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Popkolumne:Und jetzt mach, was sie dir sagen

Diesmal mit neuer Musik von "Cocorosie" und Fritz Kalkbrenner - sowie der Antwort auf die Frage, über welche Webseite man jetzt seinen individuellen Soundtrack zum Anti-Corona-Händewaschen bekommt.

Von Quentin Lichtblau

Viren waren im Pop ein bisher eher vernachlässigtes Thema. Weil Musiker im Schlafzimmerstudio- und Streaming-Zeitalter aber nun wesentlich schneller auf Zeitgeschehnisse reagieren können, finden sich auf Spotify mittlerweile seit ein paar Tagen Dutzende Songs mit dem Wort "Coronavirus" im Titel, zum Beispiel "La Cumbia Del Coronavirus" des argentinischen Künstlers Marito el Sarna, der die Epidemie mit Hohner-Akkordeons empfängt. Und das vietnamesische Gesundheitsministerium veröffentlichte einen Tropical-House-Track inklusive Hygienevorschriften. Der zugehörige Tanz entwickelte sich binnen kurzer Zeit zu einer eigenen "Challenge" auf der Video-Plattform Tiktok. Eine weitere Querverbindung zwischen Pop und Händewaschen: Die angeblich korrekte Dauer des Einseifens, vor ein paar Wochen noch über ein sehr fades "zwei Mal ,Happy Birthday' singen" definiert, lässt sich nun über die Website washyourlyrics.com auf den ganz eigenen Musikgeschmack zuschneiden, als praktische Anleitung ausdrucken und im Bad aufhängen: So könnte man zum Beispiel künftig zu "Killing In The Name" der amerikanischen Rap-Metal-Band Rage Against The Machine Viren abtöten - und bei der Song-Zeile "now you do what they told ya" an Jens Spahn denken.

Wer es eher sinnlich mag und darunter handgeletterte "Carpe Diem"-Wandtattoos versteht, sollte sich lieber zu Fritz Kalkbrenners neuem Album "True Colours" (BMG) desinfizieren: "Kings and queens of broken homes / built a shelter on sticks and stones / crawling deep down and around / where we found love after all", singt Kalkbrenner darauf mit seiner eigentlich recht interessanten, immer leicht angebrochenen Soul-Stimme. Leider ist das aber sowohl textlich als auch klangästhetisch wohl genau das, was man heutzutage unter Business-Techno versteht: Hintergrundmusik fürs Cupcake-Café. Die gesangsfreien Nummern enthalten zwar hier und da auch etwas Melancholie ("White Plains"), besitzen aber auf mindestens zwei Spuren dann doch diesen latenten Städtetourismus-Imagevideo-Touch, der vor dem inneren Auge irre lächelnde Pärchen und Drohnenfahrten über die Altstadt von Deggendorf auftauchen lässt.

Einen Hauch melancholischere Melancholie liefern hingegen Cocorosie seit mittlerweile auch schon 16 Jahren. Auf ihrem siebten Studioalbum "Put The Shine On" (Rough Trade) klingt das wie gewohnt, also ziemlich gut. Siarra und Bianca Casady haben tatsächlich einen Weg gefunden, auf jedem Album, jedem Song wiedererkennbar, aber eben doch immer neu zu klingen. Ein eigenes Genre, dass sich aber nur sehr schwierig abschließend charakterisieren lässt: Da rumpeln mal die minimalistisch Alleinunterhalter-Rhythmusmaschinen ("Where Did All The Soldiers Go"), dann gibt's ein breites Amy-Winehouse-Gedächtnispiano ("Restless") oder auch mal ein unerwartet böses E-Gitarren-Riff ("Smash My Head") - gleich bleiben eigentlich nur die beiden Gesangsstimmen. Wobei man die sehr kindliche, man könnte auch sagen: nöhlige Stimme von Bianca Casady schon sehr mögen muss, besonders wenn sie in "Mercy" versucht, zu rappen wie Nicky Minaj,was dann doch nicht unbedingt nötig gewesen wäre.

Trotz all der viralen Pop-Momente: Auch das Coronavirus bedeutet für den Pop natürlich nicht nur Gutes. Gesundheitsminister Jens Spahn hat zum Redaktionsschluss bereits mehrfach zu bedenken gegeben, dass jeder sich künftig genau überlegen solle, ob er eine öffentliche Veranstaltung denn nun unbedingt besuchen müsse, explizit nannte er auch Besuche in Clubs. Wie soll eine Branche, die besonders auf Publikum und Live-Einnahmen angewiesen ist, das eigentlich überleben? Veranstalter und Betreiber von Konzertbühnen und Clubs leben vom stetigen Besucherfluss, und Umsatz machen sie vor allem jetzt, in den kälteren Monaten des Jahres. Mit dem South By Southwest in Austin, Texas wurde zudem bereits eines der wichtigsten Festivals abgesagt, das zugleich auch die internationale Plattform schlechthin ist für Bands, die auf sich aufmerksam machen wollen. In Italien haben die Clubs und Konzerthallen bereits vermehrt geschlossen. "Dieses Nachtleben", das könne man sich derzeit "nicht mehr erlauben", sagte dazu der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte. Und in Berlin wurde ausgerechnet ein Club zum Ansteckungs-Hotspot: Ein infizierter Gast im Club "Trompete", die dem Schauspieler Ben Becker und dem sagenumwobenen Berliner Club-Betreiber Dimitri Hegemann gehört, steckte 16 Gäste an - und ist damit verantwortlich für ein ganzes Drittel der Berliner Fälle. Wer also trotzdem in den kommenden Wochen seinen Bauch vom Bass massieren lassen möchte, kann unter Umständen bald nur noch auf eines bauen: ein gutes Soundsystem daheim. Und tolerante Nachbarn.

© SZ vom 11.03.2020
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