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Popkolumne:Warum sind wir so schwer?

Heute mit neuer Musik von Lee "Scratch" Perry, Cate Le Bon, Sarah Connor und Skepta - und der Antwort auf die Frage, wie man "Miami" so singt, dass es gleich eine andere, viel weniger sonnige Assoziation wachruft.

1936 kam ein schwarzer Engel auf die Welt, man nannte ihn den Upsetter. Er revolutionierte von Jamaika aus den Pop, indem er erkannte, dass sich aus den Essenzen des Reggae wunderbar vollgequarzte Dub-Kathedralen bauen lassen, wenn man nur die Magie des Mischpults, seine Kanäle und Hall-Effekte ausschöpft. Jetzt, mit 83 Jahren, veröffentlicht Lee "Scratch" Perry ein neues Album. Es heißt "Rainford" (On-U Sound), so wie er selbst mit bürgerlichem Vornamen. Alles hier ist herrlich - nicht allein, weil es ja grundsätzlich schon anrührend ist, wenn eine Pop-Legende, die man immer für halb wahnsinnig, aber eben auch für hundertprozentig genial hielt, im hohen Alter ihre Autobiografie als Privatmythologie einsingt. Adrian Sherwood hat alles schön satt und federnd, bassmächtig und bekifft produziert. Die Tracks heißen "Kill Them Dreams Money Worshippers" und "Run Evil Spirit" - wie Songs heißen müssen von einem, der als schratig gilt, weil er sich mit Spiegelchen beklebt, zur Abwehr böser Mächte, der aber doch nur das Beste für die Welt will. Am tollsten ist der Gospel-Blues-Reggae "Let It Rain". In ihm singt Perry zu Celli: "Don't be naughty, like Paul McCartney ... monkey reggae party". Noch Fragen?

Interessanterweise hört man auch aus "Reward" (Mexican Summer), dem sehr schönen Album von Cate Le Bon, ein paar Einflüsse aus dem Dub-Reggae heraus. Vor allem in den Songs "Mother's Mother's Magazines" und "The Light". In ihnen bringt die walisische Sängerin, die bürgerlich Cate Timothy heißt, neben trippigen Texten auch noch ein paar Ska-Bläser unter. Cate Le Bon hat für sich eine sehr eigene Dream-Pop-Formel gefunden, ihre musikalischen Mittel sind reduziert, stilistisch aber sehr reich. Ihre Stimme besticht mit leise gebrochenen opernhaften Momenten und ihre Diktion mit dunklem Humor. Zum Beispiel singt sie den Titel ihres Eröffnungs-Songs "Miami" so, dass es eher klingt wie "my army", was ja doch gleich eine andere, viel weniger sonnige Assoziation wachruft.

Am Freitag erscheint auch "Ignorance Is Bliss" (Boy Better Know), das neue Album des Grime-Stars Skepta aus Tottenham im Norden von London. Mit dem Vorgänger "Konnichiwa" gewann der 36-jährige Rapper, bürgerlich Joseph Junior Adenuga Jr., in Großbritannien 2016 den renommierten Mercury Music Prize. In seiner neuen Single "Bullet From A Gun" rappt Skepta nun, dass er inzwischen zu erfolgreich sei, um über sich noch glaubhaft als Opfer der britischen Gesellschaft sprechen zu können. Die Polizeigewalt gegen schwarze Menschen klagt er weiterhin an. Er ist einer der sehr wenigen britischen Rapper, die in der Heimat des Rap, den USA, ernst genommen werden, das zeigte im vergangenen Jahr der Hit "Praise The Lord", den er gemeinsam mit dem New Yorker Rap-Star A$AP Rocky aufnahm. Wie "Praise The Lord" scheint nun auch, auf dem neuen Album, der Track "Same Old Story" auf einem Panflöten-Motiv aus irgendeinem beliebten Mittelalter-Computerspiel zu basieren. Man müsste sich da besser auskennen. So wie man sich grundsätzlich viel besser mit Grime auskennen müsste, dieser speziell Londoner Prägung von Rap mit ihren superschnell herausgeratterten Raps in afro-karibisch-britischem Patois. Zuletzt näherten sich ja viele dieser Musik aus belletristischer Perspektive - angeregt von Sibylle Berg, die Grime-Musik für ihren Bestseller "GRM - Brainfuck" entdeckt hat. Die Zeit meinte daraufhin, Grime sei "mutmaßlich aus dem Punk hervorgegangen". Äh?

Sarah Connor war mal so etwas wie die hiesige Mariah Carey - die Balladen-Queen mit der beeindruckenden Soul-Pop-Stimme und dem Habitus einer Rapper-Braut. Seit "Muttersprache" (2016), ihrem Debüt auf Deutsch, das mit mehr als einer Million verkauften Exemplaren dann auch gleich Connors erfolgreichstes Album wurde, kann man das so nicht mehr sagen. Wobei auf ihrer neuen Produktion "Herz Kraft Werke" (Universal) ein Rest Rap-Attitüde bleibt, im Titel "Keiner pisst in mein Revier" etwa. Connor hat wieder mit dem Produzententeam rund um den Ex- Rosenstolz-Sänger Peter Plate gearbeitet. Zeilen wie "Warum sind wir so schwer? Ich will zurück ans Meer" lassen sich also nicht vermeiden. Wobei man in englischsprachigen Pop-Lyrics ständig solche Zeilen hört, nur fallen sie uns da nicht so auf. Die Produktion ist schmalzig fett, aber Connors Stimme gut. Im Song "Vincent" singt die vierfache Mutter aus Perspektive eines schwulen Teenagers, der seiner Mutter vertrauensvoll von den Wirren des ersten Verliebtseins erzählt, was dann zum Coming-out führt. Ach, und auf jeden Fall trägt sie ihr Herz an der richtigen Stelle.