Popkolumne:Immer gefährlich: Gitarren in Männerhänden

Lesezeit: 3 min

Popkolumne: Schreibt solo Liebesbrief an die Kung-Fu-Filme einer Zeit, "als es nur fünf Kanäle zur Auswahl gab": "Wu Tang"-Mastermind RZA.

Schreibt solo Liebesbrief an die Kung-Fu-Filme einer Zeit, "als es nur fünf Kanäle zur Auswahl gab": "Wu Tang"-Mastermind RZA.

(Foto: CAA)

Neue Musik von RZA, "Blue J", Kaina und Vitalic. Und dazu jede Menge Fernsehnostalgie.

Von Juliane Liebert

Vergangenen Sonntag lief die letzte Folge der zweiten Staffel von "Euphoria". In der Folge gibt es, Mini-Spoiler, eine Szene, in der Elliot (Dominic Fike) der Hauptfigur Rue (Zendaya) für gefühlt zehn Minuten einen Song vorspielt, während anderswo Charaktere in Lebensgefahr schweben. Es war von der Regie offenbar als tiefschürfende, sentimentale Szene gedacht, die beide Charaktere verbindet. Leider waren alle Zuschauer nur genervt - warum muss der Mann ausgerechnet jetzt sieben Strophen singen? Warum hält ihn niemand davon ab?

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Nun: Es ist einfach immer, immer sehr gefährlich, Männern eine Gitarre in die Hand zu geben. Es sollte Gitarrenscheine geben, wie es Waffenscheine gibt, um größeres Übel zu verhindern. Das denkt man auch bei Blue Js Debütalbum "A Sign of Good Luck" (Nettwerk Music Group). Dabei machen Blue J an sich nichts verkehrt. Die Gitarrensoli sitzen und alles ist an seinem Platz. Ihr Pech ist eher, dass wir eben schon die Eels haben und Weezer, wenn wir irgendwie belanglosen Indie von Menschen hören wollen, die sogar unsere Mütter schon beim ersten Treffen langweilig fänden (auch wenn sie zu nett wären, was zu sagen, immerhin "ist der junge Mann sehr höflich und hat Blumen mitgebracht".)

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Die Sängerin Kaina kommt aus Chicago, "It Was a Home" (City Slang) ist ihr zweites Album. Es klingt irgendwie zeitlos, wie aus den Neunzigern gefallen, ein Traumrest aus Soul, R'n'B und Musikfernsehen. Erinnert sich noch jemand an Musikfernsehen? Man konnte nicht skippen. Man musste jeden einzelnen Song bis zum Ende aushalten, außer man schaltete um oder ab. Was das für die Charakterbildung tat! Kaina hätte man aber sowieso nicht geskippt. Kaina besingt Äpfel und Spiegel. Softe Vocals, warme Klänge. "I used to live in a little room in a little house with a crooked view" beschwört sie im titelgebenden Track, "It Was a Home", alte Erinnerungen. Das Zuhause, das sie besingt, ist dabei so universell und unspezifisch, wie wenn sie einen Song später summt, sie habe ab und zu ein gutes Gefühl. Ungelogen. Wir auch. Nur derzeit eher nicht.

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Da ist es doch beruhigend, dass es Vitalic noch gibt. Der französische Technoproduzent hatte im Oktober vergangenen Jahres "Dissidænce Episode 1" herausgebracht, jetzt folgt "Episode 2" (Clivage Music), und die ist noch düsterer und wütender als der Vorgänger. Die Art Techno, die um 2010 in Berliner Clubs wie dem Mikz auf der Partyreihe "Robot Army" gespielt wurde. Man kann den Schweiß und den Dampf der Nebelmaschinen riechen, die Straßen sind dreckig, die Sonne geht über der Warschauer Brücke auf, die Miete für eine Fünf-Zimmerwohnung (Altbau) beträgt 250 Euro warm, irgendwo weint leise Paul Kalkbrenner. Was ist passiert, Paul? Wo sind wir falsch abgebogen? In Vitalics "The Void" wiederholt eine monotone Stimme "I belong to the void", ich gehöre ganz der Leere, immer und immer wieder, aber diese Leere ist natürlich belebt, eine Kakophonie dutzender Stimmen, Drums und Geräusche trägt sie. Solche Musik gehört nicht auf Laptop-Lautsprecher, sie gehört ins Halblicht der Clubs. Gut, dass Vitalic bald auf Tour geht. Hoffen wir, dass er die Leere mitbringt, um all die überforderten Herzen und Hirne zu beruhigen.

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Wenn Wu-Tang-Clan-Legende RZA und DJ Scratch ein Album ankündigen, hört man besser genau hin. Das oft verschobene "Saturday Afternoon Kung Fu Theater" (36 Chambers / MNRK Records) erscheint diesen Freitag nun endlich tatsächlich. Die Tracks sind während der Pandemie entstanden, sie basieren auf unfertigen Skizzen, die im Rahmen der Produktion für die Wu-Tang-Doku "Wu-Tang Clan: Of Mics and Men" entstanden. RZA und DJ Scratch haben sie gemeinsam ausgearbeitet. Im Video zur titelgebenden Single sieht man einen kleinen Jungen mit Spielzeugfiguren Krieg spielen, bis er vom TV abgelenkt wird - wo eine Robotervariante von RZA mit sich selbst kämpft. RZA beschreibt das Album als Liebesbrief an die Kung-Fu-Filme, die jeden Samstag auf lokalen Fernsehkanälen liefen, "als es nur fünf Kanäle zur Auswahl gab". Die Fernsehnostalgie ist allgegenwärtig. Fernseher konnte man halt ausstellen. Das war schön. Ach so: Der Sound auf "Saturday Afternoon Kung Fu Theater" ist solide, wenig überraschend - im Guten wie im Schlechten. Man fragt sich kurz, welches Jahr man hat, aber von RZA hatte eh niemand Hyperpop erwartet.

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