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Porträt eines Sklaven:Aus dem Leben des Sklaven Cudjo Lewis

Barracoon von Zora Neale Hurston

Zora Neale Hurston Barracoon: Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven. Herausgegeben von Deborah G. Plant. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. Penguin Verlag, München 2020. 224 Seiten, 20 Euro.

Neunzig Jahre verschüttet: Nora Zeale Hurstons Interviewbuch mit dem letzten Sklaven der USA.

Von RUDOLF VON BITTER

Wie ein unerwarteter archäologischer Fund neben einer erschlossenen Ausgrabungsstätte hat die sprichwörtliche Ausgrabung dieses Textes für Aufsehen gesorgt. Die Zeugnisse aus erster Hand vom amerikanischen Sklavenhandel, die Zora Neale Hurston gesammelt hat, haben bis heute nichts verloren von ihrer Virulenz.

In den 1920er-Jahren schufen die intellektuellen Afroamerikaner eine Literatur, die als Harlem Renaissance in die Geschichte eingegangen ist. Die Gedichte von Langston Hughes etwa beeinflussten den Kubaner Nicolás Guillén und die Négritude bis hin zu Autoren wie René Depestre und Derek Walcott. Zora Neale Hurstons Einfluss reicht über Toni Morrison bis Zadie Smith. Langston Hughes meinte von ihr, sie sei wohl die amüsanteste unter ihnen gewesen, "a perfect book of entertainment in herself", die von Jugend an ständig Stipendien und "things" von reichen weißen Leuten erhielt. Weiße Förderer waren ihr ursprünglich deutscher Professor Franz Boas, der als Begründer der Kulturanthropologie gilt, und die Mäzenin Charlotte Osgood Mason, die Hurston zwischen 1927 und 1931 finanziell unterstützte. "Ich war ungeheuer stolz, dass Papa Franz es für angebracht hielt, mich auf diese volkskundliche Forschungsreise zu schicken", schreibt Hurston in ihrer Autobiografie. Aber dann stellte sich Enttäuschung ein: Sie fragte die Nachfahren afrikanischer Sklaven in ihrer wohlgesetzten Uni-Sprache nach ihren Volksmärchen. Die Leute waren voll davon, verstanden aber nicht die Frage. Die Feldforschung und die damit verbundene Annäherung erwiesen sich als mitunter lebensgefährlich, in dieser Welt herrschte die nackte Gewalt. Als sie Cudjo Lewis begegnete, hatte Hurston bereits ein gerüttelt Maß Erfahrungen gesammelt. "Ich lernte ihn als einen heiteren, poetischen alten Herren kennen, weit in den Neunzigern, der großartig erzählen konnte." Vor allem, was er zu erzählen hatte: Das ist der Inhalt von Barracoon. Der Titel ist ein aus dem Spanischen abgeleitetes Wort für die Baracken oder Zwinger, in denen die Menschen eingepfercht wurden, die von afrikanischen Siegern an weiße Händler verkauft wurden. Weil Zora Neale Hurston verarmte und in Vergessenheit geriet, setzte sich Alice Walker, die Autorin des Weltbestsellers "Die Farbe Lila", für sie ein.

Der König von Dahomey ließ regelmäßig Menschenjagden durchführen

Von ihr stammt das Vorwort zu dieser tatsächlich erst 2018 in den USA erschienenen Ausgabe der Reportage Hurstons, die unmittelbare Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Amerikaner mit afrikanischen Wurzeln hatte. Walker weist in ihrem Vorwort auf den schmerzlichen Punkt hin, dass die Sklaven zunächst einmal von Afrikanern eingefangen und als Ware an Weiße verkauft wurden. Diese Erkenntnis war auch für Hurston ein Schock: "Mein Volk hatte mich in die Sklaverei verkauft, und die Weißen hatten mich gekauft."

Der König von Dahomey ließ mit der Regelmäßigkeit von Jahreszeiten Menschenjagden durchführen zu dem Zweck, Personen für Menschenopfer zu bekommen und das königliche Gefängnis zu füllen, sein Warenlager, das besagte Barracoon. Cudjo Lewis wurde Ende der 1850er-Jahre von Kriegern der Dahomey eingefangen, während die meisten Bewohner seines Dorfes massakriert wurden. Dann wurde er auf der Clotilda nach Amerika verschifft, und da Sklavenhandel bereits verboten war, in einer Nacht- und Nebelaktion veräußert. Fünfeinhalb Jahre lang war er Sklave, bis zum 12. April 1865, als Soldaten der Nordstaaten ihm mitteilten, er sei frei. Die Afrikaner blieben aber im täglichen Umgang dem Mutwillen der Weißen ausgesetzt. Cudjo Lewis hat es am eigenen Leib und an seinen Kindern schmerzlich erlebt und berichtet hier davon.

Statt aus dieser schrecklichen Lebensgeschichte ein großes erschütterndes Rührstück zu machen, bringt Hurston immer wieder, aber dezent, die jeweilige Situation des Gesprächs zur Geltung: Mal hat Cudjo keine Lust, überhaupt zu reden, mal hat er sich schon gefreut, dass die eifrige Feldforscherin kommt und alles aufschreibt, was er zu sagen hat. Es hat Wochen gedauert.

Das Buch erschien nicht, weil der Verlag die Sprache glätten wollte

Hurston betont in ihrem Vorwort, dass hier kein Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhoben werde und dass sie auf die essenzielle Wahrheit ziele statt auf faktische Genauigkeit. Mit Fakten wartet dagegen die heutige Herausgeberin auf. Das Buch ist so angelegt, dass es auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann, ist dabei aber so fesselnd zu lesen, dass es sich 90 Jahre nach der Abfassung als ein Meilenstein erweist. "Obendrein fand ich alles, was dieser Kojo mir erzählt hatte, durch historische Quellen belegt", vermerkte Hurston. Weil die mit diesem letzten Sklaventransport verschleppten Menschen nach ihrer Befreiung einen eigenen Ort begründeten, Africatown, der als singuläres Phänomen Geschichte gemacht hat, ist vieles von ihnen dokumentiert.

Dass das Buch dann doch nicht herauskam, lag am amerikanischen Verlag, der die Sprache geglättet haben wollte, wogegen Hurston auf der Originalsprache mit ihren Verballhornungen, Verfremdungen und Verzerrungen bestand. Zu Recht. Das Pidgin ist ein wesentlicher und authentifizierender Faktor. Hurston hat hier und in ihren literarischen Arbeiten gezeigt, wie gut sie die Unmittelbarkeit des gesprochenen Wortes im Text bewahren konnte.

Der Übersetzer hat nicht versucht, das nachzubilden, stattdessen ist ein Abschnitt des amerikanischen Originals zur Veranschaulichung eingefügt. So schaffen es die Herausgeber mit ihrer umsichtigen Edition, ein unerwartetes, tatsächlich spannendes Dokument zu präsentieren, das beidem, der Bereicherung und der Unterhaltung, bestens dient.

© SZ vom 23.06.2020

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