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Popkolumne:Tötet Rock Hirnzellen?

Über das gemeinsame Album von Thomas Anders und Florian Silbereisen nicht mindestens 187 Witze zu machen, ist gar nicht so leicht. Und die Zeitschrift NME hat eine lustige Interviewreihe mit Veteranen der Popmusik zusammengestellt.

Der unermüdliche Josh Homme hat ständig zehn Projekte parallel laufen, von so was wie Corona lässt er sich nicht bremsen. Weil die Queens Of The Stone Age umständehalber gerade ruhen, hat er mit Sharon Van Etten eine schöne Quarantäne-Version von "(What's So Funny Bout) Peace, Love And Understanding?" veröffentlicht, jetzt geht es mit Videos weiter. Zwei seiner Songs, die auf den "Desert Sessions" vom letzten Jahr enthalten waren, hat er der New York Film School zur Verfügung gestellt, die akustische Ballade "If You Run" und das großartige "Move Together" (mit Billy Gibbons' Falsettgesang). Aus "If You Run" wurde eine rätselhafte, atmosphärische Flucht durch den Wald. Und für das Video zu "Move Together" hat der junge Filmemacher Jonathan Samukange in seiner Heimat Simbabwe ein Dorf zusammengetrommelt, herausgekommen ist eine Art Adam-und-Eva-Geschichte voll Feuer und Bedrohung. Beide Filme sind im Netz zu finden, es lohnt sich. Und während diese Zeilen erscheinen, ist Homme sicher wieder fünf Schritte weiter.

Dass Glenn Danzig sich eines Tages mal ein ganzes Album mit Elvis-Songs gönnen wird, darauf hätte man kommen können. Von seinen Fans wird der Mitgründer der legendären Misfits als "Evil Elvis" verehrt, mit seinem düsteren Bariton hat er immer wieder den King zitiert, mal behutsam, mal holzhammerdeutlich. Auf dem Album "Danzig Sings Elvis" lässt er Punk und Lärm weg und präsentiert Hits wie "Fever" und "Always On My Mind", dazu weniger gängige Songs wie "Lonely Blue Boy" oder "Like A Baby". Danzig bemüht sich nicht groß um Neuinterpretation, das sind alles einfach Verbeugungen vor Elvis, ganz geradeaus. Einerseits rührend, man merkt in jedem Ton, da hat sich einer einen Lebenstraum erfüllt. Andererseits stolpert Danzig immer wieder ins unfreiwillig Komische: Die hohen Töne jault er, die Begleitung rumpumbelt schwunglos dahin. Früher lag der Witz darin, dass Danzig die Elvis-Anleihen mit dröhnender Wucht kombinierte. So aber bleibt meistens nur düsteres Gesäusel. Das Ganze hat einen gewissen geisterhaften Charme, aber eher den einer Geisterbahn, an der die Farbe abblättert.

Wenn man die Klavier-Miniaturen von Hauschka genauso gern mag wie den Minimal-Dub von Basic Channel, und auf einmal kommt ein Album daher, das beworben wird als "combining the prepared piano minimalism of Hauschka with Basic Channel style dub techno", dann: Hurra! Das Album "Klavier" ist ein Gemeinschaftsprojekt des Elektro-Tüftlers Jas Shaw (Simian Mobile Disco) und des Kölner Kunststudenten Bas Grossfeldt. Die beiden entdeckten gemeinsam die Möglichkeiten des Yamaha-Disklaviers - das ist ein echtes Klavier, das sich durch elektronische Sensoren mit einem Computer verbinden lässt. Einer spielte das Klavier per Software, der andere manipulierte es parallel durch Dämpfung der Saiten, Betätigen der Pedale usw. Herausgekommen sind sieben Stücke mit lustig minimalistischen Titeln, die sich aus der Lautstärkenangabe ableiten, wie "Klavier fff" (laut) und "Klavier mp" (eher leise). Die Beats, die sie daruntergelegt haben, hätte es nicht unbedingt gebraucht, die Klangwolken und Stottertöne des Klaviers allein wären spannend genug. Aber so ist das Ganze auch noch sehr kopfnickbar.

And now for something completely different: Thomas Anders und Florian Silbereisen haben ein Album zusammen aufgenommen. Es heißt "Das Album". Schlager-Überdosis mit Ballermann-Tendenz. Selbst wenn man sich vornimmt, nicht zu lachen, sie machen es einem nicht leicht. Schon die ersten drei Lieder sind von Rhythmus, Melodie und Aufbau quasi ein- und dasselbe - und heißen dann auch noch: "Sie sagte doch sie liebt mich", "Sie hat es wieder getan" und "Sie ist wieder da". Wie soll man die 187 Witze sortieren, die einem da automatisch durch den Kopf jagen? Lieber ein ganz ernst gemeinter Gedanke zu Anders' samtenem Gesang: Wenn der Mann mal alt und weißhaarig ist, soll er bitte alle mit einem sauberen Chanson-Album verblüffen. Er könnte das.

Zuletzt noch ein Tipp: Weil ja in der Popwelt gerade nicht allzu viel Neues passiert (wie auch? Konzertpause, kaum Studioproduktionen), lohnt sich der Blick auf ein fantastisches Interviewformat des britischen New Musical Express: "Does Rock'n'Roll Kill Braincells?!" Seit vielen Jahren werden unter diesem Motto ältere und jüngere Stars zu konkreten, möglichst absurden Momenten ihrer Karriere befragt - an die sie sich nicht unbedingt erinnern können. Klar: Je älter, desto mehr erlebt und vergessen. Es gibt genug Folgen für einen vergnüglichen Abend. Obskure Kollaborationen, TV-Auftritte, Backstage-Peinlichkeiten, jedes Interview ist ein Sammelsurium von unterhaltsamen Anekdoten, vor allem die mit Graham Coxon (Blur), Bob Mould (Hüsker Dü) und Limahl (Kajagoogoo).

© SZ vom 03.06.2020

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