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Popkolumne:Ver-unsterblicht

Radiohead werden in der Rock and Roll Hall of Fame eingesargt, Amy Winehouse soll als Hologramm-Zombie wieder auf der Bühne stehen - und andere News aus dem Pop.

Die Rock and Roll Hall of Fame ist eine Art Endlager für Bands, die nicht mehr akut Energie erzeugen, aber noch nachstrahlen. Insofern kann einem Radiohead-Sänger Thom Yorke leid tun, denn Radiohead sind dieses Jahr für die Aufnahme in die Halle nominiert. Erst Scheidung, dann stirbt seine Exfrau ein Jahr später an Krebs, und jetzt wird er auch noch in der Ruhmeshalle einbetoniert. Dagegen passen The Zombies (ebenfalls nominiert) schon vom Namen her hervorragend ins Konzept. Ferner auf der Longlist stehen Kraftwerk, The Cure, Roxy Music und Devo.

Aktualisierte Musikgeschichte bietet auch die Band Moaning Lisa. Sie veröffentlicht diesen Freitag eine neue EP namens "Do You Know Enough". Als in den Neunzigern Frauen endlich Gleichberechtigung in der kratzigeren Independent-Gitarrenmusik einforderten, nannten sie sich selbst Riot Grrrls - als Reclaiming einer dämlichen Fremdbezeichnung. Leider hatte dieses Label auch zur Folge, dass mehrere musikalisch sehr gute Bands in erster Linie als Teil einer Jugendbewegung wahrgenommen wurden. Am ehesten emanzipierten sich davon Sleater Kinney. Bis heute viel zu wenig gewürdigt werden Team Dresch, die mit "Don't Try Suicide" eines der schönsten Liebeslieder der Neunziger Jahre geschrieben haben. Das Revival dieser Musik klingt wie frisch aus den Neunzigern importiert. Ein wenig trifft das auch auf Moaning Lisa zu, aber etwas unterscheidet sie von ihren Kolleginnen: der Einfallsreichtum ihrer Melodien, die stilistische Vielfalt ihrer Songideen. Das Ganze ist weniger Lofi als ihrerzeit Team Dresch, mehr auf die große Pop-Apotheose hin produziert, wodurch allerdings auch die Retrofalle vermieden wird. In "Carrie (I want a Girl)" gibt eine trocken taumelnde Rhythmusgitarre den Einstieg, dann folgt der Vers mit schnarrendem Bass, "I wanna girl who is an activist" und "I wanna girl who is all mine" singen sie, bis der Song in den großartigen Zeilen gipfelt: "Give me a Kim Deal, a Courtney Barnett! / A Florence Welch, an Annie Clark! / Give me an Ellen Page, an Ellen DeGeneres! / Give me, give me, give me a Carrie Brownstein!" Gerahmt wird das von fast singenden Sologitarren, Feedback, dem ganz großen Gefühl, aber immer auch rauem, organischem, lärmigem Rock. Wenn man die EP gehört hat, sieht man zwei mögliche Zukünfte für Moaning Lisa: Entweder sie werden die würdigen Nachfolgerinnen von Team Dresch. Oder eine feministische Version von Coldplay. Hoffen wir das Beste.

Man könnte Hologramme für schönere Dinge nutzen, als Geld aus toten Stars zu machen

Nicht in der Rock and Roll Hall of Fame, aber auf ähnlich gruselige Art und Weise ver-unsterblicht wird Amy Winehouse - sie soll für eine Tour 2019 als Hologramm wiederbelebt werden. Das Hologramm soll nach Aussage ihres Vaters auf die Bühne vor eine Liveband projiziert werden und zur Stimme ihrer Originalaufnahmen performen. Das Geld geht an die Amy Winehouse-Stiftung. "Fans haben nach etwas Neuem von Amy verlangt, aber (musikalisch) gibt es wirklich nichts Neues", sagte Mitch Winehouse in einem Interview. "Wir waren der Meinung, dass dies ein großartiger Weg für Amy wäre, ihre Fans durch ein Hologramm zu besuchen, und auch eine unglaubliche Möglichkeit, Geld für unsere Stiftung zu sammeln." Wer möchte nicht, dass die eigenen Eltern posthum entscheiden, was sie mit einem in Hologrammform anstellen? Dabei könnte man Hologramme doch für schönere Dinge nutzen, als Geld aus toten Stars zu machen - wünschenswert wäre etwa ein Hologramm von Rihanna aus ihrem Work-Video für den Heimgebrauch, das einen beim Arbeiten anfeuert. Oder beim Abwaschen.

Eine weitere Neuerscheinung kommt von der psychedelischen Droneband Cave, "Allways" heißt sie, kein Tippfehler. Im Auftakt starkes Aroma von Kraut, verfeinert mit trockenem Funk, einige fast zappaeske Melodiefloskeln zur Deko. Es hinterlässt die Anmutung eines "Ocean's Eleven"-Soundtracks. Ein wenig denkt man auch an jene Szene aus "Frantic" von Roman Polanski, in der Harrison Ford im Schatten der Freiheitsstatue auf einem Hausboot aufwacht und in eine jammende Funkband stolpert. Die kunstfertig variierte rhythmisierte Monotonie weckt auf jeden Fall schlummernde Tanzbedürfnisse. "Aharaha" dreht sich in mittlerem Tempo brummelnd um sich selbst. Hippierockige Gitarren quäken dazwischen. Das ist manchmal erhellend, manchmal fühlt man sich auch in einer Krautrockzeitschleife gefangen, als hätte man diese Musik schon in hundert aus den Siebzigerjahren stammenden Varianten gehört. Bevor das allerdings wirklich ermüden kann, ist es auch schon wieder vorbei. An einem schönen Sommerherbsttag würde man gerne mit einem erfrischenden Drink mit Cave im Proberaum sitzen und sie einen einzigen einstündigen Track spielen lassen. Vorausgesetzt, der Raum hat Fenster mit Blick auf die Skyline.