Süddeutsche Zeitung

Popkolumne:Verzweifelte Schönheit

Mit neuer Musik von La BrassBanda, Kaiser Franz Josef und Coriky - und der Antwort auf die Frage, was nun davon zu halten ist, wenn alte weiße Männer den Blues singen?

Von Max Fellmann

Die Geschichte von La BrassBanda und ihren Fans ist eine typische Mann-jetzt-sind-sie-aber-schon-viel-zu-bekannt-Story. Erst erfinden ein paar Jungs etwas, was sie ziemlich einzigartig macht, einen Sound aus Blechblasinstrumenten und Rhythmus, der mühelos Volksmusik, Pop und Dancefloor verbindet. Regionaler Erfolg, vom Geheimtipp zum Dauerthema, immer mehr Erfolg, auch in anderen Gegenden, landesweit, überall, Festivals, Riesenhallen. Prompt hört man von den sogenannten "Fans der ersten Stunde", hey, jetzt wird das aber alles eine Nummer zu professionell, Wechsel zu einer großen Plattenfirma, Ausverkauf! Diesem Stefan Dettl, dem Sänger, steigt das doch alles total zu Kopf, und überhaupt, wir wollten die eigentlich lieber auf ewig ganz für uns allein haben. Wie es eben immer läuft. Tja, wie soll man als Band damit umgehen? Genau: am besten mit den Schultern zucken und weitermachen. Das neue Album "Danzn" setzt einfach da an, wo die vorigen aufgehört haben. Blasmusik-Techno, Voralpen-Reggae, Tuba-Disco, bayerische Texte zwischen Gaudi und Gedankenschwere. Ab und zu ein bisschen mit dem Holzhammer ("DiscoBauer"), oft sehr gefühlvoll ("Bach"), meistens mit viel Gespür für Ohrwürmer. Irgendwann werden sich die alten Fans dann schon wieder beruhigen.

Man könnte sich eigentlich genau jetzt mal wieder fragen, warum in den vergangenen Jahren weiße Männer mit schwarzer Musik so erfolgreich waren. Die Black Keys und Jack White werden gefeiert für eine Authentizität, die voll und ganz dem Blues des frühen 20. Jahrhunderts entliehen ist. Das klingt zwar alles sehr rau und sehr original, aber der Witz liegt ja gerade darin, dass es so hervorragend bei anderen kopiert ist. Das gilt auch für Seasick Steve. Der alte Mann mit dem langen Bart wird bewundert als echter Typ, er hat tatsächlich ein blues-taugliches Leben als Hilfsarbeiter und Kleinkrimineller hinter sich und war schon über 50, als er sein erstes Album veröffentlichte. Aber was er jetzt auf dem Album "Love & Peace" vorführt, ist wieder das gründliche Stöbern in alten Schränken, die andere befüllt haben. Er gibt den einsamen Hobo mit der Slide-Gitarre, der brummige Weisheiten aus seinem Leben singt, kombiniert Versatzstücke, die man von Muddy Waters oder Robert Johnson kennt, die Melodien, die Akkordwechsel, den mit dem Fuß gestapften Beat. Dazu die üblichen Zeilen ("She good lookin / smart as can be", "I ask no questions / then I get me no lies"). Gut gemacht, gut anzuhören, keine Frage. Aber es befällt einen halt dann doch das schale Gefühl, das man auch bei Remakes alter Filme hat. Und warum bitte muss der alte schwarze Buddy Guy, wie er gerade in einem Interview erzählt hat, überlegen, ob er mit seinen 84 Jahren noch einen Hilfsjob annehmen soll, um durch die Corona-Krise zu kommen? Warum hat der nicht längst das Geld beisammen, das die jungen Epigonen inzwischen abgeräumt haben?

Die Wiener Band Kaiser Franz Josef verdient immer mal wieder eine Würdigung allein für ihren großartigen Namen. Und für ihr Logo: ein Totenkopf mit dem historischen Backenbart. Die Musik, die die drei machen, ist im Vergleich dazu völlig unironisch, kann aber zum Glück mithalten: sehr solider, sehr breitbeiniger Heavy Rock. Die neun Songs des Albums "III" (na, das wievielte mag es sein?) fügen dem Genre zwar nicht gerade Neues hinzu, aber sie bringen das, worum es geht, auf den Punkt. Ein ordentliches Kondensat aus 50 Jahren Deep Purple, Black Sabbath, Mountain, hier und da ein bisschen Modernisierung Richtung Queens Of The Stone Age und Soundgarden - vor allem durch den Gesang, der tatsächlich sehr an Chris Cornell erinnert. Gäbe es zurzeit Konzerte, könnte man sich zu dieser Musik hervorragend einen Abend lang mit Lederjacke und Bierdose vergnügen.

Schon vor ein paar Tagen erschienen, aber unbedingt noch einen kleinen Jubel wert: das Album "Coriky". Die Band dazu heißt, nun ja, auch Coriky, und ist ein Trio, bestehend aus alten Bekannten - Ian MacKaye, seine Frau Amy Farina und Joe Lally. Es sind fast 20 Jahre vergangen, seitdem MacKaye und Lally ihr letztes Album mit Fugazi veröffentlicht haben, inzwischen gehen es die Post-Hardcore-Helden sehr viel ruhiger an. Ein bisschen Gitarre, ein bisschen wackliges Schlagzeug, Wohnzimmermusik im besten Sinne. Scheinbar sanfte Glut - die aber ständig in Feuer umzuschlagen droht: Man hört immer noch in jeder Zeile, dass sich der inzwischen 58 Jahre alte MacKaye nur mit Mühe bremsen kann. Am liebsten würde er seine Wut inbrünstig rausschreien. Dabei arbeitet er sich nicht mal an Trump und den Verwerfungen der Welt ab, es ist vor allem die geistige Verfassung seiner Landsleute, die ihm zu schaffen macht. Und er meint vor allem die zwischenmenschlichen Schlachten, wenn er singt: "The last thing we ever wanted was a war / But we found it much too easy". "Coriky" ist ein Album voll Schönheit und Verzweiflung, voll wohlgesetztem Chorgesang und zarten Gitarrenakkorden. Man kann sich die drei sehr gut vorstellen, wie sie zusammen zwischen Bücherregalen und Sofa sitzen und ihre Lieder spielen. Und doch rechnet man jeden Moment damit, dass sie durchs Fenster springen und den Kampf draußen aufnehmen.

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Quelle:
SZ vom 22.07.2020
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