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Popkolumne:Sog in die Nacht

Diesmal mit neuer Musik von Sufjan Stevens, Margo Price, Gulcher Lustwerk und The Streets - sowie der Antwort auf die Frage, wie Gerüchte anfangen.

Von Julian Dörr

Jetzt hat er es also doch noch getan. Vier Monate vor der amerikanischen Präsidentenwahl hat Kanye West, stilecht bei Twitter, seine Kandidatur angekündigt: "We must now realize the promise of America by trusting God, unifying our vision and building our future." Man muss das - wie so einiges aus Wests Mund - nicht unbedingt ernst nehmen. Schon vor Jahren hatte er angekündigt, 2020 als Präsident zu kandidieren, hatte sich in der Zwischenzeit aber zum "Make America Great Again"-Käppchen tragenden Trump-Unterstützer gewandelt. Wie ernsthaft diese Kandidatur nun gemeint ist - es gibt bald ein neues Album, das beworben werden muss -, bleibt offen. Sie könnte aber ernste Folgen haben, wenn West Stimmen schwarzer Wählerinnen und Wähler anzieht, die sonst vielleicht dem demokratischen Kandidaten Joe Biden zufallen würden.

Die USA und Gott, das ist eine besondere Beziehung, auch für den ewigen Indie-Träumer Sufjan Stevens. Mit "America" hat er gerade - samt Video - den ersten Song aus seinem neuen Album "The Ascension" (Asthmatic Kitty) veröffentlicht, das im September erscheinen soll. Zwölf Minuten lang weht eine amerikanische Flagge in Zeitlupe im Wind, während die Musik dröhnt wie eine digitale Chorprobe via Zoom, bei der wegen Überfüllung immer mal wieder die Internetverbindung hakt. "Don't do to me what you did to America", hallt Stevens' vervielfachte Stimme und egal, ob er damit Jesus, Trump oder doch Kanye West meint, klingt das zu gleichen Teilen verloren und hoffnungsvoll wie nur Sufjan Stevens in seinen besten Momenten klingen kann.

Nach ihren beiden Alben für Third Man Records, das Label von Jack White, galt Margo Price als so etwas wie der alternative Star der Countryszene von Nashville, Tennessee. Mit diesem Ruf bricht sie auf ihrem dritten Album "That's How Rumors Get Started" (Loma Vista Records). Neues Label, neuer Produzent (Sturgill Simpson), stilistisch abwechslungsreicherer. Gleich im Eröffnungstrack sind kalifornische Westcoast-Pop-Vibes à la Fleetwood Mac zu hören, in "What Happened To Our Love" packt Price ihre beste Achtziger-Power-Balladen-Stimme aus, "Twinkle Twinkle" ist Blues-Rock Marke Black Keys. "That's How Rumors Get Started" ist damit eine zutiefst amerikanische Rock-Platte, voller Tramp-Romantik. Im Herzstück "Prisoner Of The Highway" schwoft eine Orgel satt und saftig herum, während Price davon singt, dass sie ihren Koffer niemals abstellen kann und sich der Wind nach Freiheit anfühlt. Natürlich sind das Klischees vom ewig ungebundenen Streuner und Herzensbrecher. Dass es aber eine Frau ist, die hier ihr Sweetheart im Staub zurücklässt, ist dann doch eine neu.

Mitte Juni machte der Produzent und DJ Galcher Lustwerk seinem Frust Luft. In einer Reihe von Tweets ließ er sich über den Rassismus aus, den er als Schwarzer Künstler in der elektronischen Musikszene viele Jahre erlebt hatte. Weiße Promoter, die das N-Wort benutzen. Türsteher, die ihm nicht glauben, dass er der DJ ist. Hotelangestellte, die ihn auf Tour schief anschauen. Verletzungen und Traumata, sie brechen dieser Tage vielerorts auf. Auch unter der glitzernden Oberfläche von "Proof" (Ghostly International), Lustwerks neuer EP, brodelt es. Es gibt keine Hooks, an die man sich in diesen Tracks klammern kann, nur das stoische Wummern der Beats und ein Sog, der einen immer tiefer in die Nacht zieht.

Und es melden sich The Streets zurück. "None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive" (Island/Universal) heißt das neue Mixtape des Ein-Mann-Projekts um den britischen Rapper Mike Skinner, der - so eine der bemerkenswerteren Textzeilen der Platte - lieber eine Niere hergeben würde als sein Handyladekabel. Muss ja auch ganz schon viel Akkuleistung gekostet haben, die vielen Kollaborateurinnen und Kollaborateure auf diesem selbsternannten "Rap-Duett-Album" zusammenzutrommeln. Das erste Duett mit Tame Impala gibt das Tempo vor, gemütlich groovt die Platte voran, Skinner wühlt sich stilsicher durch die Kiste mit aktuellen Trends, bisschen Psychedelic-Nebel hier, bisschen Schlafzimmer-Soul da. Interessanterweise sah sich der Rapper jüngst in mehreren Interviews mit der Frage konfrontiert, ob er "gecancelt" werden würde, wenn er heute noch so sexistische Songs wie "Fit But You Know It" schreiben würde. Dass seine musikalische Antwort darin besteht, zurückzutreten und die Bühne mit jungen Talenten zu teilen, ist für einen (mittel)alten weißen Mann dann aber doch erstaunlich.

© SZ vom 08.07.2020

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