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Popkolumne:Schwarze Gedanken

Die Popereignisse der Woche. Diesmal mit dem "Hamilton Mixtape" und der Antwort auf die Frage, ob Pop-Alben wieder kürzer werden sollten.

Man weiß ja nie, ob man bei Trumps Twitter-Gebrabbel lachen oder verzweifeln soll. Zu den lustigsten Tweets der vergangenen Wochen gehörte sein grundschülerhaftes Geschimpfe auf die Darsteller des Musicals "Hamilton". Man muss sich das noch mal kurz in Erinnerung rufen: Vor einem Monat besuchte Trumps zukünftiger Vize Mike Pence das Richard Rodgers Theatre in New York, um eine Aufführung des erfolgreichen amerikanischen Musicals zu sehen. Die versammelten Darsteller auf der Bühne sprachen ihn spontan an und erinnerten in einer Rede an Werte wie Offenheit und Toleranz. Tags darauf forderte Trump per Twitter: "Die Darsteller und Produzenten von Hamilton, das, wie ich höre, total überschätzt ist, sollten sich auf der Stelle bei Mike Pence entschuldigen." Es ist so unglaublich komisch: Wie der Mann im Nebensatz versucht, das Musical niederzumachen. Wie er aus lauter Wut auf etwas einhaut, das mit seinem eigentlichen Thema gar nichts zu tun hat. Wie er versucht, irgendwie einen Zusammenhang hinzuzimmern zwischen dem Verhalten der Schauspieler und der vermeintlich mangelnden Qualität ihrer Arbeit. Wie er dabei aber nicht mal selbst nähere Kenntnisse hat, sondern auf angebliches Hörensagen verweist. Jämmerlich. Was aber hat das alles mit Pop zu tun? Das Musical ist der größte Bühnenerfolg in den USA seit Ewigkeiten, und gerade ist ein begleitendes Album erschienen, das in Amerika sofort den ersten Platz der Charts belegte: "The Hamilton Mixtape" (Atlantic). Die besondere Idee: Es enthält nicht einfach die Musical-Songs in der Bühnenversion (das Album gab es zuvor schon, auch ein Riesenerfolg), die Stücke werden von einer eigens versammelten Superstar-Truppe gesungen. Es sind Hip-Hop-Größen wie Common, Nas, Busta Rhymes und Wiz Khalifa dabei, ebenso Sängerinnen und Sänger wie Alicia Keys, John Legend und Regina Spektor, das Ganze ist ein ziemlich runder, fast cremiger Querschnitt durch die verschiedenen aktuellen Spielarten dessen, was früher einmal als "Black Music" zusammengefasst wurde. Produziert wurde das Album von Questlove und Black Thought von den Roots. Und weil die Roots auch die Hausband in der Talkshow von Jimmy Fallon sind, darf Fallon den sehr hübsch beatleshaften Hamilton-Hit "You'll Be Back" singen (er schlägt sich gut). Ein besonders schöner Moment aber ist Queen Latifah zu verdanken: Im Song "Satisfied", den Sia singt, taucht sie plötzlich auf und rappt. Und unversehens merkt man, es ist viel zu lange her, dass man sie zum letzten Mal so gehört hat.

Jillian Mapes, Redakteurin des wichtigsten Online-Musikmagazins Pitchfork, hat sich gerade in einem schönen Artikel darüber ausgelassen, dass Alben heute prinzipiell viel zu lang seien. Das Thema beschäftigt Kritiker schon seit einiger Zeit, die Frage ist immer: War es nicht vielleicht ganz gut, dass auf Vinylplatten früher so wenig drauf passte? War es nicht gut, dass Musiker sich beschränken, für ein Album tatsächlich ihre besten Songs auswählen mussten? Sie geht dabei aus von Drakes jüngstem Album "Views". Es enthält 20 Songs, hat 81 Minuten Spielzeit, und auf fast die Hälfte davon könne man gut verzichten. Früher wäre so etwas ein Doppelalbum gewesen, also eine tendenziell größenwahnsinnige Geste. Heute ist es fast die Regel, die Charts sind voller überlanger Alben. Das liegt meistens weniger an künstlerischen Erwägungen als schlicht daran, dass mehr Songs, die online verfügbar sind, mehr Klicks bringen, mehr Einzeldownloads, und so mehr Umsatz. Jillian Mapes erinnert an große Alben der Achtzigerjahre, das ist zwar müder Kulturpessimismus, aber hilft nichts, sie hat ja recht: Madonnas Debüt (acht Songs), Michael Jacksons "Thriller", "Purple Rain" von Prince (je neun Songs), diese Alben waren vielleicht auch deshalb so stark und wirkungsvoll, weil sie in komprimierter Form das Beste zeigten, was ihre Interpreten gerade zu bieten hatten. Heute wird alles aufs Album gepackt, was da ist. Und wenn es später noch mal als "Deluxe"-Version erscheint, ist es dann um alles ergänzt, was in den Studio-Archiven noch zu finden war, Demos, alternative Aufnahmen, Variationen bekannter Songs. Nur mal ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn sich die Bedeutung des Etiketts "Deluxe" allmählich ins Gegenteil verkehrte? Dann würde es bedeuten: reduzierte Album-Ausgabe, befreit von allem Unrat, komprimiert auf das wirklich Elementare. Ein Kunstwerk. Wäre vielleicht eher ein paar Euro extra wert als die übliche Deluxe-Resterampe.

Tja, und neue Musik? Sollten hier nicht noch ein, zwei Hinweise kommen? Auf neue Alben, die diese Woche zumindest ein Probehören lohnen? Eigentlich schon. Aber auf den letzten Metern vor Heiligabend kommt fast nichts mehr heraus. Also bitte einfach am Samstag die Kerzen anzünden und noch mal anhören, was in den letzten zwölf Monaten besonders und bewegend und schön und einmalig war. An dieser Stelle empfohlen: "22, A Million" von Bon Iver, "Black Star" von David Bowie, "Head Carrier" von den Pixies. Frohe Weihnachten!