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Popkolumne:Vollgefedert

Mit famoser neuer Musik von Santigold und Mac Miller - und der Antwort auf die Frage, was man hören sollte, wenn einem der Sommer langsam zu entspannt vorkommt.

Von Julian Dörr

Es sind wahrlich verrückte Zeiten. Der Bundesverband der deutschen Musikindustrie hat gerade ein mehr als hundert Jahre altes antifaschistisches Arbeiterlied zum offiziellen Sommerhit des Jahres gekürt. Im Zweiten Weltkrieg begleitete "Bella Ciao" italienische Partisanen in den Kampf gegen Hitler und Mussolini, heute steht der Remix des französischen DJs und Produzenten Florent Hugel auf Platz zwei der deutschen Charts. Es handelt sich bei dieser überraschenden Wiederkehr jedoch keineswegs um ein politisches Statement oder ein Aufbäumen gegen den europäischen Rechtsruck. Grund für den neuerlichen Hype um "Bella Ciao" ist die spanische Serie Haus des Geldes, die sich bei Netflix äußerster Beliebtheit erfreut. Darin plant eine Gruppe Krimineller, eine Banknotendruckerei auszurauben, und stimmt sich am Vorabend mit der Partisanenhymne auf den Überfall ein. Der Erfolg der Serie hat in den vergangenen Monaten zu einer Fülle an neuen Coverversionen geführt - inhaltlich teilweise absurd verdreht. Der ehemalige französische Boxer und Talentshowsänger Naestro macht etwa aus dem Kampf gegen die Unterdrücker eine sehnsüchtig schmachtende Anklage an die Schöne, die nicht zurückschreibt. Die deutschen Rapper Juri, Scenzah und Sun Diego orientieren sich immerhin am Stoff der Serie und feiern ihre Gangsterhaftigkeit mit zeitgenössischem Trap-Geklapper. Die mit Abstand schlimmste Version liefert aber der deutsche Pop-Sänger Mike Singer, der zu Buena-Vista-Trompeten eine Poolparty für die reichen Kinder von Instagram schmeißt. Das alles ist nun trotzdem kein Grund kulturpessimistisch zu werden. Denn Pop kann gleichzeitig brutal unsubtil und subversiv sein. Und wenn man sich die Kommentarspalten unter den millionenfach geklickten Videos ansieht, steckt ganz schön viel Geschichtsunterricht in der seichten Sommerbedröhnung.

Gute Sommermusik ist eine schwierige Sache. Um bei hohen Temperaturen zu bestehen, muss ein Popsong noch zügiger als ohnehin schon ins Hirn schießen, darf aber trotzdem nicht gänzlich unterfordern. Mit "Swimming" (Warner) ist dem amerikanischen Rapper Mac Miller ziemlich genau das gelungen. Das Album zum Wegdämmern am Pool oder sonstwo unter der Sonne. "I was drowning, now I'm swimming", singt Miller ungewohnt geschmeidig. Und groovt mal zäh wie heißer Asphalt ("Come Back to Earth"), mal funky bis in die schnippenden Fingerspitzen ("What's the Use") durch eine staubtrockene Produktion.

Das Pop-Paar der Woche findet sich auf "Schlager" (Sony), dem treffend betitelten neuen Doppel-Album der Sängerin Vanessa Mai. Neben ganz viel dauerreizendem EDM-Schlager mit dumpf und dröge vor sich hin klöppelnden Um-Tschak-Beats findet sich darauf auch ein Song mit dem Darmstädter Rapper Olexesh. Die über Instagram ausgehandelte Kollaboration ist, anders als die Boulevardblätter behaupten, natürlich keine Sensation, sondern wirtschaftliches Kalkül. Was verspricht in diesem Land einen größeren Charterfolg als die Hochzeit von Schlager und deutschem Rap? Musikalisch ist "Wir 2 immer 1" also Massenware, angereichert mit Marimba-Geklingel fürs saisonale Urlaubsfeeling. Ein großer Spaß ist allerdings das dazugehörige Musikvideo. Da stampft und walzt Vanessa Mai selbstermächtigt im Beyoncé -Look in pumpiger Militärhose durch die Halle, während der böse Junge Olexesh dafür abgestellt wird, von einem fliederfarbenen Lowrider aus knuffige Liebeserklärungen zu schmollen: "Und wenn das Wetter sich ändert/ Hab' ich für dich 'n Schirm".

Bereits vergangene Woche erschienen ist "I Don't Want: The Gold Fire Sessions" (Downtown Records), das neue Album von Santigold. Wobei Mixtape vielleicht die treffendere Bezeichnung ist, so herrlich fließen hier die Songs zusammen und verwischen im Gedächtnis wie angetrunkene Sommernachmittage. Santigold spielt noch immer grenzenlosen Weltpop, aktuell mit heftig karibischer Schlagseite. Die Geister von Reggae, Dancehall und Dub huschen durch diese luftig-leichten Songs, die Rap-Parts sind vollgefedert. Manchmal schaut der Weltpop-Stratege Diplo zur Tanzparty am Strand vorbei, aber dann übermannt einen wieder die schönste Form von Melancholie, diese besondere Schwere, die einem nur die Sonne in die Seele brennen kann.

Und noch etwas für alle, denen es hier zu entspannt zugeht. Die australische Riot-Grrrl-Band Little Ugly Girls veröffentlicht nach 20 Jahren Arbeit am eigenen Legendenstatus (die White Stripes waren einst ihre Vorband) ihr unbetiteltes Debüt (Chapter Music). Es ist sehr gut, sehr wütend und gar nicht entspannt.

© SZ vom 01.08.2018
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