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Porträt:Der ideale Kaufmann

Er förderte die Luftschifffahrt, gab große Summen für die Forschung aus und stiftete die Villa Massimo: Berlin täte gut daran, des großen Mäzens Eduard Arnhold zu gedenken. Sein Urgroßneffe Peter von Becker beginnt.

Als wolle er den Berlinern zeigen, was ein Mann von Welt ist, posiert der junge Eduard Arnhold auf einer Fotografie, die um das Jahr 1870 entstand. Unter wilden Locken schaut er gelassen in die Ferne, er trägt eine hellen Sommeranzug, lehnt lässig an einem samtbedeckten Möbelstück. Ist es ein Flügel? Ein Tisch? Gleichviel. Dieser Jüngling, so sagt das Foto, würde überall eine gute Figur machen. Er hat die Beine gekreuzt, den rechten Fuß auf die Spitze gestellt, ganz leger und doch energisch.

Als das Nest an der Spree sich anschickte, Hauptstadt des neuen Kaiserreichs zu werden, wurde der 1849 in Dessau geborene Eduard Arnhold Prokurist beim Berliner Kohlehändler Caesar Wollheim, bald darauf Teil- und nach Wollheims Tod Inhaber der Firma. Und einer der reichsten Männer der Reichshauptstadt. Nach dem Kaiser, neben dem Kohlenhandels-Konkurrenten Fritz von Friedlaender-Fuld, dem Verleger Rudolf Mosse, dem Unternehmer James Simon gehörte er zur Spitzengruppe der Vermögenden in Berlin.

Im Laufe seines Lebens, er starb 1925, gab Eduard Arnhold etwa ein Viertel seines Vermögens für Soziales und Kultur aus. Das entsprach seiner Berufsauffassung. Im Anschluss an Schiller-Verse schrieb er einmal: "Sonach ist der Kaufmann nicht etwa nur der Agent des Warenverkehrs, sondern, und in der Hauptsache, der Vermittler fruchtbarer kultureller Ideen und ein ausschlaggebender Faktor für den ethischen Fortschritt der Menschheit."

Er förderte die Luftschifffahrt, setzte sich für die Elektrifizierung der Berliner Straßenbahn ein, gab große Summen für die naturwissenschaftlichen Großforschungsinstitute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, sammelte Kunst, unterstützte Künstler und Museen, stiftete bei Werneuchen das Johannaheim für verwaiste Mädchen und in Rom für Künstler die Villa Massimo. Und er tat noch vieles mehr. Dennoch sagt sein Name heute nur wenigen etwas. Sein Urgroßneffe Peter von Becker, der lange das Feuilleton des Tagesspiegels leitete, hat Arnhold in der Reihe "Jüdische Miniaturen" porträtiert.

Eine versunkene Welt, die bürgerliche Moderne des wilhelminischen Berlins

Er erinnert dabei an eine versunkene Welt, die bürgerliche Moderne des wilhelminischen Berlins. Sie hatte mehrere Zentren, unter anderem am Westufer des Wannsees, wo auch Arnhold eine Villa besaß, und im Tiergartenviertel, das durch Albert Speers megalomane Umbauvorbereitungen für "Germania", durch Bombenkrieg und Wiederaufbau weitgehend zerstört wurde. Dort, in der Regentenstraße, ließ sich der kaisertreue Arnhold ein Haus errichten, in dem auch seine Kunstsammlung Platz fand. Der "Regentenhof" war mit fast achtzig Metern Gesamttiefe und mehr als tausend Quadratmetern Wohnfläche für die Herrschaft sowie Anbauten fürs Personal arg groß. Die Nachbarn hießen Adolph Menzel und Georg Kolbe, Tilla Durieux und Paul Cassirer, James Simon, Emil und Walther Rathenau oder Hedwig Dohm.

Wer Gabriele Tergits Roman "Effingers" gelesen hat, ist mit dieser Tiergartenwelt ein wenig vertraut und ihrem Glauben, die Welt durch Arbeit, Philanthropie, Kultur praktisch bessern zu können. Heute nimmt der rückwärtige Teil des Gemäldegalerie-Neubaus das Arnholdsche Grundstück ein.

Außer dem Ehrengrab auf dem Friedhof Wannsee erinnert im heutigen Berlin kaum etwas an den Unternehmer und Mäzen, obwohl es hier bis 1933 gleich zwei Eduard-Arnhold-Straßen gegeben hatte. Ein wenig erfährt man im neuen Eingangsgebäude zur Museumsinsel, der James-Simon-Galerie. Demnächst aber soll ein angemessener Erinnerungsort initiiert werden. In Peter von Beckers Essay kann jeder nachlesen, warum es gut wäre, wenn Berlin Eduard Arnholds Werke und Taten nicht vergessen würde.

Peter von Becker: Eduard Arnhold. Reichtum verpflichtet - Unternehmer und Kunstmäzen. Hentrich & Hentrich, Berlin, Leipzig 2019. 94 Seiten, 9,90 Euro.