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Popkolumne:Schubkraft der Jugend

Will Toledo hat sich nach der Kopfstütze eines Autositzes benannt, sein Album "Twin Fantasy" wurde trotzdem die Kultplatte der Nullerjahre. Jetzt erscheint sie neu. Dazu Hörenswertes aus Afrika und London.

Von Annett Scheffel

FEU

Auf eine bisher zwar relativ kurze, aber beeindruckend produktive Karriere kann der Amerikaner Will Toledo zurückblicken. Unaufhaltsam scheinen die klugen und schmerzlich intimen Indierock-Songs, die er als Car Seat Headrest macht, aus ihm herauszusprudeln. Die seltsam bekloppte Idee, sich nach der Kopfstütze eines Autositzes zu benennen, geht auf die Anfänge zurück: Mit 18 begann Toledo seine Musik mit billiger Laptop-Software auf dem Rücksitz seines Kleinwagens aufzunehmen und lud bald ganze Alben auf die Künstlerplattform Bandcamp hoch. Ein Jahr später entstand 2011 bereits Album Nummer Sechs: "Twin Fantasy" gilt mittlerweile nicht mehr nur unter frühen Fans als kleine, leuchtende Indie-Kultplatte der Nullerjahre. Die hat Toledo nun noch einmal komplett neu eingespielt. Die Überarbeitung, die zugleich eine Entstaubung und Perfektionierung ist, bringt die rührenden Lo-Fi-Songs auf "Twin Fantasy" (Matador/Beggars) zum Strahlen: die vielen schönen Melodien und komplexen Songstrukturen treten klarer hervor ohne das Rauschen, das über dem Original hing. Trotzdem entfernt sich Toledo nie weit vom schrammeligen Gitarrensound, für dessen An- und Abschwellen er sich in "Beach Life In Death" sogar ganze 13 Minuten Zeit nimmt und der so wunderbar zur emotionalen Unordnung der Texte passt. Die kreisen in erstaunlich ungefilterten Momentaufnahmen um die Irritationen einer College-Liebe - mitsamt der sich daraus ergebenden Lektionen und hässlichen Wahrheiten. "I pretended I was drunk when I came out to my friends", singt er einmal, "and I laughed and changed the subject." Will Toledos Poesie ist seine Ehrlichkeit.

Wie man als Popmusiker eine politische Botschaft in die Internetöffentlichkeit hinausschickt, die ja regelmäßig von Donald Trumps rassistischen Verbalausstößen verklebt wird, ohne sich ständig zu wiederholen - das zeigte kürzlich David Byrne. Auf seiner Website veröffentlichte der ehemalige Talking-Heads-Sänger unter dem Titel "The Beautiful Shitholes" eine Playlist mit Musik aus jenen karibischen und afrikanischen Ländern, über die sich Trump im Januar bei einem Treffen mit Senatoren verächtlich geäußert haben soll. Statt zurück zu schnauzen, setzt Byrne auf die viel bessere Taktik: Bei ihm steht die ganze Fülle der Jazz- und Weltmusik-Stücke von Künstlern wie Fela Kuti (Nigeria), Miriam Makeba (Südafrika), Songhoy Blues, (Mali), Los Van Van (Kuba) oder Richard Bona (Kamerun) als klangvolles Statement gegen alles, was an Trumps Weltbild falsch ist.

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Ein Blick lohnt sich aber auch in dieser Woche nach Südlondon, wo mit Bands wie Fat White Family und Shame gerade die vielleicht spannendste neue Indierock-Szene seit Jahren heranwächst. Schnelle, kurze und bissige Songs spielen auch die vier so mürrisch, wie humorvoll wirkenden Londonerinnen von Goat Girl. Besonders ansteckend ist in ihrer zackigen Schnodderigkeit die neue Single "The Man". In den drei Minuten des Songs steckt praktisch die ganze Schubkraft der vom Brexit durchlöcherten, britischen Jugendkultur: Gelangweilt, aber rebellisch und mit viel trockenem Humor spielen sie ihre polternden Gitarren zwischen Post-Punk und staubigen Honky-Tonk-Rhythmen. Dazu erzählt Sängerin Lottie mit der herrlich schleppenden Stimme einer gelangweilten Sirene in schöner, direkter Sprache von einer Großstadtliebe: "I watch your eyes / Watching my thighs" - deine Augen ansehen, die meine Schenkel ansehen. Das Beste ist aber die Lust an jener Scheiß-drauf-Schäbigkeit, die britische Bands schon immer mit so viel Würde zelebrierten. Goat Girl können das mindestens so gut wie Siouxsie and the Banshees oder die Pixies.

Ordentlich Luft gemacht hat sich Produzenten-Legende Quincy Jones. In den zwei Interviews, die er in diesen Tagen dem Onlinemagazin Vulture und der amerikanischen Ausgabe des GQ gab, teilt der 27-fache Grammy-Preisträger kräftig aus. Die Beatles seien "die schlechtesten Musiker der Welt" gewesen, als er sie zu Beginn ihrer Karriere traf: "Paul war der mieseste Bassist, den ich je gehört habe. Und Ringo? Davon wollen wir gar nicht erst anfangen." Michael Jackson, dessen Produzent er war, hätte Songs gestohlen. ("Er war so machiavellistisch, wie man nur sein kann.") Prince hätte außerdem einmal versucht Jackson mit seiner Limousine zu überfahren. Die Frage, ob seine Kumpel von U2 eigentlich noch gute Musik machen, beantwortet er mit einem Kopfschütteln. Und Elvis Presley? "Der Motherfucker konnte nicht singen." Ein wenig erinnert die Parallelversion der Popgeschichte, so wie Jones sie erzählt, an eine funky Gaunerkomödie. Und in der ist er selbst der große Pimp. Einer, der auf die Frage, welcher seiner Künstler erfolgreicher hätte sein sollen, antwortet: "Was zum Teufel redest du da? Ich hatte da nie ein Problem. Sie waren alle groß."

© SZ vom 14.02.2018
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