bedeckt München 13°

Popkolumne:Wahrheit im Pop

Max Richter macht sich Sorgen, Lana del Rey veröffentlicht ein "Gedichtalbum", und mit Alanis Morrissette kommt die Erkenntnis, dass Popstars nicht aus Eiern schlüpfen.

Von Juliane Liebert

Alanis Morissette hat eine Dancepop-Vergangenheit. Bevor sie Alanis Morissette wurde, sang sie als kanadischer Teenstar Alanis in zwei durchaus erfolgreichen Alben aus heutiger Sicht für sie absurd untypische Popsongs. Wenn man sich heute Videos aus dieser Zeit anschaut, erlebt man eine merkwürdige Realitätsverschiebung, wenn sie als aufreizend gekleideter Teenager zwischen jungen Modelboys herumhüpft. Alanis Morissettes Musik fühlte sich immer an, als sei sie schon als zierlicher, wildmähniger Alternative-Star aus dem Ei gekrochen. Aber nein. Popstars werden gar nicht in Eiern gebrütet. Gibt es denn noch irgendeine Wahrheit in der Popmusik? Nach etlichen coronabedingten Verschiebungen kommt jetzt Morissettes neues Album heraus, "Such Pretty Forks in the Road" ist glücklicherweise kein Dancepop. Es bietet: Viel Klavier, Morissettes Signature-Kieksen und saubere, recht reibungslose Popsongs. In der Single "Reasons I Drink" begegnen wir den vier Alanisses aus dem Video zu "Ironic" wieder - sie sitzen jetzt statt in einem Wagen bei einem Treffen der anonymen Alkoholiker und diskutieren dort ihre Probleme. Auch "Diagnosis" und "Losing The Plot" sind Songs, die von eher düsteren Themen handeln. Morrisette kämpft schon lange mit Panikattacken und sie litt seit der Geburt ihrer Tochter unter postpartaler Depression. Sie leidet aber - zur Freude ihrer Hörerschaft - noch immer meist in Dur.

Lana Del Rey hat unterdessen ihr lange angedrohtes Gedichtalbum veröffentlicht. Es heißt "Violet Bent Backwards Over the Grass". Eigentlich ist es ein Hörbuch, das im September auch als richtiges Buch erscheint. An der jetzt erschienenen Hörbuchfassung hat Jack Antonoff mitgewirkt. Sie bewegt sich dabei in dem Raum, den Anne Sexton und Sylvia Plath vor Jahrzehnten abgesteckt haben, ihre Gedichte sind so "confessional" wie ihre Musik. Im Track "Paradise Is Very Fragile" geht es um den Klimawandel. In "La Who Am I To Love You" wird Klavier gespielt, während sie mit melodramatischer Stimme Zeilen wie "Listen to me! They say I came for money and I didn't and I didn't have love and it's unfair!" spricht. Lana Del Rey ist gar nicht wegen des Geldes nach LA gekommen! Und niemand liebt sie! Und das ist unfair!

Irgendwie lauscht man dem trotzdem gerne, weil das Hörbuch anmutet, als hänge man mit einer aufgebrachten, vertrauensseligen Lana am Telefon. Sie erzählt einem ihre Sorgen und Träume wie ein Kind sie seiner besten Freundin berichten würde, und wer will nicht einmal für 39 Minuten Lana Del Reys beste Freundin sein?

Das neue Werk von Max Richter, "Voices", dauert diesmal keine achteinhalb Stunden. Der Komponist, der unter anderem den Soundtrack für den israelischen Antikriegsfilm "Waltz with Bashir" geschrieben hatte, hatte sich im Jahr 2015 für "Sleep" achteinhalb Stunden Zeit gelassen - "Voices" hat nun eine Gesamtspielzeit von 54 Minuten. Ist klar, weil man schläft ja auch länger als man redet. Richter hat trotzdem zehn Jahre an "Voices" gearbeitet. Er hatte einen internationalen Aufruf gestartet, dass Menschen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948 vorlesen und ihm schicken sollten, und ihre Stimmen weben sich in seine Musik. Es ist ein wunderschönes, tief bewegendes Werk, eine Meditation über die Grundwerte des Menschen. Auch wenn man die Worte natürlich kennt, die in "Voices" in verschiedenen Sprachen gesprochen werden: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen." Richter lädt sie durch seine Musik mit Pathos cinematisch auf, zugleich schwingt eine tiefe Sorge mit. Ein Aufbegehren gegen die Widrigkeiten der Welt zum wohl geeignetsten Zeitpunkt. Dem Magazin Kulturnews sagte er dazu: ",Voices' ist eine Frage, ein ,Lasst uns darüber nachdenken', ein ,Wie können wir es besser hinkriegen?' In den westlichen Nachkriegsgesellschaften gab es einen grundsätzlichen liberalen und rechtsstaatlichen Konsens. Vor etwa zehn Jahren fing ich an, mir über dieses Album Gedanken zu machen, und den Anstoß haben mir die Enthüllungen über Menschenrechtsverletzungen gegeben, die aus Guantanamo zu uns gedrungen sind. Seitdem erodieren die Demokratien, und die Menschen brüllen sich an, anstatt sich zuzuhören und zu verhandeln. Ich finde es gerade jetzt wichtig, ein Licht auf diese Entwicklungen zu werfen." Für ihn, so erklärte er weiter, sei "Voices" kein sanftes Album. "Die Deklaration der Menschenrechte ist für mich nicht nur ein sehr idealistisches und ehrgeiziges, sondern auch ein provokantes und kontroverses Dokument. Ich denke, die Zukunft ist noch nicht entschieden."

© SZ vom 29.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite