Pornografie Vom Riesenpenis zum "Fairtrade Porn"

Manche dieser Filme sehen aus wie komplizierte soziale Experimente, andere wie Performance-Kunst: Dreharbeiten in Berlin-Spandau.

(Foto: Regina Schmeken)

Eine wachsende Zahl von Regisseurinnen dreht Porno-Filme. Sie finden neue Gesichter, neue Geschichten. Aber können sie das Rätsel weiblicher Lust lösen?

Reportage von Philipp Bovermann

Habt ihr schon eine Ahnung, was ihr mit dem Ding machen wollt?" Zwei Menschen mit kahl geschorenem Schädel starren einen roten Plüschhocker mit geschwungenen Armlehnen an. Sie selbst sind nackt. Der Hocker gehört zum mietbaren "Spielwiesen-Bereich" eines Domina-Studios in Berlin-Spandau, die beiden zu einer feministischen Porno-Produktion der Firma Arthouse Vienna. "Ganymede" und "Mad Kate" sind ihre Künstlernamen, ein Mann und eine Frau, man erkennt es nur an den entblößten Geschlechtsteilen.

Das Drehbuch sieht vor, dass "Mad Kate" aus sich eine "richtige" Frau macht. Mit Blick in die Kamera legt sie Schminke auf, viel zu viel davon. Dann lautet die Regieanweisung: "Macht euer Ding und habt Spaß!" Während sich das Darsteller-Pärchen in der folgenden halben Stunde auf dem Hocker verrenkt, verteilt sich das Make-up über beide Gesichter. Am Ende ist nur noch Schmiere übrig.

"Ein Abend, sechs Körper, wie weit würdest du gehen?", lautet der Slogan eines Films

Was bei MadKate darunter zum Vorschein kommt, taucht in der konventionellen Pornografie eigentlich gar nicht auf: eine echte Frau. In den meisten Pornos gibt es Frauen nur als sexuelle Gebrauchsgegenstände. Feministinnen der Generation Alice Schwarzer lehnten die Branche daher insgesamt ab. Seit einigen Jahren allerdings verstehen "sex-positive Feministinnen" Pornografie nicht mehr als per se frauenverachtende Praxis, sondern "als Diskurs über Männlichkeit und Weiblichkeit", wie es die Schwedin Erika Lust formulierte. Sie war in Europa eine der ersten Frauen, die Pornos drehte. 2004 war das, in Barcelona.

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Inzwischen befreit sich die Szene vom Image des "Vollkornporno". Am 8. März startete die Plattform Youporn eine "Female Director Series", die innerhalb eines Monats mehr als 20 Millionen Klicks bekam. Feministische Pornos sortieren sich unter Rubriken wie "Slow Porn" oder "Fairtrade Porn", weil hier kein Höhepunkt vorgetäuscht und niemand gezwungen wird. Meist gibt es auch mehr Handlung als den Klempner, der ein Rohr verlegen will. Oft auch mehr Haare, mehr Geräusche, man will sich dafür nicht schämen. Der "FemPorn" zeigt keine profimäßig kopulierenden Leiber, sondern echte Menschen beim Sex.

Die deutsche Kunsthistorikerin Maike Brochhaus etwa produzierte 2012 "Häppchenweise", einen Film mit "echter" Situation. Der Slogan des Films: "Ein Abend, sechs Körper, wie weit würdest du gehen?" Die Dreharbeiten waren dann aber doch ein soziologisches Experiment mit jungen Menschen vor der Kamera, bei dem nicht zwangsläufig Sex herauskommen musste. Verletzlichkeit und Unsicherheiten sollten ebenso eine Rolle spielen dürfen wie Intimität. Nichts war Fiktion.

Die Zuschauer sollen nachdenken beim Pornoschauen

Arthouse Vienna ist neu am Markt. Und es ist die Frage, ob das, was in Spandau passiert, überhaupt noch Porno ist. Es gehe ihr um "die Psychologie des Sexes", erzählt Regisseurin Adrineh Simonian. Sie sang früher an der Volksoper Wien. Für sie kein Widerspruch, im Gegenteil: "Sexualität und Musik sind beide Ausdruck von Emotionen." Die beiden Darsteller mit den kahl geschorenen Schädeln, die gerade aus der Dusche kommen, sind keine Porno-Darsteller, sondern Performance-Künstler.

Etwas abseits wärmt sich Patrick Catuz auf, ein junger Mann in hippen, schwarzen Jogginghosen. Er hat als Produktionsassistent ein Jahr lang bei der Pionierin Erika Lust gelernt. Anschließend promovierte er in Wien im jungen Feld der "Porn Studies", bevor er zu Arthouse Vienna kam. Er nennt das "PostPorn". Das "Post" bedeutet, dass der Zuschauer darauf hingewiesen wird, dass das, was er gerade sieht, nicht echt, sondern ein Film ist. Er soll nachdenken beim Pornoschauen. Aber, mit Verlaub, ist das dann noch erregend? "Na klar. Einerseits ist es Kunst. In der Performance-Art, im Wiener Aktionismus zum Beispiel, hat man schon immer mit Sex gespielt", erklärt Catuz. "Andererseits will PostPorn auch erotisieren."

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Doch auch der Mainstream möchte - trotz der künstlichen Brüste und Riesenpenisse - möglichst natürlich wirken. Und dafür bietet ihm das Internet eine so effektive wie billige Methode: den vermeintlichen Amateur-Porno. Diese Filme geben sich als private Clips, die gegen das Wissen oder den Willen der Performer im Netz gelandet sind, vorgeblich bei "Castings". Darsteller, die schon jahrelang als Profis im Geschäft waren, nennten sich "Amateure", weil sich das besser verkauft.

Aber, so der Vorwurf, speziell das jüngere Publikum könnte aus diesen Clips die falschen Schlüsse ziehen. Denn hey, das Mädchen mit den perfekten Brüsten, das nach kurzem Blabla ("Warum hast du denn'ne Kamera dabei?") in der Hecke eines Parks hängt, ist schließlich ein "Amateur", also nicht mehr und nicht weniger ein Pornostar als du und ich. Hängende Brüste, schlaffe Penisse, Unlust und Verklemmtheiten gibt es dort nicht und darf es also auch im realen Leben nicht geben. Stattdessen aber alle eher ausgefallenen Arten des Beisammenseins, im Auto, zu dritt, zu viert. "Ich glaube, das Diktat unserer Zeit lautet nicht: Schließe deine Sexualität weg", sagt Catuz. "Das Diktat heißt: Genieße!" Nicht nur der Zwang zum perfekten Körper setzt die Menschen heutzutage unter Druck, sondern auch der Zwang zur Lust.