Süddeutsche Zeitung

Popkolumne:Von ruhiger Erdhaftung

Wann war eigentlich zuletzt ein Remix ein wirkliches Ereignis, und wie dreht man ein Musikvideo in Zeiten von Corona?

Von Annett Scheffel

Es ist ja gar nicht so, dass der Remix als Kunstform im Jahr 2020 unzeitgemäß geworden ist - im Gegenteil: gerade im Bereich der elektronischen Musik und im Hip-Hop gibt es ständig neue Versionen von Singles. Aber erinnert sich noch jemand, wann ein Remix weniger Nebenprodukt als wirkliches Ereignis war? So wie der "Savage Remix" (300 Entertainment) der texanischen Rapperin Megan Thee Stallion, den sie im Zuge einer Covid-19-Spendenaktion mit Beyoncé aufgenommen hat. Sind die Südstaaten-Raps von Megan Pete normalerweise wilder und dreckiger als Beyoncés Songs, finden die beiden hier in unerschütterlicher weiblicher Selbstsicherheit zusammen. In neu geschriebenen Strophen wechseln sie sich ab - mit cleveren, teils sehr expliziten Wortspielen. Vor allem Beyoncé klingt - ohne den Druck, am eigenen Opus zu arbeiten - freimütig wie selten: Sie rappt in einem tiefen, gedehnten, fast knurrenden Ton über das Social-Media-Leben - und macht nebenbei Werbung für ihre Modelinie. So wird aus Geschäftssinn Zeitgeist.

Hayley Williams kennt man als Sängerin der amerikanischen Rock-Band Paramore. Nun erscheint mit "Petals For Armor" (Atlantic/Warner) ihr Solodebüt, auf dem sie, wie sie selbst in Interviews erzählt, ihren langen Weg aus einer unglücklichen Ehe und einem von Alkoholproblemen begleiteten Tour-Leben verarbeitet hat. Musikalisch bewegt sie sich weitab vom krachenden Gitarrensound ihrer Hauptband. "Petals For Armor" klingt nach einer Kreuzung aus glitzerndem Popmelodien, düster-verträumter Radiohead-Intimität und verschachtelten Elektro-Grooves. Dass Williams viel ausprobiert, ist die große Stärke der Platte: der mysteriös synkopierte Schauer einer nächtlichen Verfolgungsjagd in "Simmer", die an- und abschwellenden Synthesizer in "Leave It Alone", der funky Dance-Pop-Bass in "Dead Horse". Am besten ist "Roses/Lotus/Violet/Iris", ein anmutig hingetupfter Song mit Jazz-Drums und weich fließenden Gesangsharmonien, den sie zusammen mit dem Singer-Songwriter-Trio Boygenius eingespielt hat und der klingt, wie ein Blumengarten als Popsong: ätherisch und von ruhiger Erdhaftung.

Neue Musik gibt es auch von Josiah Wise, der als Serpentwithfeet queere Lovesongs zwischen Gospel, Avantgarde und dunklen Elektro-Dramen schreibt. Nach seinem Debütalbum "Soil" (2018) veröffentlicht er nun die EP"Apparition" (Secretly Canadian): Die Texte sind theatralisch und bildstark wie in einem Dostojewski-Roman, thematisch aber näher an Frank Ocean, und die Musik freigeistig wie im kreativem New Yorker Underground, aus dem Wise hervorgegangen ist. Eine barocke Klaviermelodie trifft auf elektronische Ambient-Flächen und mittendrin zieht seine Flüsterstimme unvorhersehbare Kreise.

"BOY" (Counter Records) heißt das neue Album des US-Produzenten RAC. Einen Namen gemacht hat sich André Allen Anjos als Remix-Künstler: mehr als 200 hat er in den letzten zehn Jahren für Lana Del Rey, Two Door Cinema Club oder Phoenix gemacht. Nach dem lauten Power-Pop auf seiner letzten Platte, ist "BOY" ruhiger und reduzierter, immer noch gut gelaunt, aber mit mehr Gespür für Grooves und Elektronik. Dazu hört man souligen Popgesang von Jamie Lidell oder Phil Good. Auch wenn hier vieles ein wenig zu glattpoliert klingt, ist die Tatsache, dass in diesen fluffigen Dreiminütern die Welt auf so ungetrübte Weise in Ordnung scheint, auch wieder tröstlich.

Wie dreht man ein Musikvideo in Zeiten der Quarantäne? Auf diese Frage gab es in der vergangenen Woche drei gute Antworten: Zunächst war da das kalifonische Sunshine-Pop-Trio Haim, die zu ihrer neuen Single "I Know Alone" (Polydor) ordnungsgemäß in zwei Meter Abstand auf einem Basketballplatz eine lässige Choreografie aufführen, deren Bewegungen so langsam sind, dass man sie zu Hause nachtanzen kann. Oder die US-R'n'B-Sängerin Kehlani, die zu "F&MU" (TSNMI/Atlantic) in Jogginghose und Flanellhemd geschmeidig durch eine schlecht ausgeleuchtete Wohnung tanzt und zwischendurch O-Saft vor dem Kühlschrank verschüttet. Und Charli XCX veröffentlicht die zweite Single eines Quarantäne-Albums: Im Clip zu "Claws" (Warner) sitzt sie in pixeligen Regenbogenlandschaften und vor einer grünen Studiowand. Diese Musik funktioniert ohne Spezialeffekte.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4897784
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 06.05.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.