibliche Gefallsucht so sehr als nach dem Schein des Naiven; Beweis genug, wenn man auch sonst keinen hätte, dass die größte Macht des Geschlechts auf dieser Eigenschaft beruht." Zweierlei hat Van den Broek geprägt, ihren Stil geformt. Zum einen die drei Jahre, die sie, nach einem Germanistik- und Anglistik-Studium in Gent, in Antwerpen "Wortkunst" gelernt hat: eine künstlerische Ausbildung, die den Schülern helfen soll, ihre eigene Stimme zu finden; nicht zu schauspielern, sondern nah an sich selbst zu bleiben. Sie liebe diese Schule, sagt sie, weil sie streng und fordernd sei und man herbe Kritik aushalten müsse. Die "Wortkunst" ist Nachfolgerin der in Belgien berühmten Schauspielschule von Herman Teirlinck, deren Wurzeln bis zu dem Naturalisten Stanislawski zurückreichen.

Am Anfang ihres eigenen Schreibens jedoch, das erst mit zwanzig Jahren begann, stehen bei Van den Broeck Gedichte von großen Meistern: Celans "Todesfuge", vor allem aber das "Lamento" des Niederländers Remco Campert, ein suchendes, in immer neuen Anläufen zum Ziel strebendes Werk, "aus Musik geboren", wie der Autor sagt. Ähnlich repetitiv arbeitet Van den Broeck in "Hvannadalshnúkur", ihrem allerersten Gedicht, und überhaupt sind ihr Klang und Rhythmus so wichtig wie der Inhalt. "Kameleon" geht nun in die vierte Auflage, das sind bald 2000 Exemplare. "Erstaunlich", freut sich die Autorin, die im Dichten und Performen nun ihre berufliche Zukunft sieht. Ein neuer Band, "Nachtruder", wird im Januar erscheinen.

© SZ vom 12.10.2016

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