Süddeutsche Zeitung

Popkolumne:Schaukelstuhlbossa

Die Popereignisse der Woche. Diesmal mit 2raumwohnung, Royal Blood, Queens Of The Stone Age, Jeff Tweedy und der Antwort auf die Frage, was der Rapper Jay-Z und der ehemalige amerikanische Präsident Barack Obama wirklich gemeinsam haben.

Von Max Fellmann

Was für eine hübsche Idee: Inga Humpe und Tommi Eckart haben für das Doppelalbum "Nacht und Tag" (It Sounds) zehn Stücke zweimal aufgenommen - erst in einer "Nacht"-Version, dann die gleichen noch mal in "Tag"-Versionen. Ihr Projekt 2raumwohnung, das es inzwischen schon seit 17 Jahren gibt, stand ja immer für beides: einerseits elektronische Musik, die sich aus langen Berliner Techno-Nächten speist, andererseits dieses ganz entspannte Nachmittagsding, sanfter Gesang, ein bisschen Computerloop, dazu akustische Gitarre. Erst Pillenspaß, dann Latte macchiato. Auf "Nacht und Tag" stellen die beiden diese zwei Seiten jetzt direkt einander gegenüber - und das geht auf. Fast egal, ob man 2raumwohnung mag oder nicht, es macht Spaß, sich durch die Versionen zu hören, Tag und Nacht zu vergleichen, hier reinhören, da reinhören, noch mal zurück und wieder von vorn. Oft erschließt sich der Gegensatz schnell: Der Song "Somebody Lonely And Me" zum Beispiel ist in der Nacht-Version kühler, trockener, kommt mit minimalen Mitteln aus, die Tag-Version dagegen hat ein paar Akkorde mehr, lässt akustische Instrumente und Nebenmelodien zu - und eine Menge Melancholie. Oder "Ich bin die Bassdrum": nachts voluminöser Vierviertel-Beat, klar, tags dafür Schaukelstuhlbossa mit Slide-Gitarre. Aber es gibt auch Varianten, bei denen man eine Weile diskutieren könnte: Warum ist das jetzt Tag, klingt da nicht eher die Nacht-Variante nach Sonne? Und hier, diese Tag-Version müsste man doch eigentlich nur satt aufdrehen, und die Halle tobt. Aber genau das macht es interessant, plötzlich steht man beim Hören vor der Frage: Was genau erwarte ich eigentlich von Musik?

Beyoncé Knowles hat Zwillinge zur Welt gebracht, das war überall zu lesen. Ein wenig untergegangen ist dabei, dass ihr Mann Jay-Z fast gleichzeitig als erster Rapper in die amerikanische Songwriters Hall Of Fame aufgenommen wurde. Die Ehrenrede hielt Barack Obama, er zählte dabei die Parallelen zwischen sich und Jay-Z auf - ohne Vater aufgewachsen, nach oben gekämpft. Als wichtigste und lustigste Gemeinsamkeit benannte er aber: "Wir haben beide Frauen, die bedeutend populärer sind als wir selbst."

Vor drei Jahren war das britische Duo Royal Blood die Überraschung des Sommers. Der eine spielt Schlagzeug, der andere spielt Bass und singt, weit und breit keine Gitarren, trotzdem gelingt den beiden grandioser Riff-Rock. Royal Blood wurden gefeiert, spielten sofort alle großen Festivals und waren eine Weile so präsent, dass man kaum glauben mag, dass das jetzt erscheinende Album "How Did We Get So Dark?" (Warner) erst ihr zweites ist. Darauf geht es ungebremst mit schwerem Gedonner weiter. Die Kombination aus hartem Schlagzeug, vollverzerrter Begleitung und dünnem Falsett-Gesang erinnert wieder sehr an Queens Of The Stone Age, Lieder wie "Look Like You Know" könnten bis in einzelne Zwischenteile hinein von Josh Homme sein. Prinzipiell kein Nachteil, schade ist eher, dass die Beschränkung auf Bass und Schlagzeug mit der Zeit tatsächlich etwas, nun ja, beschränkt wirkt. Nach acht Stücken freut man sich über "Hole In Your Heart", das eine Lied, in dem plötzlich ein E-Piano auftaucht.

Die Queens of the Stone Age haben passenderweise gerade ihren ersten neuen Song seit langer Zeit veröffentlicht. Und schlagen schon wieder einen Haken, mit dem sie Royal Blood locker abhängen: Produziert wurde "The Way You Used To Do" von DJ und Amy Winehouse-Produzent Mark Ronson - und prompt klingt das alles gar nicht mehr nach bösen Jungs in der Wüste, sondern nach einer fröhlichen Mischung aus Garagenrock und Sixties-Cocktailparty. Vielversprechend - im Spätsommer kommt ein ganzes Album.

Und falls gerade noch jemand auf der Suche nach Musik ist, die den Sommer über leise auf dem Balkon laufen kann, dann hier, bitte: Jeff Tweedys "Together At Last" (dBpm Records). Der Sänger und Songschreiber der Alternative-Country-Band Wilco hat elf Lieblingslieder aus seinem eigenen Werk (20 Alben in 20 Jahren) zusammengesucht und sie so simpel wie möglich aufgenommen: nur er und eine akustische Gitarre. Ganz selten mal eine Mundharmonika oder eine zweite Gitarre. Den Stücken tut die Reduktion gut. Man hat das Gefühl, sie seien gerade erst entstanden, zum Beispiel das beschwingte "Dawned On Me" (vom Wilco-Album "The Whole Love", 2011). Andere, zum Beispiel "Hummingbird" (von "A Ghost Is Born", 2004), wirken wie Folksongs, die es schon seit mindestens 100 Jahren geben könnte. Und alles klingt wie eine spontane Session am Nachmittag, bei selbstgemachter Limonade und Keksen.

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Quelle:
SZ vom 21.06.2017
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