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Porträt:Buletten in Babylon

Volker Kutschers Kriminalromane spielen im Berlin der Dreißigerjahre. "Lunapark" heißt der sechste Fall seines Kommissars Gereon Rath. Ein Treffen mit dem Autor am Tatort aus seinen Büchern.

Eine Leiche unter der Brücke. Ein junger Mann, blutüberströmt, mit zertrümmertem Kopf. Die Spurensicherung werkelt am Tatort, der Kommissar kommt mit gezücktem Dienstausweis hinzu und beugt sich über die Leiche. Später wird er noch mit dem Gerichtsmediziner sprechen, der ihm sagt, dass der Mann bereits tot war, bevor er getreten und geschlagen wurde. Wer sollte eine Leiche dermaßen zurichten? Und warum musste der Mann sterben?

Das sind Fragen, wie sie in jedem Krimi gestellt werden. Auch sonst geht es zu wie in einer x-beliebigen "Tatort"-Folge: Man folgt einem brummeligen Kommissar, der zu viel raucht und trinkt, seine Familie vernachlässigt, aber sonst grundanständig das Böse bekämpft, das ihm diesmal in Gestalt krimineller Clans entgegentritt. Dazu kommen nervende Kollegen, eine hilfsbereite Assistentin und Vorgesetzte, die ihre Ermittler gerne mal zurückpfeifen, um es sich nicht mit der Politik zu verscherzen.

Die Zeit, in der das Verbrechen zur Staatsräson wurde, als Kulisse eines Krimis - geht das?

Ungewöhnlich ist jedoch das Setting dieses Krimis: Berlin 1934. Ein Jahr nachdem Hitler an die Macht kam. Eine Zeit, in der SA-Männer marodierend durch die Gegend ziehen, Leute willkürlich verhaftet und in Konzentrationslager gesteckt werden. Und es dauert im Roman nicht lange, da wird noch der Röhm-Putsch Berlin erschüttern, mit Rollkommandos, Erschießungen und dem Mord an Kurt von Schleicher, dem letzten Kanzler vor Hitler.

"Lunapark" ( Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 560 Seiten, 22,90 Euro) ist nicht der erste Krimi, den der Kölner Autor Volker Kutscher in diese Zeit verpflanzt hat. Schon der fünfte Band seiner bislang sechsteiligen Serie um den Berliner Kommissar Gereon Rath spielt während der NS-Herrschaft in Berlin. Da brennt der Reichstag, Kommunisten werden gejagt, Bücher ins Feuer geworfen, und währenddessen muss Rath den Mord an einem Obdachlosen aufklären.

Nun ist der historische Kriminalroman ohnehin schon ein schwieriges Genre. Entweder wirken die Bücher, als seien sie aus sämtlichen Verschwörungstheorien zusammengeklopft, die man im Internet zum Brand Roms, zu den Kreuzrittern oder den Mätressen diverser Päpste findet. Oder man hat es mit Büchern zu tun, in denen immer geredet wird wie auf einem Mittelaltermarkt. Im Deutschland der Dreißigerjahre befindet man sich noch dazu in jener Epoche der Weltgeschichte, in der Verbrechen und Terror zur Staatsräson wurden und die man nicht ohne den Massenmord denken kann, auf den sie zusteuert. Wie größenwahnsinnig muss man als deutscher Autor sein, um diese Zeit zur Kulisse für einen konventionell erzählten Whodunit-Krimi zu machen? Und warum sind diese Romane so erfolgreich, dass sie stets auf den Bestsellerlisten landen?

Die Illustrationen stammen von Stefan Dimitrov.

Gespräch mit dem Autor. Volker Kutscher, 53, schlägt als Treffpunkt den Funkturm vor, von dem er in seinen Büchern schon mal Leute stürzen lässt, das Westberliner Wahrzeichen ist auch ein Epizentrum des Verbrechens. Schon bevor man die Aussichtsplattform erreicht, wird einem klar, warum das ein guter Schauplatz ist. Rundherum ein Labyrinth aus schneisenartigen Durchzugsstraßen und Bahngleisen, dazwischen das stählerne Skelett des Senders, der für den Beginn der modernen Kommunikation steht - ein Ort, geschichtsträchtig und unbehaust zugleich.

Kutschers Romane sind voll von solchen Orten. Ob das die Hallen der Kaufhäuser sind oder Tanzcafés, in denen sich die Partypeople schon nachmittags die Kante geben, ob sich die Leute in eine überfüllte U-Bahn quetschen oder der Kommissar am Alexanderplatz Buletten hinunterschlingt - die Stadt der Vergangenheit wird in einer Gegenwart greifbar, die von der heutigen nicht weit entfernt ist. Ein historischer Krimi steht und fällt mit seiner Atmosphäre, und Kutscher arbeitet in seinen Berlin-Krimis akribisch daran, Großstadtgefühl zu erzeugen. Beim Schreiben hat er immer einen alten Berliner U-Bahn-Plan vor sich, aus Romanen und den Zeitungen von damals zieht er Milieuschilderungen und den Jargon, Worte wie "Bullen" und "Fatzke", oder dass jemand "ganz schön auf Zack" ist. Anfangs befragte er auch noch seine 1914 geborene und inzwischen verstorbene Großmutter; aus ihren Schilderungen übernahm er die vielen kleinen Details, Telefone, Taxis, die Hüte, das ständige Rauchen. Aber auch den Alltag berufstätiger Frauen, die soziale Mobilität und die Aufbruchstimmung unter denjenigen, die mit den Nazis sympathisierten.

Diese Kunstgriffe ermöglichen Kutscher, seine Protagonisten von damals durch eine Welt stolpern zu lassen, die sie nur in ihrem Heute wahrnehmen. Die Polizei sieht nicht weiter als bis zur nächsten Leiche, in der Unterwelt werden nach wie vor Geschäfte mit Glücksspiel und Drogen gemacht. Berufsverbrecher räumen ihre Konkurrenten aus dem Weg, und dazwischen entwickelt Kriminalrat Ernst Gennat, genannt "Buddha", die moderne Kriminalistik. Gennat, eine historisch authentische Figur, führte Verbrecherkarteien und die Spurensicherung ein, er schickte seine Leute mit Taschenlampen, Gummihandschuhen und Fotokameras an den Tatort und ließ immer Zweierteams losziehen, einen alten und einen jungen Kommissar. Dinge, auf denen bis heute jede Ermittlung beruht und nicht zuletzt jeder moderne Krimi. Und so leben bei Kutscher alle in ihren Alltag hinein und werden doch von der Geschichte überrollt oder lassen sich willfährig von ihr mitreißen.

Tom Tykwer verfilmt zur Zeit Kutschers "Der nasse Fisch" als sechzehnteilige Fernsehserie

Kutscher, der mit Mantel und Schal selbst etwas von einem Kommissar hat, steht jetzt im Funkturm-Lift und sieht zu, wie er sich immer weiter vom Boden entfernt. Oben zeigt er, wo der aufgelassene Rummel war, in dem sich in "Lunapark" die Gangster und die kommunistischen Widerstandskämpfer verstecken, und deutet schließlich auf das Olympiastadion. Dort soll Kommissar Rath als Nächstes ermitteln, 1936, wenn Olympische Spiele sind, und die Nationalsozialisten den Sportlern, Funktionären und Touristen das Bild eines weltoffenen Deutschlands vorgaukeln.

Es ist ein sonniger Novembertag, alles leuchtet in Herbstfarben. In der Nacht zuvor wurde Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt, und man fragt sich unwillkürlich, ob man vielleicht ebenfalls in einer Umbruchzeit lebt, so wie Kutschers Figuren. In der alles kippen kann, und alle taumeln einem Abgrund entgegen.

Kutscher sagt, das könne man nicht vergleichen, Geschichte verlaufe ja nicht in Kreisbewegungen. Aber natürlich sehe auch er viele Parallelen. Die Folgen der Globalisierung, das Erstarken autoritärer Regime einst und jetzt. "Was gerade in den USA passiert, der Hass in den sozialen Medien, das ist nicht mehr weit entfernt von den Straßenschlachten der frühen Dreißigerjahre." Auch damals hätten sich die Leute die Situation schöngeredet, "selbst 1934 glaubten viele noch, der Spuk dauert nicht lange, und Hindenburg, der alte Opapa, ist ja auch noch da". Oft ärgere ihn "die Arroganz der heute Lebenden" dem Gestern gegenüber, sagt Kutscher. "Gerade die, die sich moralisch über alle erheben, wären damals wohl die ersten Mitläufer gewesen."

Wie kam er überhaupt auf die Idee? Kutscher, der erst Lokaljournalist im Bergischen Land war und in seiner Freizeit Regionalkrimis schrieb, sagt, die Zeit habe ihn immer schon fasziniert. Wenn er als Student in den Achtzigerjahren nach Berlin fuhr, zog er mit den Hausbesetzern herum und machte in Kreuzberg Party, wie alle anderen. Aber er lief auch die Orte ab, die er aus den Romanen kannte, die Stadt Döblins und Erich Kästners. Er merkte, wie er in Berlin auf die Spuren der Geschichte stieß, sobald er den Fuß vor die Tür setzte, und fand das einen idealen Ort für Krimis.

Er hörte bei der Lokalzeitung auf und begann 2007, seinen ersten Rath-Krimi zu schreiben, "Der nasse Fisch", über das Berlin der Zwanzigerjahre, als alles noch golden ist und Berlin eine Stadt der Partys und der Freiheit. Das Buch wird gerade von Tom Tykwer für das Fernsehen verfilmt, als sechzehnteilige Serie, die "Babylon Berlin" heißt. Das Jahr 1933 sollte eigentlich das Ende des Roman-Zyklus sein, sagt Kutscher, aber irgendwann habe er gemerkt, wie absurd dieser Gedanke sei. "Das ist doch gerade interessant, dass das Leben für die Figuren weitergeht." Und das ist auch das eigentlich Spannende an diesen Krimis: mitzuverfolgen, wie sich die Figuren über die Jahre verhalten, im Job, in der Familie. Zu sehen, wer sich anpasst, wer sich manipulieren lässt, wer zum Verbrecher wird. Und wer es sogar schafft, integer zu bleiben.

Der letzte Teil der Serie soll 1938 spielen, im Jahr der Pogromnacht. Wenn selbst den Naivsten von Kutschers Figuren klar wird, dass ihr Leben auf Krieg und Vernichtung zusteuert. Den Krieg selbst wolle er nicht mehr abbilden, sagt Kutscher. Krieg "sei eine perverse Ausnahmesituation", die es zu vermeiden gelte und gegen die er mit seinen Geschichten nicht ankomme.

Aber läuft man nicht Gefahr, die Geschichte zu relativieren, wenn man sie zur bloßen Krimi-Kulisse macht? Muss man nicht eine Haltung zu seinem Stoff entwickeln? Er wolle "keinen erhobenen Zeigefinger, keinen Geschichtsunterricht", sagt Kutscher, "das will ich nicht lesen und schon gar nicht schreiben". Das sei genau, was ihn an Historienfilmen so nerve, "all diesen Eventmovies mit ihren Klischee-Nazis, die wie Aliens über die Welt kommen". Wie kann man solche Klischees vermeiden? Durch die Perspektive, sagt Kutscher. Als er über den Reichstagsbrand recherchierte, sei ihm etwa aufgefallen, dass der seinerzeit auf einen Rosenmontag fiel. Im Roman "Märzgefallene" fährt der Kommissar dann zum Feiern ins Rheinland und ist schlicht zu verkatert, um überhaupt mitzubekommen, was um ihn herum geschieht. Auch ein Teil der historischen Wahrheit.

Wer über die Vergangenheit schreibt, hat Marcel Reich-Ranicki einmal gesagt, will eigentlich etwas über die Gegenwart erzählen. Kutscher sagt, er tue das höchstens unbewusst, er habe keine Botschaft. Dennoch liest man aus seinen Krimis immer heraus, wie schnell die Dinge entgleiten können, wie gefährdet liberale Werte sind, wenn man sie nicht kultiviert. Es werde ja nicht automatisch alles freier und fortschrittlicher, sagt Kutscher, das sei in den Zwanzigerjahren nicht anders gewesen als heute. "Die Zukunft ist offen. Auch damals hat man sich eine andere Zukunft vorgestellt als eingetreten ist."