bedeckt München 21°

Popkolumne:Wilde Wucht

Neue Musik von den "Idles", den "Doves", Marilyn Manson und Cat Stevens - sowie die Antwort auf die Frage, welchem Popmusiker man gerade zutraut, im Alleingang den Corona-Impfstoff zu finden und Donald Trump aus dem Amt zu jagen. Fast wenigstens.

Von Max Fellmann

Wir sind alle gerettet. Wir müssen nur Jon Beavis die Probleme der Welt anvertrauen, er wird sie lösen. Wer so Schlagzeug spielt, kann alles. Auf "Ultra Mono", dem neuen Album der Idles, haut Beavis nach genau einer Minute und 32 Sekunden ein paar Takte raus, so unfassbar brachial und zugleich präzise, so atemberaubend in seiner Energie und Angriffslust, dass man dem Mann auch zutrauen würde, im Alleingang den Corona-Impfstoff zu finden oder Trump aus dem Amt zu tragen. Zu hoch gegriffen? Ein kleines bisschen, vielleicht. Aber der Hochdruck-Presslufthammer-Post-Punk, den Beavis und die Idles auf ihrem dritten Album spielen, hat die Kraft, für Momente alle Gedanken an Trump und Corona wegzublasen. Wütend wilde Wucht, Frontalangriff. Dazu deklamiert Sänger/Schreihals Joe Talbot große Zeilen über Gesellschaft, Gott und Gewalt. Aber: rührend, dass er in all der Wut und all dem Lärm dann doch auch oft von Liebe singt, von Wärme und Hoffnung - und was könnten wir alle gerade besser brauchen als ein bisschen Hoffnung?

Wenn bald doch noch die lang angekündigte Revival-Folge von "Friends" gedreht wird, wollen die Fans der Serie, dass alles so ist, wie es früher war. Und wenn die Doves doch mal wieder ein neues Album veröffentlichen, hofft man natürlich, dass sie bitte genau das machen, womit sie bekannt wurden. Anfang der Nullerjahre war das englische Trio in seiner Heimat ständig auf den obersten Charts-Plätzen, aber seit 2010 herrschte Funkstille. Traurige Fans riefen auf Twitter sogar die Kampagne #reformdoves ins Leben. Jetzt stellt sich raus: Still und leise haben die drei Musiker mal wieder Songs aufgenommen. Und hurra, "The Universal Want" ist genau das Album geworden, das man nach all den Jahren hören will. Epische Melodiebögen, großes Schmachten, unten die Breakbeats, eher aus der Hip-Hop- und Dance-Ecke, darüber die elegische Weite, die akustischen Gitarren, die Wehmut, tiefe Himmel über englischen Steilküsten. Vom Alter her gehören die drei eigentlich zur Generation Britpop. Dass sie damals etwas später kamen als die anderen, hat ihrer Musik schon vor zwanzig Jahren eine gewisse Abgeklärtheit verliehen. Das gilt heute mehr denn je. Wie schön, dass die Doves zurück sind.

Marylin Manson: nach wie vor kein besonders hübscher Kerl, alle zwei, drei Jahre ein neues Album, immer mal wieder eine kontroverse Äußerung - aber die ganz große Aufregung ist lange her. Um die Jahrtausendwende war der Horror-Clown allgegenwärtig, verstörte mit Aussehen und Sprüchen, sein böser Crossover-Rock passte gut in die Zeit. Der beste Gag waren allerdings die Namen, die Brian Warner sich und seinen Musikern gab: jeweils weiblicher Superstar plus Serienkiller, also Marylin Manson, Twiggy Ramirez, Madonna Wayne Gacey, Oliva Newton Bundy und so weiter. Zwanzig Jahre später hat sich der Staub gelegt, aber in die jetzige Endzeitstimmung passt Manson mit seinem neuen Album "We Are Chaos" wieder ganz gut. Bis auf ein paar wenige explosive Momente knüpft er aber eher bei den ruhigen Tönen an. Akustische Gitarren, sanfte Melodien - nicht versöhnlich, aber doch gesetzt, fast ein wenig müde. Der getragene Song "We Are Chaos" könnte eine Bowie-Hymne sein, "Paint You With My Love" eine Ballade von Guns'n'Roses. Und es gibt sogar Momente der Zartheit: "In the end we all end up in a garbage dump / but I'll still be here holding your hand". Es könnte spannend werden, was der Mann für Musik macht, wenn er alt ist.

Apropos alt, der weißbärtige Cat Stevens nannte sich viele Jahren Yusuf Islam, jetzt aber doch auch wieder ein bisschen Cat Stevens. Nach Jahrzehnten als strikter Muslim hat er in den vergangenen Jahren angefangen, sich mit seiner Pop-Vergangenheit zu versöhnen. Das Album, mit dem er 1970 berühmt wurde, hat er jetzt noch mal komplett neu aufgenommen, demnächst erscheint "Tea For The Tillerman 2". Für die Vorab-Single, seinen Klassiker "Father And Son", kam er dabei auf eine sehr hübsche Idee: Er hat das Lied neu eingespielt und singt mit sonorem Altherrenbrummen die Textstellen des titelgebenden "Father" - für die "Son"-Zeilen wurden Teile einer unveröffentlichten Live-Aufnahme von 1970 verwendet und per Computer dazugemischt. Es singt also Cat Stevens, 72, zusammen mit Cat Stevens, 22. Fehlt bloß noch ein Video mit Michael J. Fox, dann wäre das Ganze "Zurück in die Zukunft 4". Aber auch jenseits des schönen Solo-Duetts ist Cat Yusuf zugute zu halten, dass er sich nicht einfach nur im Glanz der Vergangenheit sonnt, sondern noch mal neu an die alten Stücke traut.

© SZ vom 16.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite