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Popkolumne:Verkohltes Feuerwerk

Der Rapper Kollegah in Afrika.

(Foto: Youtube)

Was zum Jahreswechsel vielleicht unterging: Kollegah hat in Afrika Kindern geholfen, ein Gospel-Album von Kanye West und Remixe von Fever Ray.

Im verkohlten Bestenlisten-Feuerwerk nach Neuem zu suchen, ist nicht einfach. Wenden wir uns daher zunächst einmal den zwischen den Jahren möglicherweise verpassten Nachrichten aus der Welt des Pop zu. Zunächst wäre da ein kleines Weihnachtswunder: Kanye West hat es tatsächlich geschafft, ein Album termingerecht zu veröffentlichen! Auf dem passenderweise direkt am 25. Dezember erschienenen "Jesus Is Born" (INC) ist er allerdings nur als Produzent tätig, die Stimmen liefert sein Gospel-Projekt Sunday Service Choir. Dieser Chor begleitet den neuerdings ganz im Auftrag des Herren arbeitenden West schon länger, zuletzt bei seinem einigermaßen verwirrenden christlichen "Opern"-Projekt in der Hollywood Bowl in Los Angeles. Wer schon den Beginn von Wests neuer Mission nicht mitgegangen ist, für den wird "Jesus Is Born" erst recht nichts sein. Für Atheisten sind abseits der etwas redundanten Dauer-Lobpreisung Gottes höchstens ein paar interessante Neu-Interpretationen alter Stücke von West dabei: "Father Stretch" ist etwa eine auf die Chor-Anteile reduzierte Version des zweiteiligen "Father Stretch My Hands" von Wests 2016er-Album "The Life of Pablo". Nach dem gleichen Prinzip funktioniert auch die neue Fassung von "Ultralight Beam". Restlos bekehren wird das alles vermutlich nur wenige, aber man kann es sich durchaus mal anhören.

Nicht weniger megalomanisch: Der Rapper Kollegah, einstmals bekannt für ein paar durchaus sehr smarte Wortspiele in seinen Texten, inzwischen aber vor allem für raunenden Antisemitismus und erfolglose Seminare zum Thema hypermaskuliner Erfolg, hat sich nach Uganda begeben. Er will dort laut eigener Aussage einen Teil des durch die (mittlerweile eingestellten) Seminare verdienten Geldes in ein Schulprojekt investieren. Man kann jetzt natürlich nur spekulieren, inwieweit hier jemand seinem etwas lädierten Ruf ein wenig Kosmetik verpassen will. Aber nun, man könnte auch einfach sagen: So lang Menschen in Uganda davon profitieren, soll er es eben machen. Allerdings trägt das dazugehörige Video den Titel "Kinder retten in Uganda", was ja schon die schlimmsten Befürchtungen weckt. Und leider, leider: Der Rapper, der bürgerlich Felix Blume heißt, erfüllt mit Anlauf sämtliche Klischees des weißen Retters, der ahnungslos aber medienwirksam ein paar schwarze Kinder tätschelt. Kollegah überdreht diese Rolle sogar auf besonders tragische Weise: Zunächst einmal referiert er in endlosen Monologen über sein neues Engagement für den "vergessenen Kontinent", von dessen "Elend, Leid und Hunger" man bei uns ja kaum etwas mitbekomme. Dort angekommen, erklärt er Aktivistinnen deren eigenes Projekt ("selber vor Ort fahren und den Shit regeln"), hält dann noch kurz im Supermarkt und lädt sich den Kofferraum voll Spielzeug, das er schließlich bei einer Schule ablädt, damit das mit den Aufnahmen dankbarer Kinderaugen auch sicherlich klappt. Das Ganze wiederholt er dann noch einmal, diesmal mit etwas Obst. Und dann, auch hier ahnt man es natürlich richtig, geht leider schon wieder der Flieger zurück nach Hause.

Deshalb lieber schnell zu einer weniger großmäuligen Künstlerin, nämlich Fever Ray alias Karen Dreijer, die ehemalige Sängerin des schwedischen Elektro-Pop-Duos The Knife. Dreijer ging im Jahr 2018 mit ihrem ziemlich guten Album "The Plunge" auf Tour, brach die ganze Sache aber leider im Spätsommer aufgrund von Panikattacken und Angststörungen ab. Viel hat man von Dreijer seitdem nicht mehr gehört, allerdings ist nun das sehr hörenswerte neue Werk "Plunge Remix" (Mute Records) erschienen. Darauf findet sich zum Beispiel eine Afrobeat-Variante von "To The Moon And Back" der Ghanaer Jowaa. Die haben vom Original nur einige wenige Zeilen übernommen, etwa "I want to run my fingers up your pussy" - und packen das eh schon sehr queer-clubbige Thema des Songs dazu auch noch in Break-Rhythmen, die auf der Tanzfläche wohl genau das auslösen sollen, was "Jowaa" auch übersetzt bedeutet: hart abtanzen nämlich. Oder die Industrial-Interpretation des gebürtigen Malaysiers Tzusing, dessen harte Maschinen-Ästhetik sich erstaunlich gut mit Dreijers ewig kindlicher Stimme verträgt. Highlight des Albums ist aber der Remix von Dreijers Bruder und ehemaligem Bandkumpanen Olof Dreijer, der "Wanna Sip" in ein polyrhythmisches Monstrum verwandelt, das mit seiner immensen Bandbreite an Einflüssen, Instrumenten und ungewöhnlichen Harmonieskalen den Geist auf den Punkt bringt, den das ganze Album zu atmen scheint: der Versuch einer geografisch sowie kulturell und geschlechtlich vollkommen entgrenzten Tanzmusik.

© SZ vom 03.01.2020
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