Porträt Die Dirigentin

Die Klassikwelt ist bereit für einen weiblichen Star am Pult: Oksana Lyniv hat gute Karten, der zu sein.

Von Rita Argauer

Am Ende der "Traviata" bekommt die Dirigentin Oksana Lyniv genauso viel Applaus wie die Sopranistin Ermonela Jaho. Das ist nun erst einmal nicht so ungewöhnlich, doch das Niveau auf dem das Publikum den beiden Drahtzieherinnen dieses Münchner Opernabends zujubelt, ist hoch; und gerechtfertigt. Denn Jaho und Lyniv haben in inniger Verbundenheit Verdis Musik zu einer hoch sensiblen erzählerischen Geste zusammen geschmiedet - düster und selbstbewusst, zart und durchlässig. "Die Violetta ist eine sehr starke Frau, die selbst entscheidet, welchen Weg sie wählt, und die Folgen schließlich mit starkem Charakter trägt", erklärt Lyniv - etwas, das sie im Männer-dominierten Dirigentenzirkus vielleicht auch auf eine besondere Art nachvollziehen kann.

Oksana Lyniv ist Musikalische Assistentin an der Bayerischen Staatsoper, die zweite musikalische Instanz im Haus nach Kirill Petrenko. Und während sie sich in ihren ersten beiden Spielzeiten noch eher im Hintergrund hielt, lag mit "Traviata" in dieser Saison bereits das vierte Stück in ihrer Verantwortung. Es folgen noch die Wiederaufnahme von "Lucia di Lammermoor" im Juli, sowie die Premiere von "Selma Ježková, einer Oper des Komponisten Poul Ruders nach Lars von Triers "Dancer in the Dark" und der Gottesdienst während der Festspiele. Die "Traviata" war Lynivs Debüt mit diesem Werk in München. "Ich habe natürlich an anderen Häusern schon mit verschiedenen Violettas zusammengearbeitet", erzählt Lyniv nach der ersten und einzigen Gesamtprobe für die Wiederaufnahme, doch dieses Mal sei der Kontakt zu ihrer Titelpartie Ermonela Jaho besonders eng. Das demonstriert sie am Ende der Probe mit einer entsprechend ungewöhnlichen Geste: Die Dirigentin applaudiert der Solistin, zollt ihr vor dem Orchester größten Respekt und schafft ein Vertrauen, das es Jaho erlaubte, sich auf der Bühne mit beängstigender Wucht in die Musik und die Rolle hineinzuwerfen. Die Traviata erwachte zu besonderem Leben; auch weil sich Lyniv auf die gleiche Ebene wie das Orchester und die Solisten stellt.

Wer vom Herzen spricht, sagt lang noch nichts von Liebe. Dieses Organ hat Ulrike Theusner gemalt. Die Weimarerin ist im Nebenberuf Topmodell.

(Foto: )

Oksana Lyniv ist enorm gut. Sie hat ein beeindruckendes Gespür für musikalische Texturen, stellt gleichzeitig die Musik und ihre Arbeit in den Dienst der Geschichte. Es überrascht nicht, dass sie so herausragend ist, denn sie ist eine Frau. Ihr Talent hat primär natürlich nichts mit ihrem Geschlecht zu tun - spiegelt aber das verkommene System, das bei Dirigenten noch nicht über den Status im 19. Jahrhundert hinausgekommen ist: Wäre sie nicht herausragend gut, wäre sie als Frau sicherlich nicht in der Position, in der sie ist.

Zusammen mit Kirill Petrenko kam sie zur Spielzeit 2013/14 an die Bayerische Staatsoper. Zuvor war sie vier Jahre stellvertretende Chefdirigentin am Odessa National Academic Opera and Ballet Theater. Während dieser Zeit wurde sie von verschiedenen Musiker bei Petrenko empfohlen, der forderte schließlich eine DVD mit ihren Dirigaten an. "Meine Arbeit hat ihm gepasst," sagt sie unprätentiös. Also verließ sie Odessa und ging nach München.

Mit 16 stand die heute 36-Jährige das erste Mal vor einem Orchester. Sie, die auch Flöte, Klavier, Geige und Gesang gelernt hat, genoss diese Erfahrung: "Der Dirigent macht selbst keinen Klang", erklärt sie, beim Dirigieren müsse man die Musiker inspirieren und motivieren, damit die eigene Vorstellung von der Musik hörbar wird, "und wenn das klappt, dann ist da ein großer Glücksmoment". Und sie schaffte es, dass ihre Visionen überzeugend hörbar wurde, ihre damaligen Lehrer empfohlen sie schließlich für ein Dirigat-Studium.

Oksana Lynivs Ziel ist es, die Geschichte zu erzählen.

(Foto: W. Hösl)

Lyniv wurde im ukrainischen Brody geboren, wuchs in einer "musikalische Familie" auf, wie das in so vielen Musikerbiografien schon fast obligat auftaucht. Die Mutter war Klavierlehrerin, der Vater Chorleiter. Mit 14 wechselt Lyniv auf ein "Musikcollege", wie sie es nennt, diese speziellen Schulen, die es in Osteuropa gibt, die neben der allgemeinen Ausbildung einen starken Fokus auf Musik legen. Anschließend folgte das Studium, 2004 gewann sie den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker, 2005 wurde sie dort Assistentin des Chefdirigenten Jonathan Nott und begann ein Aufbaustudium an der Musikhochschule Dresden bei Ekkehard Klemm. "Symphoniekonzerte sind wichtig", sagt sie, die in der kommenden Saison Einladungen zu den Bamberger und den Münchner Symphonikern hat, und jedes Jahr einmal an der Odessa Philharmonie dirigiert. Doch der Oper gehört ihre Leidenschaft, die Synthese aus Erzählung, Drama und Musik fasziniere sie.

"Gerade als Operndirigent ist es wichtig, dass man sich fragt, welche Geschichte man erzählen soll", erklärt sie. In solchen Formulierungen zeigt sich, warum ihr etwa die "Traviata" so gut gelang. Sie fragt nicht, welche Geschichte sie erzählen will, sie fragt auch nicht, was ihr Stil oder ihre subjektive Meinung zu dem Werk sei. Sie befragt das Werk und die zu erzählende Geschichte nach dem Weg ihrer Interpretation. Dass sie Opern dirigieren möchte - das Genre, in dem die Frage nach der zu erzählenden Geschichte besonders dominant ist, habe sie schon zu Teenager-Zeiten auf dem "Musik-College" gewusst, dass Frauen zum Dirigats-Studium überhaupt zugelassen werden, das sei ihr jedoch nicht klar gewesen. Als ihre Lehrer ihr die Dirigenten-Laufbahn vorschlugen, sei sie überrascht gewesen, dass sie überhaupt zum Studium aufgenommen werden könne. Klar, es gibt ja auch kaum Vorbilder. Außer Lyniv nun selbst.

Selma Ježková, Fr. bis So., 26. bis 28. Juni, Fr./Sa.: 20 Uhr, So.: 18 Uhr, Alte Kongresshalle, Festspiel-Gottesdienst, So., 28. Juni, 10 Uhr, St. Michael