Popkomm-Nachfolger in Köln:Was kümmert mich mein visionäres Geschwätz von gestern?

Lesezeit: 3 min

Das Branchen-Festival "c/o pop" steht - klein und fein - in den Fußstapfen der Popkomm. Aber alles ist anders, alles neu. Und Raider heißt jetzt Twix.

DIRK PEITZ

Da saß er dann im Panoramahaus der Kölner Messe - der Mann, der seit zehn Jahren liebend gern an allem Schuld ist in deutschen Poplanden, der ewige Prügelknabe und liebe Gott in Personalunion: Dieter Gorny. Einst hat er die Kölner Musikmesse Popkomm erfunden, dann wurde er Chef des von anderen erfundenen Kölner Musiksenders Viva. Die Zeiten ändern sich: Die kriselnde Popkomm hat Gorny im letzten Jahr nach Berlin verkauft - die dortige Messegesellschaft bedankte sich damit, dass sie ihn und seine Getreuen im gemeinsamen Joint Venture für die erste Berliner Ausgabe Ende September offenkundig kaltstellte; die schwächelnde Viva Media AG übernahm zuletzt der MTV-Eigner Viacom, der die Musikfernsehsparte der AG auch nach Berlin holen wird. Auf Gornys zukünftige Rolle darf man gespannt sein.

Popkomm-Nachfolger in Köln: Sie fragen sich, was dieses Bild zu diesem Artikel soll? Wir uns auch. Tatsächlich ist es der offiziellen Veranstaltungsseite entnommen. Und die wird ja wohl wissen, was es soll, oder? Na also.

Sie fragen sich, was dieses Bild zu diesem Artikel soll? Wir uns auch. Tatsächlich ist es der offiziellen Veranstaltungsseite entnommen. Und die wird ja wohl wissen, was es soll, oder? Na also.

(Foto: Foto: http://www.c-o-pop.de/index.htm)

Die Zeiten sind also nicht die einfachsten für Dieter Gorny. Da passte es nur, dass das Branchenblatt Musikwoche in der vergangenen Woche eine vernichtende Titelgeschichte zum Aufstieg und Fall von Viva publizierte. Tenor: Dieter Gorny, das ist der Mann mit den Visionen, die entweder nie realisiert werden - oder glorreich scheitern. Aber derlei ficht Gorny nicht an, der lächelt so was einfach weg, im Zweifel spornt ihn Gegenwind nur mehr an. Daher auch musste es ihm ein besonderer Spaß sein, ausgerechnet bei einer Veranstaltung den Stargast abzugeben, die es nur wegen seines Popkomm-Umzugsbeschlusses gibt und die zum großen Teil von ehemaligen Mitarbeitern oder Geschäftspartnern organisiert wurde, die ihn nicht nur wegen seiner Berlin-Flucht eigentlich nicht mehr sonderlich leiden können dürften: Das zweiwöchige Festival c/o pop, das gerade Halbzeit feiert, wurde von alteingesessenen Machern der Kölner Musikszene als zeitgemäßer Kleinersatz der zuletzt nicht nur mit der Krise der Musikindustrie, sondern auch mit inhaltlichen Problemen kämpfenden Großmesse konzipiert; einige der Beteiligten fungieren außerdem als Berater des dazugehörigen neuen, zweitägigen Entertainment-Kongress Mem der Kölner Messegesellschaft.

Doch wer nun gemeint hatte, es käme auf dem Schlusspodium des ersten Mem-Tages zu einer Abrechnung der verlassenen Kölner mit ihrem einstigen Übervater, der sah sich enttäuscht: Zwar wurde Gorny gefragt, ob er eigentlich auch daran schuld sei, dass Popmusik minderer Qualität mittlerweile als Quotenfutter auch bei den großen deutschen Fernsehsendern eingesetzt werde. Doch weil Gorny erwartungsgemäß ¸¸Na klar" sagte und zurecht darauf verwies, dass dieser Befund veraltet sei, weil all die Casting-Shows ja längst wieder vom Bildschirm verschwunden seien, erlahmte die Diskussion umgehend. Also durfte Gorny sein visionäres Geschwätz von gestern als solches bezeichnen (¸¸All das Crossover-Media-Gelaber der späten Neunziger, schlimm!") und ansonsten sich über die vorgeblich allfällige Jammerei in Deutschland echauffieren.

Ob sie einfach nur müde vom Krisengerede sind, oder ob das endlich anlaufende Geschäft mit den kostenpflichtigen Internet-Downloads der Grund für die vorsichtig positive Stimmung unter den knapp 600 Kongressteilnehmern war (eigentlich hatte man auf mindestens 1000 gehofft), das blieb offen. Die Kölner Messe jedenfalls jubelte umgehend die Mem nach ihrem Ende zur ¸¸neuen Plattform für die Entertainmentbranche" hoch, was sie mit ihren Nischendiskussionen zwischen Pop-Förderung, Computerspielen, ¸¸Audio-Branding" und Internet-Musiklabeln unzweifelhaft nicht ist - und zu ihrem eigenen Nutzen auch besser nicht werden sollte. Als mittlere regionale Konferenz hat sie eher eine Zukunft denn als vermeintlicher Konkurrent des Popkomm-Kongressprogramms. Deren in Köln anwesende neue Berliner Organisatoren konnten beruhigt zurück nach Hause fahren: Sie wollen durch konsequente Internationalisierung die eklatanten konzeptionellen Schwächen der letzten Popkomm-Kongresse vermeiden, und die Kölner werden ihnen nicht nur in diesem Punkt kaum den Rang ablaufen.

Das gilt ebenso für das Musikprogramm der c/o pop, doch da ist es beste Absicht. Zwar haben die Organisatoren der aus vielen neuen und alten Einzelfestivals bestehenden c/o pop bereits angekündigt, ab kommendem Jahr das Programm zu straffen und auf vermutlich nur noch eine Woche zu konzentrieren. Doch qualitativ ist schon das diesjährige hervorragend besetzt. Statt der auch bei der neuen Popkomm in Berlin wieder absehbar vergeblichen Versuche, mit unüberschaubar vielen Konzerten in unüberschaubar vielen Clubs nichtexistente neue Trends aufzuspüren, funktioniert das Kölner Konzept, an drei eng verzahnten Open-Air-Orten entlang des Rheins einigermaßen bekannte und führende Acts vor allem aus der elektronischen Musikszene zu versammeln. Die wenigen abseitigeren Konzertorte wie die innerstädtische Herz-Jesu-Kirche, die als leergeräumtes ¸¸Sound Lab" vor allem für experimentelle Ambient-Klänge reserviert wurde, werden ebenfalls angenommen. Und noch stehen die eigentlichen Höhepunkte des Festivals bevor, wenn am kommenden Abschlusswochenende Franz Ferdinand, Phoenix, Mouse On Mars und International Pony kommen und das bedeutende Kölner Techno-Label Kompakt seine 100. Veröffentlichung feiert. Nicht unhaltbare Vergleiche mit Berlin also, sondern einfach inhaltliche Qualität, das könnte die Kölner Popzukunft sein.

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