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Popkultur:Aus dem Innenleben einer Hitmaschine

Richard Russell

Richard Russels Strategie: erst Chaos anrichten, dann aufräumen.

(Foto: Xl Recordings)

Richard Russel ist Plattenboss und Talentscout. Zum Beispiel hat er Adele entdeckt. Jetzt versucht er sich als Künstler.

Von Jan Kedves

Schicksalhafte Ferienjobs hat auch nicht jeder. Richard Russell hatte seinen mit 15 in London: "Ich habe in den Sommerferien im Lager von Island Records gejobbt, 1985 oder so. Ich stand am Folienschweißgerät und habe zehntausend Kassetten eingeschweißt. Sehr inspirierend." Inspirierend war natürlich nicht die Plastikfolie, sondern dass Island Records damals das wichtigste Independent-Label war. Chris Blackwell, der Gründer, hatte beispielsweise in den Siebzigerjahren Reggae weltweit groß gemacht.

Für Russell war der Ferienjob bei Island Records insofern schicksalhaft, als er wenige Jahre später selbst Chef eines visionären Independent-Labels in London wurde. XL Recordings ist heute das, was Island Records früher war: das Label, das das musikalische Zeitgefühl viel mehr prägt als die großen Major-Labels. Die haben sich zwar fast alle kleinen, unabhängigen Plattenfirmen einverleibt. Davon bleibt aber meist nicht viel übrig. Vielleicht, weil junge Musiker auf diesen sogenannten Imprints heute zu wenig Zeit und Freiheit haben? Weil ihre Chefs zu sehr auf die Charts schielen?

Nicht so bei XL Records. In den Neunzigerjahren machte Russell mit dem Label das Nasenbluten-Geböller von The Prodigy erfolgreich. Auch die tamilisch-britische Rapperin Mathangi Arulpragasam protegierte er. Sie verarbeitete schon in den Nullerjahren in den Parolen ihres Global-Ghetto-Pop einige der Diskurse um Flüchtlingsströme und Terror-Angst, die heute den westlichen Alltag prägen.

Und natürlich: Adele. Die Sängerin wurde mit 17 von Richard Russell unter Vertrag genommen, nachdem eine Freundin ihr Demo-Tape auf My Space geladen hatte. Adele hing eine Zeit lang täglich im XL-Büro in Notting Hill ab, sie gehörte quasi zum Inventar. Bis sie 2011 mit dem Album "21" zum Star wurde und insgesamt über 100 Millionen Alben verkaufte.

Adeles großer Förderer Russell, 46, ist in diesen Wochen in aller Munde, oder zumindest: in jedem Musikmagazin. Weil er unter dem Pseudonym Everything Is Recorded gerade selbst ein Album veröffentlicht hat. Das finden Musikjournalisten natürlich sehr aufregend: Wenn ein Labelchef und Pop-Talentscout, dessen Vermögen laut New Yorker auf 100 Millionen Dollar geschätzt wird, selbst zum Künstler wird und dann zum Beispiel im SoHo House in Berlin-Mitte sitzt und Fragen beantwortet - wobei er die 100-Millionen-Dollar-Frage gleich mal dementiert: "Vielleicht sollte mir der Journalist vom New Yorker so viel Geld geben?"

Dass XL Recordings dasjenige Label ist, dessen Künstlerinnen und Künstler seit 1992 am häufigsten den renommierten britischen Mercury Music Prize gewonnen haben, scheint Russell überhaupt nicht klar zu sein. "Wirklich? Ich habe nie nachgezählt", meint er. Offenbar ist er jemand, der sich nicht zu sehr auf Zahlen, Preise und solche Dinge konzentriert. Stattdessen erzählt er - während er ganz tiefenentspannt eine buddhistische Mala-Kette durch seine Finger klackern lässt - hübsche Geschichten übers Musikmachen und künstlerische Wertschätzung.

Zum Beispiel die Geschichte, wie Quincy Jones, der legendäre Produzent von Frank Sinatra und Michael Jackson, in das Musikvideo zu seiner Single "Mountains Of Gold" mit hineingekommen ist. In dem Song wechseln sich, über einem Dub-Sample aus Grace Jones' Hit "Nightclubbing", so viele verschiedene Stimmen ab, dass man - wenn man mit der Aufzählung fertig ist - schon längst vergessen hat, dass es um Quincy Jones geht. Da singt also der Londoner XL-Recordings-Künstler Sampha, der zuletzt für sein Debütalbum "Process" den Mercury Music Prize bekam, im schönsten Falsett. Die französisch-kubanischen Zwillingsschwestern Naomi und Lisa-Kaindé Díaz, die mit ihrem Duo Ibeyi transatlantischen Geisterbeschwörungs-Pop spielen und von Russell produziert und ebenfalls bei XL Recordings veröffentlicht werden, belegen ihre Stimmen mit dem überdrehten Autotune-Effekt. Und der Saxofonist Kamasi Washington aus Los Angeles, der als großer Erneuerer und zugleich Traditionsbewahrer des Jazz gilt, spielt ein hübsches Solo.

Das ist der Song "Mountains Of Gold", und Russell erzählt dazu: "Als mir klar wurde, dass an einem bestimmten Tag alle Leute, die an dem Song beteiligt sind, in Los Angeles sein würden, flog ich auch dorthin, um mit ihnen ein Video zu 'Mountains Of Gold' zu drehen. Und weil in Los Angeles so viele Menschen leben, die uns inspiriert haben, haben wir sie auch alle ins Studio eingeladen. Quincy war allerdings der einzige, der kam."

300 000 Klicks auf YouTube. Das ist ernüchternd

So sieht man also Quincy Jones, 84, in diesem Video zu einem Song, den er gar nicht selbst produziert hat. Da schwoft er zum Beat und boxt grinsend ein bisschen mit seinen Fäusten in Richtung Kamera. Süß. Russell ist ganz begeistert: "Quincy wehte wie ein Hauch kosmischer Energie ins Studio hinein. Er kam direkt auf mich zu und fragte mich, ob mein Sternzeichen Fische sei. Woher wusste er das?!"

Neben den erfolgreichen Projekten gibt es allerdings auch ein Scheitern. Zum Beispiel das Projekt "Everything Is Recorded". Bevor Russell anfing, an seinem eigenen Projekt zu arbeiten, galt er als jemand, der exzellent darin ist, andere Künstler zu produzieren und sich dabei im Hintergrund zu halten. Das Album "I'm New Here", das er 2010 für Gil Scott-Heron mixte, klang absolut frisch und verhalf dem Spoken-Word-Pionier kurz vor seinem Tod zum Karriere-Hoch. Ähnlich war es bei der Soul-Legende Bobby Womack, mit der Russell 2012 am Album "The Bravest Man In The Universe" arbeitete. Fast verglich man Russell damals schon mit Rick Rubin, der ja auch eine Meisterschaft darin entwickelt hatte, einstigen Helden einen neuen Sound zu verpassen, der allerdings ganz ausgezeichnet zu ihrem alten Sound passte.

Der Song "Mountains Of Gold" ist, wenn man ehrlich ist, nett. Aber er ist kein Hit. 300 000 Klicks auf Youtube seit September. Das ist sogar ernüchternd wenig - gemessen daran, wie viele bekannte Musiker mitsingen. Man könnte fragen: Muss denn ein Mann, der als Förderer und Produzent von Popstars nahezu genial ist, als Künstler selbst auch genial sein? Muss er Hits liefern? Oder darf er sich, wie die Künstler auf seinem Label, auch mal verzetteln?

Es wirkt zumindest so, als habe Russell sich etwas zu sehr in seinen eigenen Prozess verliebt. Er schwärmt davon, wie er in seinem Londoner Studio erst mal nur alles aufgenommen habe. Die Tür stand immer offen, zu den Jam-Sessions kamen einige Legenden, Brian Eno oder Peter Gabriel. "Das ist mein Prozess: Sich erst viel Zeit nehmen, Dinge einfach geschehen lassen, ein bisschen Chaos anrichten. Und dann die Perspektive umdrehen und alles wieder ein bisschen aufräumen. Schizophren. Aber für mich funktioniert's", sagt Russell.

Dazwischen kam, im Jahr 2013, das Guillain-Barré-Syndrom, eine seltene Entzündung des Nervensystems, die lebensbedrohlich sein kann. Die Krankheit lähmte Russell einige Wochen, fesselte ihn ans Bett. Natürlich fragt man, ob er ausgerechnet im Krankenhaus den Entschluss für ein eigenes Album fasste. Russell antwortet ausweichend: "Ich habe das Album zwar nicht produziert, weil ich krank war. Aber ich bin mir sicher, dass ich es nicht produziert hätte, wenn ich nicht krank geworden wäre."

Als Musiker hat er einfach nur recht. Und als Plattenboss? Macht er gerade Ferien

Und, tja, man muss sagen, dass im Grunde das Album so klingt wie diese beiden Sätze. Nicht so, aber auch nicht so. Es ist kein besserer Song als "Mountains Of Gold" dabei. Man hört keine neuen Musikstile. Alles umspielt sich sehr geschmackvoll, vielleicht zu geschmackvoll: Dub, Pop, R&B, Soul, wunderbare alte Samples, dazu auch einige neue Stimmen, auf die man in Zukunft achten sollte, auch wenn sie hier noch nicht richtig zum Glänzen kommen - wie der Londoner Rapper Giggs. Richtig im Ohr bleibt aber nichts.

Sicher, wenn man "Everything Is Recorded" - so lautet auch der Titel des Albums - groß gefeiert hätte, wäre die schöne Erzählung vom Plattenboss, der im Krankenhaus zum Künstler wurde, viel besser aufgegangen. Aber es scheint, als habe Russell bei dem, was er selbst als mühsamen editorischen Prozess beschreibt - nämlich Hunderte Stunden Session-Material auf 37 Minuten Albumlänge komprimieren und herunterkürzen -, auch gleich die memorablen Songs, die Hits, die großen Momente, wenn es sie gab, mit weggekürzt.

Russell wäre vermutlich der Erste, der seine Mala-Kette klimpern ließe und so etwas sagen würde wie: Hits sind doch gar nicht so wichtig. Da hätte der Musiker gesprochen, und er hätte ja auch recht. Aber der Plattenboss: Er scheint gerade im Urlaub zu sein.

© SZ vom 09.03.2018

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