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Popkolumne:Super säuseln

Mit neuer Musik von Fishbach und Answer Code Request - und der Antwort auf die Frage, wie die Frau mit den meisten Schönheitsoperationen singt.

Von Jan Kedves

Alle Welt redet längst über Fishbach, deswegen erscheint "À ta merci" (Columbia), das fantastische Debütalbum der französischen Sängerin Flora Fishbach, nun mit einjähriger Verspätung auch endlich in Deutschland. Darauf: aparteste Synthesizer-Chansons, die den Kolumnisten gleich mit Referenzen um sich werfen lassen: Les Rita Mitsouko! Desireless! Stéphanie von Monaco! Einflüsse all dieser Achtzigerjahre-Bands und -Sternchen sind auf "À ta merci" wohl auszumachen, aber das Sensationelle ist, wie man dann schon nach einem Durchgang nur noch eines hört: Fishbach! Die 26-jährige Sängerin wurde in Dieppe am Ärmelkanal geboren und arbeitete eine Weile als Schuhverkäuferin. Informationen, die einen kein bisschen auf die Wucht vorbereiten, mit der Fishbach singt und schmachtet und röhrt und verschiedene Stile in ihre Chansons einbaut. Das Album beginnt mit Spaghetti-Western à la Morricone und endet auf Arabisch, im ergreifenden Duett "Ajmal Logha (Un beau langage)" mit dem libanesisch-französischen Sänger Bachar Mar-Khalifé. Fishbach präsentiert das Album Ende Februar und Anfang März auf Tour in Deutschland.

fishbach

Dort ist gerade auch Kendrick Lamar , und zwar: mit Band! In den Besprechungen des Konzerts, das der Rapper am vergangenen Donnerstag in der ausverkauften Frankfurter Festhalle spielte, hieß es - in der SZ und auch auf Spiegel Online -, Lamar fessele die Menge ganz ohne Band, es sei beeindruckend, wie er die Bühne allein fülle. Nun korrigiert Veranstalter Live Nation, der Lamars "The Damn"-Tour produziert, es gebe in der Show sehr wohl eine Live-Band, und zwar befinde sich diese "links neben der Bühne". In Frankfurt war von dieser Band, zumindest vom ersten Rang links aus, weder etwas zu sehen noch zu hören. Vielleicht bräuchte man in Zukunft bei Popkonzerten eine Art Videobeweis - dass sich eine Band versteckt hält und etwas spielt, das niemand hört? Fast möchte man an den Werbeslogan für Salamo Bratfett aus dem Loriot-Sketch denken: Brat fettlos mit Salamo ohne. Wer am Donnerstag zum Lamar-Konzert in Köln geht oder im März zu dem in Berlin, könnte ja mal darauf achten: Wo ist diese Band, und wie spielt Lamar sein Konzert nicht mit Playback, sondern "mit Band ohne"? Abgesehen davon steht der Rapper gerade mit "Black Panther: The Album", seinem Sampler zum Film "Black Panther", in den USA auf Platz eins der Charts.

Sehr lahm ist leider "Sir" (Ultra), das neue Album von Fischerspooner. So lahm, dass man fast keine Energie aufbringt zu erzählen, warum das New Yorker Elektro-Pop-Duo mal wichtig war. Ja, es ritt 2002 mit seinem Hit "Emerge" die Electroclash-Welle, und 2004 schrieb Susan Sontag, kurz vor ihrem Tod, für das Duo die Lyrics zum Anti-Irakkriegs-Song "We Need A War". Das Interessanteste auf "Sir" ist nun aber, dass einige der uninspiriert vor sich hin plöppelnden Songs von R. E. M.-Sänger Michael Stipe mitkomponiert wurden und man erfährt, dass Stipe 1988 der erste Boyfriend von Casey Spooner, dem Sänger von Fischerspooner, war. Schön! Aber wer unterhaltsame zeitgenössische Party- und Sexmusik aus New York hören will, der sollte lieber zu "Lepore" (Peace Bisquit) greifen. Das ist die neue Platte von Amanda Lepore, der - eigenen stolzen Angaben zufolge - Frau mit den meisten Schönheitsoperationen. Lepore kam als Junge zur Welt und wurde, als Kreuzung aus Marilyn Monroe und Betty Boop, zur Muse des Starfotografen David LaChapelle. Als Sängerin ist Lepore nicht gerade ein Naturtalent, aber ihre Coverversion des Bowie-Hits "The Jean Genie" säuselt sie sehr hübsch. Richtig toll ist "Too Drunk To Fuck": keine Coverversion des gleichnamigen Dead-Kennedys-Klassikers, sondern ein neues, schmissiges Lied über die ewige Frage, wie man weitermacht, wenn die Nacht schon sehr lang war und für Sex einfach die Kraft fehlt: weitertrinken oder weitertrinken?

lepore

Das Elektronik-Album der Woche kommt von Patrick Gräser alias Answer Code Request. Er webt auf "Gens" (Ostgut Ton) Soundteppiche, die so filigran und majestätisch klingen, dass das gar nicht mehr als Widerspruch erscheint. Man fühlt sich an den mysteriösen Londoner Dubstep-Produzenten Burial erinnert, hört Clubmusik, die gar nicht für den Club gemacht klingt, sondern eher wie eine Erinnerung aus dem Club. Clubmusik zweiter Ordnung. Nur dass für Gräser nicht Dubstep der Referenz-Stil ist, sondern er sich auf jene Stile bezieht, die die Berliner Club-Szene seit den Neunzigerjahren geprägt haben und die in der Stadt, in der er selbst heute lebt, immer nachhallen: Techno, Ambient, Trance, Breakbeat. Gräser setzt sie spielerisch ein, gleichzeitig belegt er sie mit melancholischen Flächen und viel Hall. Paradox, aber sehr angenehm.

gens
© SZ vom 21.02.2018
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