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Popkolumne:Schwebemusik

Ob Bullerengue-Gesang oder Cyberpunk-Opern: Ed O`Brien, Lido Pimienta, Mike Skinner und Shabazz Palaces liefern herrlich Frühlingshaftes.

Okay, bringen wir ihn hinter uns, den Satz mit dem bösen C-Wort. Danach sprechen wir wirklich nur noch über Musik, versprochen! Ja, auch Radiohead-Gitarrist Ed O'Brien hat sich vermutlich mit dem Coronavirus angesteckt, erholt sich aber scheinbar gut davon und gibt schon wieder muntere Interviews am Telefon. Anlass dafür ist "Earth" (Capitol/Universal), das erste Soloalbum, das unter dem Künstlernamen EOB erscheint und zwischen Indierock, akustischem Folk und stoisch programmierten Elektro-Grooves schlingert. Es gibt mal mehr und weniger überraschende Momente: Naheliegend ist etwa die Folk-Sängerin Laura Marling als Duettpartnerin für die Stimmung zwischen keltischer Kühle und jener sphärischen Intimität, die man in den letzten Jahren am ehesten vom britischen Produzenten Jon Hopkins kennt. Unerwarteter Referenzpunkt für O'Briens Grundidee - die Verbindung von Akustikgitarre und elektronischen Beats - ist dagegen "Screamadelica", Primal Screams einflussreiche Indie-Rave-Album aus dem Jahr 1991. Vor allem aber bestätigt sich, was Radiohead-Kenner schon lange ahnen: Der beste Songwriter ist Ed O'Brien vielleicht nicht, aber ein unterschätzter Meister der Texturen und des freiassoziierten Gitarrenspiels allemal.

Unbedingt empfohlen sei das neue Album von Lido Pimienta: Nach dem recht üppigen Synthie-Cumbia-Pop ihrer ersten beiden Alben, nähert sich die queere Popkünstlerin auf "Miss Colombia" (Anti) den afro-lateinamerikanische Wurzeln ihrer Musik an. Wir hören Cumbia-Rhythmen und traditionellen Bullerengue-Gesang, kolumbianischen Trommeln und Holzbläser eingebettet in modernen, nie überladenen Arrangements. Es sind mal heitere, mal melancholische, aber immer sonnige Songs, die den Finger thematisch aber tief in eine Wunde legen: Pimienta singt mit leuchtender, leicht kehliger Sopranstimme über die zynische, sexistische Gesellschaft ihrer Heimat, über die generationsübergreifenden Zyklen aus Schönheitskult und Gewalt gegen Frauen, über ihre kulturelle Verstrickung, trotz aller Abscheu. Am schönsten klingt das in "Te quería", einem Cumbia-Popsong in karibisch-kammermusikalischem Rahmen - Tanzrhythmus, Steel Drums, Klarinetten -, der auf eine zarte Weise ansteckend und herrlich frühlingshaft ist.

Auch schon wieder mehr als zehn Jahre ist das her, dass Ishmael Butler Shabazz Palaces gründete, jenes Musikprojekt, das den Hip-Hop der letzten Dekade in seine vielleicht abgelegensten Gefilde trieb. Die Platten des Duos aus Seattle sind immer abstrakt-futuristisch Cyperpunk-Opern. So auch die neue Platte "The Don Of Diamond Dreams" (SubPop), der sie dankenswerterweise keine komplett verspulte Hintergrundgeschichte in einem dystopischen Paralleluniversum übergestülpt haben wie beim letzten Mal. Diesmal machen sie einfach wieder, was sie am besten können: frei assoziieren in den lässigen Songstrukturen, die spontan improvisiert und zugleich kühl und präzise klingen und in denen es so düster zu funkeln scheint wie im Weltall. Die Jazz-Ornamente sitzen, genauso wie die Erkundungen von Trap- und Emo-Rap-Stile der jüngeren Hip-Hop-Generation. Und Ishmael Butler watet in seinen Raps durch bizarre, alltagsphilosophische und sozioökonomische Untiefen. Für Hip-Hop-Verhältnisse ist das auch nach zehn Jahren immer noch ein ziemlich guter Trip.

Ein gutes Timing beweist Mike Skinner mit der neuen Single seines UK-Rap-Projekts The Streets: "Call My Phone Thinking I'm Doing Nothing Better" (Island/Universal) ist die erste Single seiner für Juli angekündigten Platte (der ersten seit 2011) und eine Zusammenarbeit mit der australischen Psych-Pop-Band Tame Impala. Ein guter, ein typischer schluffiger Streets-Song: Skinner rappt mit seinem näselnden Cockney-Akzent über die Qualen der ständigen Erreichbarkeit, über das Herbeisehen und das Genervtsein von Anrufen, und über die große Langweile dazwischen. Dazu klopft eine dynamische, gänzlich unglamouröse Bedroom-Snare-Drum. Und im Refrain lädt Tame Impala-Frontmann Kevin Parker mit seinem flattrigen Falsett zum Wegdriften ein: "I was gonna call you back, I swear" - Ich schwöre, ich wollte dich zurückrufen." Die Stimmung ist träge und ein wenig sentimental, aber auf diese britisch-kühle, abgeklärte Art. So fügt sich diese kleine, moderne Handy-Fabel auf eine fast tröstende Weise in diese Tage, an denen wir ja alle wieder mehr telefonieren. Schwebemusik für den Schwebezustand.

© SZ vom 15.04.2020

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