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Popkolumne:Seufzend rumpeln

Diesmal mit neuer Musik von Jeff Tweedy, KT Tunstall, The Reverend Horton Heat und The 1975 - und der Liste der "besten Bandnamen mit Zahlen".

Von Max Fellmann

Nach vielen Jahren und vielen wundervollen Alben mit der Band Wilco bringt Jeff Tweedy jetzt sein zweites Soloalbum heraus. Es heißt "Warm" und hört sich auch so an: sanfter, unmittelbarer Country-Pop, der klingt, wie sich ein Kaminfeuer in einer Holzhütte anfühlt. Tweedy ist ein gebeutelter Mann, er hat schwere Zeiten hinter sich, Krankheiten und Abhängigkeiten aller Art, mehr Tiefen als Höhen, das verleiht den kontemplativen Songs auf "Warm" eine spürbare Tiefe. Hier erzählt einer in Zeitlupe von den Farben und Narben seines Lebens. "Oh, I don't believe in heaven / I keep some heat inside / Like a red brick in the summer / warm when the sun has died." Das können wenige so wie er. Der Schriftsteller George Saunders, ein guter Freund, hat ihm zu diesem Album eine rührende Eloge geschrieben und erklärt: "Ich frage mich seit vielen Jahren, wozu es Kunst gibt, und ich bin zu dem Schluss gekommen: Die Aufgabe des Künstlers ist es, Trost zu spenden - er soll keine Allheilmittel anbieten, keine Rezepte, sondern seine besondere Form von Trost. Jeff ist der große eigenwillige Trost-Poet Amerikas." Im Hintergrund seufzt die Steel-Guitar, und selbst wenn der Himmel da draußen gerade so tief hängt, als gäbe es kein Morgen, macht jeder Takt dieses Albums klar: Es wird schon weitergehen, irgendwie. Nur Mut.

"The Night That Bowie Died". Die sträflich unterschätzte 43-jährige schottische Indiepop-Songwriterin und Sängerin KT Tunstall singt auf ihrem neuen Album "Wax" ein Lied von Abschied und Erinnerung. Jemand ist weit weg, alles versinkt in Melancholie, und der Refrain endet mit der Zeile "The whole world gave a sigh / Like the night that Bowie died". Dass Pop sich auf musikalischer Ebene ständig selbst zitiert, ist bekannt, aber auch in den Texten gibt es die Tradition, sich immer mal wieder auf Pop-Momente zu beziehen. So entstehen Songs mit doppeltem Boden, berühmt natürlich "Smoke On The Water", der Deep-Purple-Song über den Konzertunfall von Frank Zappa. Weniger berühmt, dafür hübsch smart: The Sparks, "When Do I Get To Sing 'My Way'", das Lied im Lied als Chiffre für einen würdevollen Abgang. Jetzt KT Tunstall - bei ihr kommt zum Bowie-Bezug noch dazu, dass der Titel an "The Day The Music Died" erinnert, den Flugzeugabsturz von Buddy Holly und Ritchie Valens, den Don McLean in "American Pie" besang. Schicht für Schicht Popgeschichte also - aber das Beste ist: KT Tunstalls Song ist so schön, dass er auch ohne jede Fußnote zu Herzen geht.

The Reverend Horton Heat gibt es seit bald 30 Jahren - und genauso lang steht das amerikanische Trio im Schatten des anderen großen Rockabilly-Trios, der ungleich berühmteren Stray Cats. Man kann sich RHH als deren etwas schmuddligere Cousins vorstellen: Das Tempo ist prinzipiell höher, Rhythmus und Sound sind oft härter, an der Grenze zum Punk oder drüber, und das Stilbewusstsein der Band ist eine eher fragile Angelegenheit (dem Schlagzeuger ist es völlig egal, ob seine Vordermänner top-frisierte Tollen tragen, er sitzt langmähnig hinter ihnen und würde auch als Metal-Drummer durchgehen). In den USA geben die drei an die 200 Konzerte pro Jahr, auf ihrem neuen Album "Whole New Life" hört man ihnen das in jeder Hinsicht an: So eingespielt sie wirken, so dauer-angeschlagen ist Jim Heaths Stimme. An der Grenze zur Heiserkeit singt er sich durch grandiose High-Speed-Rumpler, dazwischen gönnt er sich Erholung in rührseligen Saloon-Songs. Aufregend und rührend zugleich.

Auf der Website Ranker.com gibt es eine Liste der "besten Bandnamen mit Zahlen". The 1975 landen da nur auf Platz 13. Etwas ungerecht, denn bei fast allen anderen Namen tauchen zwar irgendwo Zahlen auf - Jackson 5, Blink-182, U2, 30 Seconds To Mars, 3 Doors Down, Maroon 5 -, aber die vier Engländer sind eine der ganz wenigen Bands mit einem reinen Zahlennamen. Aber wie auch immer, mit dem neuen Album "A Brief Inquiry Into Online Relationships" drängen sie in die richtigen Top-Ten. Die Single "Sincerity Is Scary" ist eine geschmeidige R'n'B-Nummer, leicht verholperter Drumcomputer, säuselige Chöre - die letzten Reste von Indierock, die auf ihren ersten beiden Alben noch zu hören waren, sind verschwunden. Das nimmt die Kanten raus, im Guten wie im Schlechten. Jetzt müsste es mit den Hits eigentlich hinhauen. Und - ach so, ja, was die Zahlennamen angeht: Auf Platz 22 der Liste kommt dann noch eine Überraschung, der Schlagzeuger von Mötley Crüe: Nikki Sixx. Muss man wohl gelten lassen.

© SZ vom 28.11.2018

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