Popkolumne Verstrahlter Reiz

In dieser Woche mit dem Comeback der "Black Keys", famoser neuer neuer Musik des Rappers Khary - und der Antwort auf die Frage, was Taylor Swift auf ihrer neuen Single singt, das man schöner, vernünftiger, kürzer und klüger nicht sagen könnte.

Von Jens-Christian Rabe
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Das ewig kühl vernuschelte Bling-Bling-Geprotze des tonangebenden Trap-Rap hat seinen verstrahlten Reiz, keine Frage, allein die seltsame Hilfsbedürftigkeit, die der Ultrakapitalismus ausstrahlt, wenn er von begnadeten Angebern auf Beruhigungsmitteln gepredigt wird! Hier sei trotzdem der andere, der wärmere, wachere und introspektivere Hip-Hop der Gegenwart empfohlen, wie er zum Beispiel auf dem neuen Album "T.H.I.S." mit solchen Songs wie "Elmer's" oder "Peppermint" vom noch viel zu unbekannten Produzenten und Rapper Khary Durgans alias Khary zu hören ist.

Den Black Keys bleibt - neben Jack White - das Verdienst, von Mitte der Nullerjahre bis Mitte der Zehnerjahre den Bluesrock würdevoll in die Gegenwart gerettet zu haben. Mit feinem Gespür für die minimalistisch-perkussiven Ursprünge des Genres in Nischen wie dem North Mississippi Hill Country Blues und großer Liebe zu verkannten Helden wie dem Juke-Joint-König Junior Kimbrough. Und brillante Popsongs wie "Howlin' For You", "Tighten Up", "Gold On the Ceiling" oder "Lonely Boy" gelangen Sänger und Gitarrist Dan Auerbach und Drummer Patrick Carney nebenbei auch noch. Dann brauchten sie eine Pause voneinander. Sie dauerte gut fünf Jahre. Das Video zur ersten neuen Single "Go" zeigt die beiden bei allerhand lustigen paartherapeutischen Übungen und man kann sagen, dass sie auf dem neuen Album "Let's Rock" (Nonesuch) in ziemlich guter Form sind. Ein weiterer ganz großer Wurf wie "Brothers" oder "El Camino" ist die Platte nicht, man kann ein einzelnes Genre ja auch nicht ewig wiederbeleben, aber als supersmarte Minimalisten verwalten die Black Keys ihr Neo-Bluesrock-Erbe sehr, sehr geschickt. Es gibt also rohe-treibende Riffrumpeleien auf Songs wie "Go" oder "Lo/Hi", aber auch hinreißend stilsichere Verbeugungen vor dem Softrock der Siebziger wie "Sit Around And Miss You", die bei allen anderen, die sich an so etwas heute versuchten, lächerlicher Kitsch wären.

Der amerikanische Produzent, Arrangeur, Songwriter, Trompeter und Bandleader Dave Bartholomew ist tot. Er starb im Alter von 100 Jahren in New Orleans. Insbesondere als Produzent und Autor hinter Fats Domino gehört er zu den zentralen Köpfen des frühen Rock'n' Roll. Mit Domino brachte er zwischen 1955 und 1964 mehr als 60 Songs - darunter "The Fat Man", "Ain't That A Shame" und "Blue Monday" - in die Charts, nur Elvis' Bilanz war besser. Bei diversen anderen Meilensteinen des Pop war Bartholomew ebenfalls auf die eine oder andere Weise involviert, etwa bei Chuck Berrys einzigem Nummer-Eins-Hit "My Ding-a-Ling" oder bei Little Richards Hits "Tutti Frutti" und "Long Tall Sally".

Apropos Hits und falls es noch jemandem entgangen sein sollte: Neben Lil Nas X Country-Rap-Geniestreich "Old Town Road" (seine neue EP "7" bleibt neben dem Hit leider allzu blass) ist Taylor Swifts neue Single der andere Song dieses aufgewühlten Jahres: "You Need To Calm Down". Schöner, vernünftiger, kürzer und klüger kann man das nicht singen. Und schon gar nicht sagen. Wir müssen uns abregen. Der gute Ohrwurm, möge die Macht in den Stürmen der Geschichte mit ihm sein.

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Der kalifornische Gangster-Rapper Jovan Smith alias J. Stalin, dessen neues unbedeutendes Album "Cypress Village" (Livewire) heißt, hat sich übrigens tatsächlich nach dem Josef Wissarionowitsch Stalin benannt, weil "der so klein war wie ich und auch alle zerstört hat". Ach, ja, der Pop ist groß und für immer beides zugleich: unerschütterliches Erlösungsversprechen und unerschöpfliches Reservoir an Schwachsinn und Schwachsinnigen.

Das Thema des Musikgeschäfts ist seit Wochen die Manipulation von Spotify und den Charts. Es scheint vergleichsweise einfach zu sein, Streamingdienste wie Spotify zu hacken und so jedem beliebigen Künstler in kurzer Zeit hohe Streaming-Zahlen zu erschleichen, was wiederum stattliche Streaming-Tantiemen und hohe Chart-Platzierungen bedeutet. Der in den vergangenen Jahren immer wieder erstaunlich zügige Erfolg von bis dahin kaum bekannten deutschen Gangster-Rappern ist damit ziemlich fragwürdig geworden und die Glaubwürdigkeit der deutschen Charts schwer erschüttert. Immerhin stehen in dieser Woche an der Spitze der deutschen Album-Charts Star-Veteranen, die es wohl eher nicht nötig haben, sich Streams zu kaufen: Bruce Springsteen mit "Western Stars" vor Rammstein mit ihrer unbetitelten neuen Platte.