Süddeutsche Zeitung

Porträt:Einer, der wissen will

Meister der Diebstähle, Überlagerungen und "Dismatches": Der Choreograf Moritz Ostruschnjak schafft komplexe Stücke auf der Höhe der Zeit. Als einziger Repräsentant der Münchner Szene ist er zur Tanzplattform Deutschland eingeladen. Ein Porträt.

Von Sabine Leucht

Gerade hat er für das Ensemble von Tanz Bielefeld das Stück "Noostopia" choreografiert. Mit auf der Bühne: kleine roboterartige Wesen aus Zweigen, mit denen die Tänzer interagieren. Das verdeutlicht ganz gut, wie Moritz Ostruschnjak auf den Menschen blickt: "Wir sind technologische Wesen von Natur aus. Das fängt schon mit der Gabel an. Doch heute ist alles davon durchdrungen: Die Datenkabel unter der Erde und die Wi-Fi-Wellen in der Luft sind schon fast unsere natürliche Umgebung."

Der 37-Jährige war Breakdancer und Sprayer, bevor er an der Münchner Iwanson-Schule zeitgenössischen Tanz und bei Maurice Béjart in Lausanne viel mehr als Ballett gelernt hat - nämlich auch den japanischen Schwertkampf Kendo, indische Tänze, Percussions, Disziplin und Offenheit. Diese vielseitige Schule half ihm als Tänzer unter anderem bei Wim Vandekeybus und hilft ihm seit 2013 bei der Erfindung ungemein mitreißender und kluger Choreografien. Mit seiner 2018 entstandenen, erst vierten Produktion "Unstern" ist Ostruschnjak nun als einziger Münchner Choreograf bei der Tanzplattform Deutschland eingeladen, die alle zwei Jahre die aufregendsten Entwicklungen des zeitgenössischen Tanzes zeigt - in diesem Jahr findet sie in München statt (bis zum Sonntag).

Er beschäftigt sich mit Themen wie Facebook-Abhängigkeit, Hikikomori oder Schwarmintelligenz

Ostruschnjak, 1982 in Marburg geboren, hat das Zeug, im Tanz ein ganz Großer zu werden. Als "Hoffnung" der Münchner freien Szene gilt er seit seinem Soloprojekt "Island of only Oneland" über das Hikikomori-Syndrom, das in Japan vor allem junge Männer bezeichnet, die ihre Wohnungen nicht mehr verlassen und nur noch via Medien kommunizieren. Seitdem werden Ostruschnjaks hybride Arbeiten fortwährend komplexer und besser. Zu "Text Neck" von 2016 inspirierte ihn eine Begegnung mit einem, der sich wegen seiner Facebook-Abhängigkeit therapieren lassen musste. Das Stück beschäftigt sich mit den körperlichen Deformationen, die dauerndes Auf-den-Bildschirm-Starren mit sich bringt und überraschte mit Spielarten virtuos fehlkoordinierter, menschmaschinenhafter Bewegungserfindungen. Es folgte mit "Boids" eine hypnotische Arbeit zur Schwarmintelligenz. "Ich wollte mit etwas arbeiten, das zunächst wie das Gegenteil von Tanz erscheint", sagt Ostruschnjak, "etwas, das mich zum Forschen zwingt." Und dann fällt ein Satz, den er in den fast zwei Stunden in einem Münchner Café oft sagt: "Denn ich weiß ja nichts."

Vielleicht ist dieses Nichtwissen Moritz Ostruschnjaks größte Tugend. Das Wissen um das Nichtwissen, sollte man wohl besser sagen, denn es führt dazu, dass er ein Team um sich geschart hat, das ihm bei der hochprofessionellen Ausformulierung aller Layers hilft, aus denen er seine Stücke so gekonnt zusammenmontiert, dass am Ende alles genau am rechten Fleck zu sitzen scheint. Input geben die stellvertretende Ballettdirektorin des Gärtnerplatztheaters Daniela Bendini, der Musiker und Sound-Bastler Jonas Friedlich, der Videokünstler Moritz Stumm, den er aus der Graffitiszene kennt ("Wir haben uns, als wir 13 waren, die Birne weggehauen") und die unter anderem für William Forsythe und Iván Pérez arbeitende Lichtdesignerin Tanja Rühl, deren Treue zu seinen Projekten er noch immer nicht ganz fassen kann.

Schon wer nur Ostruschnjaks Förderanträge liest, lernt einen kritischen und erstaunlich worthülsenabstinenten Geist kennen, der für die Themen, die ihn umtreiben, auch theoretisch tief gräbt. Etwa in der Medientheorie Marshall McLuhans, in Texten von Walter Benjamin oder - für das mit Machismo und Hurra-Patriotismus operierende Stück "Unstern" - in Klaus Theweleits "Männerphantasien".

Und dennoch ist Ostruschnjaks Betonung des Nichtwissens keine Koketterie. Es ist sein Arbeitsansatz: "Bei mir kommt immer erst das Gefühl, und dann recherchiere und lese ich." Bei den Proben im Studio geht es dann ums "Hineinzoomen", ums Überprüfen des "Bildcontents" und der Wirkung jeder einzelnen Szene, die meist aus einer Vielzahl einander überlagernder, rasant miteinander verschnittener Klang-, Video- und Bewegungsbilder besteht. Dabei interessiert Ostruschnjak überraschenderweise weniger das Bild als das, was es auslöst: Szenen, bei denen er nichts fühlt, fliegen gnadenlos raus. Glücklich ist er nur, "wenn etwas mit mir passiert, was ich nicht zuordnen oder mit dem Intellekt begreifen kann".

Seine Arbeiten geben ihr Geheimnis nicht preis. Dabei sind sie meist sehr konkret und die Bewegungen präzise

Das ist eine ziemlich exakte Beschreibung für das, was beim Betrachten seiner Arbeiten einsetzt. Und was sie immer wieder aufs Neue spannend macht: Sie geben ihr Geheimnis nicht preis. Dabei sind die Geschehnisse auf der Bühne meist sehr konkret und die Bewegungen präzise. "Es ist nicht jede einzelne millimetergenau gesetzt, aber von der Intention her schon", sagt Ostruschnjak. Es dürfe nicht beliebig werden. Das hasst er. Genauso wie eindeutige Messages. Deshalb fängt auch "Unstern" zwar die Atmosphäre vor dem Ersten Weltkrieg ein, die für Ostruschnjak dem "strangen Endzeitgefühl", das wir heute haben, erschreckend ähnelt. Aber es sendet weder eine pazifistische Botschaft noch bebildert es Gewalt.

"Unstern" ist für Ostruschnjak ein "Männerstück", in dem auch eine Frau mittanzt. Oft ist es nur eine bei ihm, weil ihn Parität langweilt. Die eine aber braucht es, weil es im Stück auch um Männerfantasien geht - aber auch allein schon für den Kontrast. Denn "Dismatches" sind wie Irritationen und Bedeutungsverschiebungen für seine Arbeitsweise zentral.

In der Eröffnungsszene von "Unstern" gehen zwei Tänzer sehr langsam aufeinander zu, einen Laut modulierend, der sich zur Kakofonie auswächst - und plötzlich treffen sich ihre Münder zu einem vampiristischen Kuss. Weil es sich um zwei Männer handelt, die wie Brüder aussehen, schwingt auch eine homoerotische Note mit - und das, was die Briten mit dem Kofferwort "Bromance" meinen (Verbindung aus "brother" und "romance"). Und während sie weich zu Boden sinken, drischt ein Barock-Cembalo einen Metal-Rhythmus, der auf der Rückwand Fotofundstücke von Krieg und Zerstörung aufeinanderhetzt.

"Unstern" - zu sehen an diesem Freitag und Samstag in der Muffathalle - ist ein Stück voller besonders vitaler Kontraste: martialisch und idyllisch, leise und laut, schnell und langsam. So steht etwa Antoine Roux-Briffaud lange Zeit nur still am Rand der Szene und schaut. Er ist nicht der einzige seiner tanzenden Kollaborateure, von denen Ostruschnjak schwärmt; aber in der Art, wie er "überall reingeht, auch wenn er nicht mehr kann", ist er ihm selbst vielleicht am nächsten. "Ich habe das geliebt, dieses Weitertanzen über Widerstände hinaus, diesen Moment, in dem man sein Bühnengesicht verliert."

Für virtuose Grenzüberschreitungen hat Ostruschnjak etwas übrig. Sein letztes in München produziertes Stück "Autoplay", das er "Bastard-Pop aus 1000 Diebstählen" nennt, ist nicht nur in tänzerischer Hinsicht ein Feuerwerk. Mit seinen wilden Korrespondenzen zwischen in sich bereits hochkomplexen Video-, Musik- und Bewegungsebenen ist es klüger als jeder Betrachter, schneller als jeder Blick und trotzdem ungemein zugänglich und witzig. Und das Überraschendste: Obwohl jeder Tanzschritt, jedes Geräusch und jedes ikonografische Bild dem historischen und globalen Gedächtnis des World Wide Web entrissen wurden, ergibt alles zusammen ein fast organisch fließendes, ungemein originell wirkendes Abbild unserer Gegenwart.

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Quelle:
SZ vom 05.03.2020
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