bedeckt München 27°

Porträt:Als das Kino Trauer trug

Ist da irgendwo jemand, der ihn versteht? Psychische Labyrinthe, kosmische Eruptionen, Desaster - das wilde Werk des Regisseurs Nicolas Roeg.

Von Dominik Graf

(SZ vom 21.08.2003) — Irgendwann im Frühsommer des Jahres 1980 krabbelte ich verstört aus dem Raucherkino F des Berliner Zoopalastes ans Tageslicht. Niemand verließ vor mir oder nach mir das Kino. Ich ging zur Kasse und wollte mir den Film gleich nochmal ansehen.

Aber ich musste erst vier Karten kaufen, bevor sie sich dazu entschlossen, die zweite Nachmittagsvorstellung von Nicolas Roegs "Bad Timing" nicht ausfallen zu lassen. Der Atem der Gedankenwelten dieses Films, die Gischt dessen, was Roeg in zwei Stunden über das Leben und die Liebe mitzuteilen hatte, war mir völlig ohne Vorwarnung entgegengeschlagen. Die Nouvelle Vague, die bis dahin für mich das Maß aller Dinge war, schien mit einem Trompetenstoß untergegangen wie die Titanic. Dies hier hatte eindeutig mehr mit Leben zu tun als mit Kino.

Roeg war damals schon dafür bekannt, dass in seinen Filmen die Zeitebenen ständig ekstatisch wechselten, dass er seine Geschichten assoziativ und parallel baute, und dass seine Liebesszenen sehr erotisch und frei waren. Es war sowohl die Physis wie auch die Intellektualität von "Bad Timing", die mich überrumpelte.

Die Körperlichkeit, die Todes- und Lebenssehnsucht Teresa Russells, ihre Sauf- und Tablettenorgien, und die Hilflosigkeit ihres Partners Art Garfunkel...all diese Exzesse schienen mir als Langzeit-Pubertierenden so, als sei ich zum ersten Mal Zeuge, wie gnadenlos erwachsene Menschen ihren Liebeskampf auf Leben und Tod austragen.

Verzweifelter Jugendstil-Dämaon

Die Frau war zu besichtigen als verzweifelter Jugendstil-Dämon, als vitale Hure Babylon, die sich ihre Rollenspiele von Männern nicht verbieten lassen will. Aber schließlich konnte man in Teresa Russells Milena vor allem auch sie selbst sehen, und zwar in einer Ungeschminktheit und Nacktheit, die ich im Kino bis dahin nicht kannte.

Die Tränen auf ihrer Wange waren förmlich nachzuschmecken, wenn sie von Garfunkel endlich nicht nur als Fickpartnerin, sondern als wahrhaftige Person geliebt werden möchte; eine Frau, die sich nicht binden kann und die sich nicht binden will. Aber der Psychiater Alex Linden alias Art Garfunkel flieht vor der Unordnung im Leben dieser Frau, er flieht vor sich selbst, vor der Angst, die Kontrolle zu verlieren.

Ein einziges schreckliches Mal besitzt er sie wirklich ganz allein: Er vergewaltigt sie, als sie wehrlos im Koma ihres Selbstmordversuchs liegt. Alex Linden wird zumindest im Herzen ein Mörder. Und Harvey Keitel als österreichischer Polizeidetektiv kann es ihm nur um Haaresbreite nicht nachweisen. All das geschieht in der Stadt Arthur Schnitzlers und unter der Büste von Sigmund Freud.

"Bad Timing" war der "Vertigo des englischen Kinos", wie Joseph Lanza in seinem großartigen Buch über Roeg schrieb, und kaum jemand auf der Welt merkte es. Der Film war nach fünf Tagen aus den Kinos verschwunden. Nahezu jeder der ersten sechs Filme des Ex-Kameramanns Roeg entfachte einen Skandal. "Performance" den größten, der Film blieb Jahre lang weggesperrt.

"Bad Timing" den leisesten und härtesten: "a sick film made by sick people for sick people", hieß es damals. "Eureka" provozierte dann den letzten großen Krach. Weil es der teuerste aller Roeg-Filme war und weil er von den entsetzten Leuten bei MGM gar nicht erst rausgebracht wurde. "Eureka" ließ wohl Roegs bis dahin größte Hoffnung zerbrechen.

Wenn es vorbei ist

"Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist", sagt Gene Hackman zu Beginn, wenn er auf der Hauptstraße der trostlosen Goldgräbersiedlung erschöpft an dem Mann vorbeiwankt, der vor dem geschlossenen Büro herumliegt, wo sie die Schürf-Rechte vergeben. Der Mann grinst ihn ziemlich irre an, nimmt sich dann aber offenbar endlich ein Herz, schiebt sich seine Pistole tief in den Mund, und Sekunden später ist es tatsächlich vorbei: sein Kopf explodiert, im Crosscut gegengeschnitten mit einer Feuerwerksrakete, die am eiskalten Klondike-Nachthimmel verglüht.

Kameraleute, die sich entscheiden, den Regiestab in die Hand zu nehmen, machen ja meistens sehr konventionelle Filme. (Warum eigentlich?) Roeg jedoch mutierte als Regisseur sofort zu einer Art Cutter unserer Gehirnströme. Nach seinen extrem erfolgreichen Kamera-Jahren mit Truffaut, mit Corman, mit Lester wirkten seine eigenen Filme wie ein Schock aus heiterem Himmel: kaum dekorative, "schöne" Bilder, statt dessen exzessiver Einsatz des Zooms, oftmals Verzicht auf Lichtanschlüsse, sehr flexible Handhabung der Brennweiten innerhalb einer Szene, eigentlich wenige extravagante Perspektiven, dafür aber unendlich viele Kamerapositionen.

Wohin man schaut, gibt es bei Roeg gesprengte Ketten: das Erzählsystem, die Dramaturgie, das Genre, in dem er sich scheinbar gerade bewegt - man muss jederzeit gewärtigen, dass einem ein Film von Roeg um die Ohren fliegt.

Es geht dabei um jene Art von Wahrheiten, die nur durch extreme Brüche entstehen. Durch Clashs, durch Montagen, durch ungewollte Zufälle, durch "schlechte" Schauspielerei sogar manchmal, nicht durch schöne Einzelbilder und nicht durch einen einheitlichen Stil. Roeg macht nämlich wirklich unsaubere Filme.

Immer waren es zwar Sex und Gewalt, die den Krach um seine Filme an der Oberfläche provozierten. Aber darunter schlummerten noch andere Ungeheuer: Roegs chaotische Dramaturgien und seine labyrinthischen Personenkonstellationen, in denen sich alle handelnden Figuren wie in einem Spiegel endlos gegenseitig reflektieren, lösten stets tiefes Befremden bei Geldgebern und Publikum und selbst bei Kollegen aus.

Seine Liebe zur Zufälligkeit gewisser Inszenierungen wurde ihm als Schlamperei ausgelegt. Seine Schrillheiten, seine eruptiven Montagen, seine offenen Rätsel provozierten in der seit eh und je reaktionären Kinobranche erbitterten Widerstand.

Nach der genialen Explosion von "Performance", 1968 in gemeinsamer Regie mit dem exzentrischen Kunstdandy Donald Cammell entstanden, folgte Roegs erste eigene Regiearbeit: "Walkabout", ein Film über Australien, wie es keinen zweiten gibt. "Wenn die Gondeln Trauer tragen/Don't Look Now" war danach sein erfolgreichster und er bleibt sein bekanntester Film, aber er war beileibe immer noch kein Hit, der seine Position für immer gefestigt hätte.

Mit David Bowie 1976 in "The Man Who Fell to Earth" schuf er nach "Performance" einen weiteren Popstar-Kultfilm der Epoche. Dann kam "Bad Timing"; und dann kam 1982 jener havarierte Großtanker "Eureka", diese Megasoap über einen Goldsucher und seine Tochter. Danach wurde es definitiv schwieriger für Roeg: Die Komödie "Insignificance" eröffnete immerhin noch die Festspiele in Cannes 1985 und zeigte unter anderem Marilyn Monroe (wiederum Teresa Russell, die inzwischen Roegs Frau war), wie sie Albert Einstein die Relativitätstheorie anhand eines Luftballons und einer Modelleisenbahn erklärt.

"Castaway", "Track 29" folgten...aber kein Hit. Nicht mal 1989 für die Disney Factory und gemeinsam mit dem erfolgsverwöhnten Puppenspieler Jim Henson gelang Roeg mit "Witches" ein Box-Office-Durchbruch. Er hat auch niemals einen der großen Festival-Preise gewonnen. Aber dafür hat Roeg das Musikvideo miterfunden ("Memo from Turner" mit Mick Jagger aus "Performance"), seine Schnitte sind tausendmal imitiert worden (die Liebesszene aus "Don't Look Now"), und seine Themen und Figuren sind wie ein Kompendium des modernen Kinos.

"Ich habe Glück gehabt"

Alle haben sich bei ihm bedient, aber der Meister selbst bleibt hinter all der Klauerei aus seinem Werk lächelnd im Dunkeln. Was er der Kino-Industrie abgerungen hat, was für Meisterwerke, was für finanzielle Desaster...was dieser Mann gekämpft, verloren und gewonnen hat, das wirkt bei ihm inzwischen wie ein im Zurückschauen akzeptierter Lebensweg: "Ich habe Glück gehabt, diese Filme überhaupt machen zu können, denn keiner von ihnen hat jemals Geld eingespielt", sagt er heute.

Über sein spezielles Verhältnis zum Publikum antwortete er schon 1987: "Yes, I see, there's a problem", und zog dabei nur kurz die Augenbrauen zusammen. Roeg schildert seine Arbeit lieber wie die Suche eines Forschers nach Leben im Kosmos: "Is there anybody out there?"

Ist da irgendwo jemand, der ihn versteht? Der in die Kamera gesenkte Hut David Bowies am Ende vom "Der Mann, der vom Himmel fiel" ist stets wie ein Menetekel über Roegs Karriere gestanden; denn auch so kann es enden, wenn man in der Kinobranche zwischen Avantgarde und Hollywoods Fabriken ins Taumeln kommt.

In Verzweiflung und in Einsamkeit, wie bei seinem früheren Partner Donald Cammell, der sich vor sieben Jahren erschoss. "Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist ..." Spätere Generationen werden den Ball, den Roeg so weit vorausgeworfen hat, im Wüstensand der Zukunft finden und werden vielleicht nicht auf den ersten Blick sagen können, woher er kam. Aus der Vergangenheit? Oder aus einer Richtung, die sogar der Zukunft noch ein Stück voraus war?

Dominik Graf hat zuletzt "Kalter Frühling" gedreht. Nicolas Roeg ist vorige Woche 75 Jahre alt geworden.

Zur SZ-Startseite